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sábado, 5. diciembre 2020
Inicio Porträt Claudia Ricciulli – Geschichts- und Deutschlehrerin der Deutschen Schule Santiago

Claudia Ricciulli – Geschichts- und Deutschlehrerin der Deutschen Schule Santiago

Eine Chilenin, die Flüchtlinge unterrichtete

Von Nicole Erler

Claudia Ricciulli (Foto: privat)

Claudia Ricciulli besuchte als Schülerin die gleiche Schule, in der sie heute als Lehrerin arbeitet: Die Deutsche Schule Santiago. In den vergangenen Jahren stellte das Leben sie plötzlich vor eine besondere Herausforderung – in Deutschland lehrte sie Flüchtlingen die deutsche Sprache.

Claudia Ricciulli wurde 1983 in Santiago geboren und wuchs dort gemeinsam mit ihren beiden Schwestern in ihrer chilenischen Familie auf. Ihre Großeltern väterlicherseits stammten aus Italien und Kolumbien. Ihre Großmutter mütterlicherseits kam nach dem Zweiten Weltkrieg allein aus Hamburg nach Santiago, danach kam auch der Großvater. Als Angestellte der chilenischen Botschaft, ergab sich für sie in den ungewissen Zeiten nach dem Krieg die außergewöhnliche Möglichkeit, ein neues Leben im fernen Chile zu beginnen. Sie wagte das Abenteuer! «Ich habe Oma bewundert für ihren Mut», sagt Claudia Ricciulli, «und unsere Familiengeschichte hat mich schon immer gefesselt.» Bei ihrer Oma lernte sie, dass Mut sich lohnen kann.

Nach der Schule war sie häufig bei ihr, und sie lasen und sprachen Deutsch miteinander. «Meine Familie ist sehr wichtig für mich.» Die gute Mischung macht es: Ihre Mutter brachte ihr Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnung bei, ihr Vater trug seinen Sinn für Flexibilität und Fröhlichkeit hinzu. Auch Sport ist schon ihr Leben lang ein wichtiges Thema für die Lehrerin. Volleyball und Fußball betreibt sie schon seit ihrer Kindheit mit Leidenschaft. «Der Sport hat mir Teamgeist und Disziplin gelehrt, und ich erkannte, dass alle Menschen unterschiedlich sind und ihre individuellen Fähigkeiten haben.»

Die heute 37-Jährige hat an der Universidad Adolfo Ibáñez Geschichte studiert. Ursprünglich wollte sie Journalistin werden, doch es kam anders. Während der Studienzeit arbeitete sie nebenher ehrenamtlich in einem Kinderheim. Ein paar Mal die Woche gab sie Kindern Nachhilfeunterricht und entdeckte während dieser Zeit ihre Berufung: Das Unterrichten! Ihre Nachhilfeschüler berichteten ihr immer wieder von ihren Erfolgen. «Das war ein unglaublich schönes Gefühl», berichtet Claudia Ricciulli. Sie war dankbar dafür, dass sie durch die Arbeit im Kinderheim eine andere Realität kennen lernen durfte, und sich so ihr Blickwinkel auf die Welt erweiterte. Sie studierte weiterhin Geschichte und belegte zusätzlich Pädagogik. Ihre Eltern unterstützten sie in ihrer Entscheidung. Nach ihrem Studium kehrte Claudia Ricciulli als Lehrerin an die Deutsche Schule Santiago zurück. Einige ihrer ehemaligen Lehrer waren nun ihre neuen Kollegen. Sie kommentiert: «Das hätte ich mir als Schülerin niemals träumen lassen.»

Im Jahr 2016 wagte Claudia Ricciulli  den Schritt nach Deutschland. Sie hatte den Plan, dort als Geschichtslehrerin an einer Schule zu arbeiten, natürlich in Hamburg – ihrer Lieblingsstadt. Es war jedoch ausgerechnet eine Zeit, während der in Deutschland die Flüchtlingskrise ein Hoch erreicht hatte: Es wurden Deutschlehrer gesucht, keine Geschichtslehrer. Sie zog nach Paderborn, da sie dort schon Kontakte zu Schulen hatte. Um mehr Menschen kennenzulernen, hatte sie die Idee, nebenher als Torhüterin in einem lokalen Fußballverein mitzuspielen. «Nach zwei Wochen Probezeit habe ich die Stelle bekommen.» Die Lehrerin lacht, denn ihr erstes Gespräch mit dem Trainer kam einem Vorstellungsgespräch gleich. Ihr Trainer war es auch, der ihr schon nach kurzer Zeit ein echtes Vorstellungsgespräch organisierte. Die Kolping-Stiftung suchte Deutschlehrer für den Unterricht mit Flüchtlingen. Sie wurde genommen! Die Lehrerin erzählt: «Ich bin sehr dankbar für diese Zeit. Neben dem Unterrichten ging es auch um die Unterstützung der Flüchtlinge bei Behördengängen. Ich eignete mir einige Worte Arabisch und Türkisch an und lernte Kultur, Traditionen, Küche und Familien meiner Schüler kennen. Die Körpersprache war bei der Verständigung die Basis. Ich trug eine große Verantwortung, denn ich wusste, dass diese Menschen die deutsche Sprache lernen mussten, um in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Viele – besonders ältere Menschen – waren sehr motiviert. Das habe ich bewundert. Doch eine Sprache zu sprechen ist nicht das Gleiche, wie eine Sprache zu unterrichten. Es war eine Herausforderung. Ich bin sehr stolz auf meine Arbeit.» Ein Jahr lang unterrichtete die Geschichtslehrerin Deutsch, bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Zusatzabschluss für Aushilfslehrer forderte. 

In Heidelberg studierte Claudia Ricciulli schließlich Deutsch. Ihr Mann promovierte zeitgleich in Bielefeld. Ihre gemeinsame Wohnung hatten sie in Köln. Dort absolvierte sie an einer internationalen Schule ihr praktisches Jahr, arbeitete danach jedoch erneut mit Flüchtlingen. Anfang 2020 kehrte sie zurück nach Chile und ist seitdem wieder an der Deutschen Schule Santiago tätig. Die Pandemie hat sie kurz nach ihrer Rückkehr überrascht. Seitdem arbeitet sie von zu Hause aus: «Meine Stärke ist im Klassenzimmer. Ich vermisse den direkten Kontakt mit Schülern und Kollegen. Doch wir unterstützen uns gegenseitig, wo wir können: Menschlich, technisch und fachlich. Positiv bleiben und nicht aufgeben sind die Schlüssel dieser Krise. Wir werden gemeinsam viel lernen.»

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