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sábado, 24. octubre 2020
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«Das Herzstück waren die Interviews mit unseren achtzehn Zeitzeugen»

40 Schüler der DS Santiago beim Wettbewerb «Erinnern für die Gegenwart»

Wolfgang Veller, Oberstufenkoordinator der Abiturklassen der DS Santiago und Projektleiter im Cóndor-Interview

Erinnerungskultur, Toleranz und Demokratieverständnis stärken – das ist Ziel des Wettbewerbs «Erinnern für die Gegenwart». Das Auswärtige Amt hatte alle deutschen Auslandsschulen und Deutsch-Profilschulen weltweit aufgerufen, Projekte für das Schuljahr 2019/2020 zu entwickeln.

Gleich vier deutsche Schulen in Chile werden bei ihrem Projekt finanziell gefördert. Nach den Wettbewerbsbeiträgen der DS Valdivia, DS Valparaíso und der Sankt Thomas Morus Schule stellt nun Geschichtslehrer und Leiter des Projekts Wolfgang Veller im Cóndor-Interview das Projekt der Deutschen Schule Santiago vor.

Was genau ist das Thema des Projekts der DS Santiago bei dem Wettbewerb?

Bei «Erinnern für die Gegenwart» ging es für die deutschen Schulen darum, die eigene Schulgeschichte in bewegten politischen Zeiten genauer zu betrachten. Wir haben entschieden, zu untersuchen, was die Zeit der Diktatur für die DS Santiago bedeutete bzw. für die Schüler, Lehrer und Familien.

Wer beteiligte sich an der DS Santiago an dem Projekt?

2019 habe ich das Thema den rund 40 Schülern, die in dem Jahr in die Klasse 10 F und G der DS Santiago gingen, vorgeschlagen. Alle waren sehr interessiert und so haben wir beschlossen, fächerübergreifend mit der Lehrerin des Fachs Ciencias Sociales Fernanda Ibañez das Projekt anzugehen.

Außer uns beiden Lehrern nahmen in unserem Projektteam Jo Siemon, die studierte Historikerin ist, und Roberto Praetorius teil, der seit Jahrzehnten in der DS Santiago arbeitet und Experte für das Schularchiv ist.

Beide Projektklassen im Museo de la Memoria im Juni 2019

Auf welche Art und Weise haben Sie das Thema bearbeitet?

Die 40 Schüler haben sich in neun Arbeitsgruppen eingeteilt. Das waren: 1.) Verletzung und Verteidigung der Menschenrechte, 2.) Verbindungungen der Deutschen Schule zur Militärregierung, 3.) Exil und Rückkehr, 4.) Alltagsleben in der Diktatur, 5.) Schulpolitik der Militärs, 6.) die Neue Sekundarstufe in den 1970er und 1980er Jahren, 7.) Kunst und Kultur, 8.) Frauenproteste und Gleichberechtigung und schließlich 9.) die 1980er Jahre zwischen Konsolidierung und Wandel. Bei allen Themen befassten sich die Schüler mit der Makrogeschichte Chiles und mit den Auswirkungen, die diese auf den Mikrokosmos der Deutschen Schule hatte. Dann hieß es vor allen Dingen, verschiedene Zeitzeugen zu finden und zu interviewen.

Wie konnten sich die Schüler über diese Zeit informieren?

Das Herzstück unserer Arbeit waren die Interviews mit unseren achtzehn Zeitzeugen. Was die Zeit der Diktatur angeht, gab und gibt es in Chile sehr unterschiedliche Meinungen. Daher war ein wichtiges Ziel des Projekts für uns, möglichst sachlich und unvoreingenommen an das Thema heranzugehen. Dazu war es wichtig, die Schüler dafür zu sensibilisieren, wie jeder Zeitzeuge zu seiner Haltung gekommen ist, welchen Hintergrund er oder sie hatte, was die Familie, die soziale Schicht, den Beruf oder ähnliches angeht. Wir haben uns bemüht, unsere Zeitzeugen so auszuwählen, dass sie im Untersuchungszeitraum verschiedene Rollen wie Schüler, Lehrer, Eltern oder Mitarbeiter eingenommen hatten und auch in Bezug auf ihr Alter, ihr Geschlecht und ihre Einstellungen ein möglichst breites Spektrum abdeckten.

Projektschüler im Zeitzeugeninterview im Schulmuseum

Eine ganz wichtige weitere Quelle war das Schularchiv. Da fanden die Schüler viele Briefe, aber auch andere Dokumente wie Veröffentlichungen der Schule oder Listen mit Stipendien für Kinder, deren Eltern aus dem Exil zurückgekehrt waren.

Im Rückblick auf das Projekt: Was hat die Schüler besonders beeindruckt dabei?

Das waren die Berichte von Zeitzeugen, deren Leben besonders betroffen war. Dazu gehörte zum Beispiel ein ehemaliger Schüler der DS Santiago, der während der Diktatur zwei Jahre lang in einem Gefangenenlager eingesperrt war und gefoltert wurde. Es gab auch Eltern von heutigen Schülern, deren Familien in den 1980er Jahren Menschen, die sich aktiv gegen die Diktatur engagierten, versteckten und vor der Gefangennahme schützten.

Auch Kinder von Familien, die in diesen Jahren nach Deutschland ins Exil gegangen sind, und die dann als «retornados» an die Deutsche Schule kamen, haben von ihren Erfahrungen berichtet. Umgekehrt wurden auch Zeugen befragt, die in Chile geblieben sind.

Gab es auch ein Thema, das bisher den Schülern unbekannt war?

Ja, das war das Stipendienprogramm für Schüler aus den ärmeren Stadtteilen, die von 1972 bis 1987 nahezu kostenlos die DS Santiago, die sogenannte «Neue Sekundarstufe» besuchen konnten. Das Besondere dieses Programms war, dass es von der deutschen Regierung, der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, gefördert wurde.

Das eigentliche Ziel sollte sein, die Schule zu öffnen hinsichtlich kultureller und sozialer Vielfalt. Es waren etwa 25 «becados» pro Jahr. Es gab sehr unterschiedliche Erfahrungen, wenn man diese Schüler heute befragt. Einige fühlten sich als Außenseiter und wurden eventuell auch gemobbt. In jedem Fall erhielten sie aber durch das Programm die Möglichkeit zum Studium und damit konnten sie einen Beruf ergreifen, der ihnen sonst versagt geblieben wäre. Insofern hat unser Projekt einen Teil der Schulgeschichte bekannt gemacht, auf den die Schule heute stolz sein kann.

Wie beurteilten die Schüler im Nachhinein die Projektarbeit?

Grundsätzlich haben wir alle den Aufwand unterschätzt, den die Arbeit bedeutete. Doch im Nachhinein waren die Schüler stolz. Besonders durch die Zeitzeugengespräche haben sie viel Zuspruch erhalten, weil diese sich über das Interesse freuten. Gleichzeitig konnten sie den Erwachsenen quasi als gleichgestellte Partner gegenübertreten, weil sie gut vorbereitet in das Interview gegangen sind.

Es war auch spannend für einige Schüler, nicht nur etwas über die Geschichte der eigenen Schule, sondern auch der eigenen Familie zu erfahren. Es besuchen ja öfters schon Kinder in der zweiten oder dritten Generation aus einer Familie die DS Santiago.

Wie wird es nun mit dem Wettbewerb weitergehen?

Wir sind momentan dabei, unsere Texte als Buch zusammenzufassen. Es erscheint in einer deutschen und spanischen Fassung. Bis Ende Oktober müssen wir das Buch der Jury in Berlin einreichen. Geplant ist, dass die Schüler im Dezember ihre Forschungsergebnisse und das Buch der Schulgemeinschaft vorstellen.

Das Interview führte Silvia Kählert.

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