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sábado, 24. octubre 2020
Inicio Porträt «Wichtig ist nicht, was passiert, sondern was man aus dieser Erfahrung macht»

«Wichtig ist nicht, was passiert, sondern was man aus dieser Erfahrung macht»

Patricia von Freeden – Vorsitzende des Vorstands der DS Puerto Montt und Arbeitspsychologin

Von Paula Castillo

Man kann sich ausmalen, wie der Alltag von Patricia von Freeden wohl aussieht. Für die Vorsitzende des Vorstands der Deutschen Schule Puerto Montt, Vorstandsmitglied der «Deutschen Schulen Chile», Arbeitspsychologin mit eigener Beratungsfirma, Großmutter und Universitätsdozentin gibt es wahrscheinlich kaum eine freie Minute.

Doch beim Kennenlernen fällt einem sofort auf, welche innere Ruhe sie ausstrahlt und dass sie ein Familienmensch ist. Daher sieht sie an der Pandemie auch eine positive Seite: dass ihre Kinder, die sonst ihr unabhängiges Leben in Santiago und Viña del Mar führen, wieder nach Hause nach Puerto Montt gekommen sind. Selbst die Tatsache, dass ihr jüngster Sohn seinen beruflichen Weg beginnen sollte, als ausgerechnet der Lockdown verhängt wurde, scheint sie nicht aus der Bahn geworfen zu haben und die vorläufige Betreuung ihrer dreijährigen Enkeltochter sei für sie eine Bereicherung. 

Die Geschichte der von Freeden in Chile beginnt mit der Ankunft von Patricias Großvaters väterlicherseits, Adalbert von Freeden. In der Stadt Llanquihue wollte er sich niederlassen und lernte seine zukünftige Ehefrau kennen, deren Vorfahren sich bereits vor fünf Generationen in Chile ansiedelten. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entschied Patricias Großvater sich für die Rückkehr in die Heimat und seine Frau kam mit den Kindern bald nach. Nach einigen Jahren kehrte Patricias Großmutter allein mit ihren Kindern nach Chile zurück, während ihr Mann erst Jahre später nach einer harten Kriegsgefangenschaft den Weg zurück in das chilenische Seengebiet schaffte. Unglücklicherweise endete sein Leben kurz nach seiner langersehnten Rückkehr nach Chile.

Patricia reflektiert und erzählt offen, dass so eine Erfahrung sich durchaus negativ auf die Familie und sogar auf die nachfolgende Generation hätte auswirken können. Doch die von Freeden Stange beschlossen nach vorne zu blicken und das Beste aus diesem Erlebnis zu machen: «Wir entschieden uns für den Widerstandsgeist und für die Erkenntnis, dass nichts im Leben so schlecht sein kann, dass man daraus nicht eine positive Erfahrung machen könnte.» Vielleicht auch ein Grund dafür, dass sich die junge Patricia für ein Psychologiestudium entschied. Die auf psychologische Analyse, Bewertung und Gestaltung von Arbeitstätigkeiten spezialisierte Arbeitspsychologin blieb dabei ihren Wurzeln treu. Nach dem Studienbeginn in Santiago kehrte sie nach einigen Jahren nach Puerto Montt zurück.

Heutzutage arbeitet sie in ihrer eigenen Unternehmensberatung zum Thema Arbeitsplatzgestaltung und lehrt schon seit vielen Jahren als Dozentin an der Universidad San Sebastián im Studiengang Psychologie mit Schwerpunkt auf Forschungsmethodologie und Organisationspsychologie. Außerdem ist natürlich ihr Engagement für den Erhalt der deutschen Sprache und Kultur im deutschen Schulwesen in Chile hervorzuheben. Es ist nicht einfach, ihre Biografie von der Entwicklung der Deutschen Schule in Puerto Montt zu trennen. Ihr Mann, ihr Großvater mütterlicherseits, ihre Mutter und ihre Kinder und auch sie selbst waren Schüler der DS Puerto Montt.  Mittlerweile spricht sie eher eine Mischung aus Deutsch und Spanisch mit ihren Eltern. Deutschland kennt sie durch ihren sechsmonatigen Schüleraustausch in Bad Harzburg sowie einige Deutschlandreisen. Sie betont lachend: «Natürlich koche ich gerne deutsche Spezialitäten wie Rotkohl mit Apfelmus, Spätzle, Sauerkraut mit Bratwurst oder Kartoffelsuppe.»

Fragt man die Arbeitspsychologin danach, was sie besonders bei der Homeoffice-Arbeit während der Pandemie rät, meint sie:  «Es ist außerordentlich wichtig, eine saubere Trennung zwischen Arbeitszeit und Privatleben zu ziehen. Die Idee, den Laptop in die Küche und das Schlafzimmer zu bringen, ist nicht gesund», erklärt sie und ergänzt: «Man muss einen neuen Leitungsstil entwickeln. Bisher hat eine Arbeitskultur vorgeherrscht, bei der man sich gegenseitig kontrollierte. Heutzutage aber ist es wichtig zu lernen, einander zu vertrauen, ohne dass es nötig ist, dass man im gleichen Raum zugegen ist.»

Was den neuen Alltag in den deutschen Schulen betrifft, erklärt sie, dass noch viele Hürden gemeistert werden müssen. Doch sie sieht auch «die unglaubliche Leistung unserer Lehrer, die trotz allem den Kindern und Eltern sehr nahe sind». Andererseits habe der Onlineunterricht auch positive Seiten gefördert, insbesondere bei den älteren Schülern: «Er hat ihre Fähigkeiten gestärkt, zu forschen und zu analysieren und selbst die Kleineren überraschen uns nun mit ihrer Kreativität.»

Doch eine Wiedereröffnung der Schulen werfe immer noch Fragen auf: «Wir sind durchaus vorbereitet. Doch nach den Ergebnissen einer von uns durchgeführten Umfrage wären nur im Durchschnitt 33 Prozent der Eltern bereit, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken.» Auf die Frage nach den möglichen Gründen antwortet sie: «Vielleicht fehlt es uns als Land noch an klaren objektiven Daten und spezifischen Informationen, die den Eltern bei der Entscheidungsfindung helfen.» Patricia von Freeden weiß aus Erfahrung, dass Gewissheiten und Optimismus wichtige Kräfte sind, die einem in schwierigen Zeiten den Rücken stärken.

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