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sábado, 5. diciembre 2020
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Walter Stooss – Schulleiter der Schweizer Schule Santiago

«Zurück in den richtigen, echten Unterricht»

Walter Stooss

Von Walter Krumbach

Er durchlebt derzeitig das atypischste Jahr seiner Pädagogenlaufbahn. Das Schulgebäude ist leer, die Kinder nehmen Online am Unterricht teil. Ein gutes Quäntchen Improvisationsgabe ist vonnöten, damit so etwas funktioniert. Jetzt arbeitet Walter Stooss intensiv daran, die ersehnte Normalität wieder herzustellen.

Am 5. Januar dieses Jahres kam er mit seiner Frau in Chile an, seit dem 15. Februar ist er der Schulleiter der Schweizer Schule in Santiago. Er hatte jüngst das Amt des Schulleiters der Schweizer Schule in Rio de Janeiro abgegeben und eine Reise der besonderen Art angetreten: «Wir haben die Rucksäcke gepackt, den Container abgeschickt und sind ohne Plan in Richtung Süden aufgebrochen». Das Ehepaar durchquerte Uruguay und Argentinien bis Patagonien. Von Puerto Natales nach Puerto Montt genossen sie eine viertägige Schiffsreise, «und da hab’ ich auf die Uhr geschaut und festgestellt: In zwei Tagen muss ich in Santiago sein, jetzt fliegen wir», schmunzelt er.

Bei seiner Ankunft in Santiago hatte er bereits eine ansehnliche Lateinamerika-Erfahrung gesammelt. Vor seinen viereinhalb Jahren in Brasilien hatte Walter Stooss in Mexiko-Stadt gearbeitet. Seine Frau Adelaide Stooss ist übrigens auch Lehrerin. Sie unterrichtet an der Deutschen Schule Santiago.

Für die Stellung in Chile hatte er sich «vor allem wegen der Sicherheitslage in Rio» interessiert. «In den letzten Jahren war sie ziemlich außer Kontrolle geraten, ich hatte in der Schule Bombendrohungen mit Lösegelderpressungen. So schön die Stadt und so gut das Klima ist, haben wir gesagt, jetzt schauen wir weiter.» Die Bewerbung in Santiago war relativ schnell erfolgreich, da ein Schulleiter mit Lateinamerika-Erfahrung gesucht wurde.

Am 2. März begann der Unterricht. Aus dem Ausland trafen besorgniserregende Nachrichten über die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie ein. Walter Stooss traf mit seinen Mitarbeitern rasch die nötigen Maßnahmen, um am 16. März einen Probelauf zu machen. «Das war dann kein Probelauf, weil wir am Samstag davor die Schule zugemacht haben!», erinnert er sich.

Dennoch, unterstreicht er, sei seitdem kein einziger Schultag verpasst worden. Der Unterricht wurde für alle Kinder per Google-Classroom weiter erteilt. Dabei wurde besonders darauf geachtet, «dass die Schule unter diesen Umständen möglichst gut läuft». Da der Online-Unterricht für alle Beteiligten – Lehrer, Schüler und Eltern – ungewohnt war, hielt der Schulleiter den ständigen Kontakt mit der Gemeinschaft aufrecht. 

Dazu kam die Belastung der Lehrer, die sich unverzüglich auf die völlig neue Art zu unterrichten einstellen mussten. All dieses unter einen Hut zu bringen, war alles andere als einfach. «Jetzt bin ich froh, dass wir wieder mit dem Präsenzunterricht beginnen können», sagt Walter Stooss erleichtert. Seit dem 2. November gehen die Kinder einmal pro Woche in kleinen Gruppen in die Schule und werden dort persönlich unterwiesen. «Im Vordergrund steht eigentlich nicht der Unterricht, sondern das Einüben von sanitären Maßnahmen. Das Psychoemotionale muss berücksichtigt und die vergangenen sieben Monate müssen aufgearbeitet werden», erklärt der Schulleiter. 

Jedes Kind besucht einmal pro Woche die Schule und der Rest läuft vorerst online weiter. «Sobald die Verhältnisse es erlauben, geht es wieder richtig los», versichert Walter Stooss. Es ist eine Aufbauphase, in der die Schulgemeinschaft sich mit der wiederum neuen Situation vertraut machen soll. Seit Mai arbeitet die Schule intensiv daran, den Einstieg so zu organisieren, dass einerseits die Sicherheit gewährleistet ist, aber andererseits der Unterricht wieder losgehen kann. 

In diesen Prozess wurden auch Eltern und Schüler sowie Ärzte einbezogen. «Ich bin froh, dass wir zusammenarbeiten können», meint der Schulleiter, «denn ich spüre immer wieder, dass Gesundheit gegen Erziehung abgewogen werden muss. Erziehung sagt: Wir müssen zurück, Gesundheit sagt: Bloß nicht!» In der Schweizer Schule werden beide Positionen berücksichtigt, was eine allmähliche Normalisierung zur Folge haben soll. 

Mit der derzeitigen pandemiebedingten Situation ist «niemand zufrieden», stellt Walter Stooss fest, «aber ich glaube, wir haben das so auf die Reihe gebracht, dass die Leute sehen, dass die Lehrer ihr Bestes geben.» Natürlich «will man wieder zurück in den richtigen, echten Unterricht». Online ist «zum Glück», wie er betont, kein gleichwertiger Ersatz. Es fehlen dabei «entscheidende Dinge, wie der soziale Kontakt, etwas in Gruppen erarbeiten.» 50 Prozent der Lehrer sind Schweizer, die mit den Kindern nur Deutsch sprechen. Die Schüler sind somit ständig in einem Umfeld, wo sie zwischen Sprachen wechseln: «Das ist mit zwei bis drei Sitzungen in der Woche zu kurz gekommen!»

In seiner Freizeit ist Walter Stooss mit Vorliebe außer Haus, genießt das Reisen und Wandern. Als ehemaliger Skilehrer steigt er gerne auf die Bretter, was in diesem Jahr leider nicht möglich war. «Das hat mich furchtbar gejuckt!», gesteht er spontan. Sport treibt er jedoch trotz allem: Mit einer Gruppe Freunden spielt er Volleyball und täglich fährt er mit dem Fahrrad zur Schule.

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