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sábado, 5. diciembre 2020
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Die sechs Architekten der Wiedervereinigung (Teil 2)

Von Silvia Kählert

Am 9. November vor einem Jahr feierte Deutschland mit der ganzen Welt den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Dieses Jahr ist es 30 Jahre her, dass Ost- und Westdeutschland wieder vereint sind: Am 3. Oktober 1990 trat der Einigungsvertrag in Kraft. Es waren vor allem sechs Männer, die gemeinsam mit Bundeskanzler Helmut Kohl die Einheit gestalteten. Nach Bundesaußenminister Genscher und Chef des Bundeskanzleramtes Rudolf Seiters im Cóndor am 2. Oktober werden nun Lothar de Maizière, Wolfgang Schäuble, Günther Krause und Horst Teltschik vorgestellt.

Lothar de Maizère – der Anwalt der Ostdeutschen 

Lothar de Maizière wird DDR-Regierungschef nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990.

Er war zusammen mit Helmut Kohl in Deutschland der wichtigste Politiker für die Wiedervereinigung. Der 1940 im thüringischen Nordhausen geborene Lothar de Maizière stammte aus einer hugenottischen Familie. Er war zunächst Orchestermusiker, musste aber wegen einer Nervenerkrankung die Musikerkarriere aufgeben und wurde Rechtsanwalt. 1985 wurde er Mitglied, später Vizepräses der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen; ab 1987 war er Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kirchenfragen beim CDU-Hauptvorstand. Zum Zeitpunkt des Mauerfalls im November 1989 war er einfaches Mitglied der Ost-CDU. 

Da er unbelastet war, stieg er zu-nächst an die Spitze der CDU auf und dann bei den Volkskammerwahlen vom März 1990 an die Spitze der Regierung der untergehenden DDR. Seine Hauptaufgabe als DDR-Regierungschef: das Aushandeln des Vertrags zur Wiedervereinigung. Der schmale Politiker mit Brille und Bart sah sich als Vertreter von 16 Millionen Ostdeutschen beim Prozess zur Einheit. Im Interview mit Vatikanradio am 8. November 2019 nannte de Maizière als eine Grundfrage seiner damaligen schwierigen Aufgabe: «Wie kann man nach Zeiten des Unrechts mit dem Recht nach Gerechtigkeit suchen, ohne neues Unrecht zu begehen oder gar dem Recht unrecht zu tun?» Er sprach das Thema des Unrechts der Enteignung in der DDR an.

Er habe es als Glück empfunden, dass sein Verhandlungspartner beim Ringen um den Vertrag zur deutschen Wiedervereinigung Wolfgang Schäuble gewesen sei. Er sei heute immer noch mit ihm befreundet.

So schnell, wie die Zeitgeschichte de Maizière in die Politik katapultierte, so schnell beendete der ruhige Mann seine Karriere auch wieder: Schon Ende 1990 trat de Maizière von seinem kurz zuvor übernommenen Ministeramt zurück. Im September 1991 gab er auch seine Ämter in der CDU ab und schied aus dem Deutschen Bundestag aus. 

Sein wichtigster Ratgeber auf diesem Weg war sein Cousin aus dem Westen: Thomas de Maizière. Er war damals Pressesprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus und wurde auf Bitten von Lothar de Maizière von dieser Arbeit freigestellt. Thomas de Maizière blieb allerdings dem Politikbetrieb weiter treu: von 2013 bis 2018 war er Bundesinnenminister unter Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Wolfgang Schäuble – ein leidenschaftlicher Politiker

Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble unterzeichnet die Urkunde zum Einigungsvertrag am 31. August 1990 in Berlin.

Wolfgang Schäuble ist in der politischen Landschaft Deutschlands einzigartig. Es gibt in Berlin keinen Politiker, der auf eine so lange politische Karriere zurückblicken kann. Der Badener Schäuble bekleidete in seiner Laufbahn viele Top-Ämter: Er war Kanzleramts- und CDU/CSU-Fraktionschef, zweimal Innenminister und Finanzminister. Seit 2017 ist er Bundestagspräsident, das zweithöchste Amt im Staat.

Der dienstälteste Abgeordnete des Bundestags vertritt den Wahlkreis Offenburg seit 1972 mit einem Direkt- mandat. Nach fast einem halben Jahrhundert im Bundestag will der CDU-Politiker 2021 erneut für ein Abgeordnetenmandat kandidieren. 

Der 78-jährige Wolfgang Schäuble wurde in Hornberg im Schwarzwald geboren. Seit einem Attentat eines geistig verwirrten Mannes im Oktober 1990 sitzt er im Rollstuhl. Gemeinsam mit dem damaligen DDR-Staatssekretär Günther Krause verhandelte und schloss er als Bundesinnenminister 1990 mit der DDR den Einigungsvertrag. In dem Film über Schäuble im deutschen Sender ZDF am 22. September, erklärt er, dass er den Vertrag aus heutiger Perspektive hinsichtlich des immer noch besonderen Verhältnisses der Ostdeutschen zur Wiedervereinigung «mit mehr Vorsicht angehen würde. Aber wenn man vom Rathaus kommt, ist man ja immer klüger».

In einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung am 9.November 2019 gab er auf die Frage nach den Unterschieden zwischen Ost und West an: «Die Unterschiede zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind inzwischen ähnlich groß wie zwischen Bayern und Schleswig-Holstein. Richtig ist: Die DDR-Wirtschaft war nicht wettbewerbsfähig. Heute haben wir viele wirtschaftliche Leuchttürme im Osten. Aber es ist noch viel zu tun.»

Merkel übernahm von ihm den Parteivorsitz. Als sie 2005 Kanzlerin wurde, machte sie Schäuble zum Innenminister, später zum Finanzminister. Angela Merkel steht er auch heute noch loyal zur Seite. Immer noch ist der leidenschaftliche Politiker an vorderster Front aktiv, vor allem wenn es darum geht, Debatten anzustoßen: Europa, Corona, die AfD – Schäuble gibt den Ton an.

Günther Krause – der DDR-Chefunterhändler

Günther Krause 1990

Günther Krause wurde in Halle an der Saale geboren und studierte an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar, wo er auch promoviert wurde. 1987 folgt seine Habilitation. Noch während des Studiums tritt er der DDR-Blockpartei CDU bei. Von 1987 bis 1989 ist er CDU-Kreisvorsitzender in Bad Doberan. Bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 wird er zum Vorsitzenden des neugegründeten Landesverbandes der CDU in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Einen Tag später ruft ihn Lothar de Maizière nach Berlin. Krause wurde Chef-Unterhändler der DDR bei der Aushandlung des Einheitsvertrags, der die Deutsche Einheit regelte. Die Verhandlungen über das komplexe Vertragswerk hatten nur acht Wochen gedauert.

Bei der anschließenden Bundestagswahl kann Krause 45,2 Prozent der Stimmen in seinem Wahlkreis holen und bekleidet ab 1990 das Amt des Bundesverkehrsministers. Drei Jahre später ist seine Karriere zu Ende, weil er auf die Vergabe von Tankstellen und Raststätten Einfluss genommen und Lohnkosten für seine Putzhilfe vom Staat kassiert haben soll.

Bis heute macht der einstige Shooting-Star aus der DDR vor allem mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam: millionenschwere Insolvenzen, Klage gegen ihn, weil er das Haus nicht bezahlt haben soll und die Teilnahme 2020 als erster Politiker bei der Sendung Dschungelcamp des Senders RTL.

Horst Teltschik – der stille Stratege

Horst Teltschik 1990

Horst Teltschik trieb in den ent- scheidenden Phasen den Prozess der Wiedervereinigung voran. Er war Experte bei Ost-West-Fragen, gleichzeitig – gerade da er nicht im Auswärtigen Amt tätig war – unbefangen und unbürokratisch. Vor allen Dingen nahm er als enger Vertrauter Helmut Kohls großen Einfluss.

Horst Teltschik wurde 1940 in Klantendorf im Sudetenland geboren. Am Ende des Zweiten Weltkriegs flüchtete Teltschiks Familie nach Bayern. Teltschik war aktiv in der katholischen Jugendbewegung und studierte nach seinem Wehrdienst an der Freien Universität Berlin von 1962 bis 1967 Politik, Geschichte und Völkerrecht. 1970 wurde er Leiter der Abteilung für Deutschlandpolitik der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Bonn. 1972 gewann ihn der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, als Referent für die Staatskanzlei in Mainz. 1977 wurde er Leiter des Büros des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und dann schließlich ab 1983 Vize-Kanzleramtschef. Er organisierte Reisen, knüpfte internationale Kontakte und war als Redenschreiber Kohls sein ständiger Begleiter. 

Sein gutes Verhältnis zum ungari- schen Botschafter und Außenminister soll der Bundesregierung schon im Sommer 1989 geholfen haben, das Problem der DDR-Flüchtlinge zu entschärfen und der ungarischen Regierung das Versprechen abzunehmen, niemanden gegen seinen Willen in die DDR zurückzuschicken. Horst Teltschik soll Kohl überzeugt haben, am 28. November 1989 im Bundestag ein Zehn-Punkte-Programm zur schrittweisen Überwindung der Teilung Deutschlands vorzulegen.

Gerade wenn zwischen den Regierungschefs Uneinigkeiten auftraten, etwa bei Thatcher, Mitterrand oder Gorbatschow, nutzte Teltschik seine engen Kontakte zu deren Chefberatern, um die Wogen zu glätten. Er war maßgeblich an den internationalen Verhandlungen mit den «Vier Siegermächten» beteiligt.

Im Anschluss an seine Tätigkeit für die Bundesregierung war Horst Teltschik Geschäftsführer der Bertelsmann Stiftung, im Vorstand der BMW AG, Präsident der Boeing Deutschland und Vice-President Boeing International, von 2002 bis 2011 war Teltschik Präsident der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung. Außerdem erhielt Teltschik mehrere Ehrendoktorwürden und verschiedene weitere Auszeichnungen und Orden.

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