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sábado, 24. octubre 2020
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Ein erfolgreicher und andauernder Prozess

Interview mit Cecilia Mackenna Echaurren, chilenische Botschafterin in Deutschland

Cecilia Mackenna Echaurren, chilenische Botschafterin in Deutschland. Foto: Chilenische Botschaft in Deutschland

Cecilia Mackenna Echaurren ist seit Juli 2018 chilenische Botschafterin in Deutschland. Im Cóndor-Interview beantwortet sie Fragen über ihre Erfahrungen in der Zeit der Wiedervereinigung und ihre Sicht heute auf das wiedervereinigte Deutschland.

Sie haben in Heidelberg zwei Jahre studiert. War das Ihr erster Kontakt mit Deutschen und Deutschland? Wie wurde vor Ihrer Arbeit im Auswärtigen Dienst Ihr Bild von Deutschland geprägt?

Im Unterschied zu vielen Chilenen habe ich keine deutsche Verwandtschaft, denn keiner meiner Vorfahren stammte aus diesem schönen Land und tatsächlich fand der erste Kontakt im Rahmen meines Studiums statt. Natürlich besuchte ich vor meiner Ankunft in Heidelberg den schönen mittelalterlichen Ort namens Schwäbisch Hall in den schwäbischen Alpen, wo ich als Daad-Stipendiatin Deutsch am Goethe-Institut lernte. Von dort ging ich an die Universität von Heidelberg, wo ich Politikwissenschaften studierte. Dennoch war schon vor dem Aufenthalt als Studierende in Deutschland das Land, seine Denkweise und seine Kultur ein wichtiger Bestandteil meines Wissens. Die Tatsache, dass ich Philosophie studierte, näherte mich wichtigen Quellen des deutschen Denkens an. Das Gleiche kann ich vom Einfluss der deutschen Literatur sagen. Diese Bindung war natürlich auch während der späteren Ausübung der diplomatischen Tätigkeit sehr wichtig. Das wurde dadurch verstärkt, dass meine erste Entsendung als Diplomatin nach Bonn erfolgte, wo ich meine berufliche Laufbahn begann. Daher hat es für mich heute auch eine sehr besondere Bedeutung, mein Land als Botschafterin von Chile in Deutschland zu repräsentieren. Ein Kreis schließt sich.

Die Entwicklungen ab 1989 sollen damals so schnell gewesen sein, dass selbst Botschaften die Informationen aus den Medien entnahmen. Wie haben Sie damals diese Zeit erlebt?

Wenn auch die deutsche Wiedervereinigung eine so starke Hoffnung für die Deutschen war, so war die Schnelligkeit, mit der sich die Ereignisse überschlugen, so groß, dass die diplomatische Welt davon überrascht war. Tatsächlich war ich zu diesem Zeitpunkt in unserer Botschaft in London tätig. Es war zu der Zeit von Margaret Thatcher, die eine besondere Beziehung zu Michal Gorbatschow unterhielt. Und zweifelsohne erlaubte die vom sowjetischen Mandatsträger geförderte Politik von Glasnost und Perestroika wichtige Veränderungen in der Beziehung der UdSSR mit Osteuropa, wodurch ein Prozess in Gang gebracht wurde, der unter anderem die Wiedervereinigung Deutschlands zur Folge hatte. Ungeachtet dessen haben das Moment und die Schnelligkeit, mit der die Wiedervereinigung vollzogen wurde, die Welt überrascht.

Chile und Deutschland haben eine besonders enge Beziehung in jeglicher Hinsicht. Wurde die Wiedervereinigung in Chile positiv gesehen?

Tatsächlich verfügen Chile und Deutschland seit dem 19. Jahrhundert über enge Beziehungen, weswegen mit besonderem Interesse beobachtet wird, was in Deutschland passiert. So war es auch mit der Wiedervereinigung, die ohne jeden Zweifel als sehr positiv betrachtet wurde. Es ist darauf hinzuweisen, dass zusätzlich zu den engen Bindungen innerhalb der Bevölkerung diese auch mit wichtigen Institutionen und Betrieben bestehen und deutsche politische Stiftungen in Chile vertreten waren; all das führte auch dazu, dass die Wiedervereinigung sehr positiv betrachtet wurde. Sie hatte eine Transzendenz, die über eine bloße physische Wiedervereinigung einer geteilten Nation hinausging, sondern auch Auswirkungen auf grundlegende Aspekte im Bereich der Außenpolitik auf globaler Ebene hatte.

Andererseits sollten wir auch nicht vergessen, dass die DDR eine bedeutende Anzahl chilenischer Exilanten aufgenommen hatte, die trotz einer positiven Sichtweise auf die deutsche Wiedervereinigung und ihr Gefühl der Dankbarkeit für die Aufnahme in der DDR, dennoch einer Zeit großer Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft gegenüberstanden; gleichzeitig überkam sie ein Gefühl der Desillusion, als sie erkannten, dass das sozialistische System zusammenbrach, in dem sie aufgewachsen waren und das mit ihrem politischen Glauben nun nicht mehr vereinbar schien. In Übereinstimmung mit Gesprächen mit einigen von ihnen, war das ein allgemeines Gefühl unter den Chilenen in der DDR.

Wie nahmen Sie die Veränderung der Beziehung zwischen Chile und Deutschland nach der Wiedervereinigung 1989 beziehungsweise 1990 wahr? Spielte auch eine Rolle, dass Chile selbst sich auch nach 1989 in einem Üergang (zur Demokratie) befand beziehungsweise falls ja, inwiefern zeigte sich eine Veränderung?

Ganz gewiss spielte das eine Rolle. Chile befand sich zu der gleichen Zeit im Prozess der Rückkehr zur Demokratie; dieser Prozess war auch entscheidend für die Beziehungen zwischen beiden Ländern. Deutschland war angesichts der Nähe der deutschen politischen Parteien zu seinen chilenischen Counterparts sehr präsent im Prozess der Konsolidierung unserer Demokratie. Zum Beispiel waren die wichtigsten deutschen politischen Parteien sehr aktiv im Zuge der Bildung unserer zukünftigen politischen Klasse. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass nach der Rückkehr zur Politik ein guter Teil derjenigen, die Botschafter von Chile im wiedervereinigten Deutschland waren (und viele von ihnen waren auch Minister während der Regierungen der Koalition «Concertación»), zuvor Stipendiaten einer politischen Stiftung gewesen waren und Deutschland ein grundlegender Akteur im Rahmen ihrer beruflichen Ausbildung war. Auch waren Deutschlands Unterstützung in Chiles Wiedereingliederungsprozess auf internationaler Ebene und die Zusammenarbeit in dieser Phase wichtig. Das formte die heutigen soliden Beziehungen sowohl bilateraler als auch multilateraler Art.

Gibt es eventuell ein Buch, das Ihrer Meinung nach besonders gut auch Nicht-Deutschen die Geschichte beschreibt, wie es zur Wiedervereinigung gekommen ist?

Auch wenn ich zahlreiche Bücher über die deutsche Geschichte gelesen habe, war darunter keines, welches konkret das Thema der Wiedervereinigung behandelt hat, obwohl es viele akademische und literarische Bücher darüber gibt. Ich habe jedoch die dreiteilige ZDF-Fernsehserie «Der gleiche Himmel» gesehen, in dem ein Bild der beiden Teile Deutschlands in der Zeit des Kalten Krieges gezeichnet wird.

Wie nehmen Sie heute das wiedervereinigte Deutschland wahr?

Als Antwort auf eine wichtige Sehnsucht der Deutschen kann die Wiedervereinigung zweifelsohne als ein erfolgreicher Prozess betrachtet werden. Auch wenn jeder Prozess sich mit der Zeit weiterentwickelt und wenn wir berücksichtigen, was die wichtigsten deutschen Instanzen anlässlich des 29. Jahrestags (2019) der Wiedervereinigung in Kiel sagten – auf der Veranstaltung war ich selbst anwesend -, so ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen. Er ist, wie Bundespräsident Steinmeier sagte, «ein fortlaufender Prozess, der nicht in den Trophäenschrank der Nation gestellt werden kann». Dieser Gedanke wurde in ähnlichen Worten auch von Bundeskanzlerin Merkel zum Ausdruck gebracht, als sie sagte, dass weitere Bemühungen notwendig sind, um Gleichberechtigung zwischen Ost- und Westdeutschland zu erreichen. Es ist nicht zu leugnen, dass für viele Bürger der ehemaligen DDR («Ossis») die Integration nicht ganz so erfolgreich ablief, wie man zu Anfang dachte. In Übereinstimmung mit offiziellen Quellen der Bundesregierung fühlen sie sich nach drei Jahrzehnten im Vergleich zu anderen Regionen des Landes wirtschaftlich benachteiligt, was dazu geführt hat, dass sich mehr als die Hälfte der Bewohner im Osten Deutschlands als Bürger zweiter Klasse fühlen. Insgesamt lässt sich jedoch mit einer langfristigen Perspektive sagen, dass die Wiedervereinigung zweifelsohne ein großer Erfolg war.

Die Fragen stellte Silvia Kählert.

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