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viernes, 27. noviembre 2020
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Salvador Allende vor 50 Jahren zum Präsidenten Chiles ernannt

Die vertane Chance

Von Pater Bernhard Starischka

Präsident Salvador Allende: Im letzten Jahr seiner Regierung, 1973, hatte Chile die höchste Inflationsrate der Welt.

Am 4. September und am 3. November dieses Jahres jähren sich Salvador Allendes Wahl zum Staatspräsidenten beziehungsweise sein Amtsantritt zum 50. Mal. Die stark umstrittene Periode seiner Amtszeit wurde von Pater Bernhard Starischka in seiner Eigenschaft als Geistlicher der deutschsprachigen katholischen Gemeinde Sankt Michael in Santiago als Chronik festgehalten und kurz nach dem Umsturz (September 1973) als Gemeindebrief verteilt. 

Pater Starischkas Chronik ist eine eindringliche Aussage eines Zeitzeugen, der die turbulenten politischen Ereignisse zwischen 1970 und 1973 aus nächster Nähe miterlebt hat. Der Cóndor veröffentlicht den Bericht in gekürzter Form.

Allende wurde 1970 mit 36,3 Prozent der Stimmen gewählt. Der Repräsentant der Rechten, Jorge Alessandri, war ihm nur mit 36.000 Stimmen unterlegen, während der Kandidat der Christlichen Demokraten – Tomic – der erhoffte Nachfolger von Frei, sehr schlecht abgeschnitten hatte, jedenfalls viel schlechter als seine Partei, die die stärkste des Landes ist, es erwartete. Zu spät merkten die  Christdemokaten, welchen Fehler sie gemacht hatten. Sie hatten den falschen Kandidaten ausgesucht. Tomic stand viel zu weit links. 

Allende kommt ans Ruder

Wenn Allende bei der Wahl auch relativ die meisten Stimmen erhielt, so bedeutete das noch nicht, dass er Präsident werden musste. Die chilenische Verfassung sieht in einem solchen Fall vor, dass die Abgeordneten das letzte Wort haben. Es wäre nicht gegen das Verfassungsrecht gewesen, wenn die Mehrheit des Parlamentes Alessandri zum Präsidenten gewählt hätte, der die zweitmeisten Stimmen erhalten hatte. Chile wäre vieles erspart geblieben, wenn man diesen Weg beschritten hätte. Aus triftigen Gründen machten die Parteien von dieser Möglichkeit nicht Gebrauch. Man war sich allerseits der großen Verantwortung bewusst. 

Die Nationale Rechtspartei lehnte den marxistisch ausgerichteten Präsidenten ab und sagte im Voraus, dass mit ihm der Ruin Chiles beginnen würde. 

Die Christlichen Demokraten standen vor einem großen Dilemma. Als christliche Partei konnten sie ihre Stimme nur unter großem Vorbehalt einem atheistischen Marxisten geben; außerdem sahen sie voraus, dass die Kommunisten ihre marxistische Ideologie zielbewusst verwirklichen würden. Deshalb baute man einige Sicherungen in die Verfassung ein, und man glaubte es verantworten zu können, Allende damit eine Chance zum Regieren zu bieten. Der Präsident hatte sein Ehrenwort gegeben, die Verfassung unter allen Umständen einzuhalten. So fühlte man sich hinreichend abgesichert. 

Der Streik der LKW-Fahrer im Oktober 1972 lähmte die chilenische Wirtschaft völlig

Auch andere Gründe spielten mit. Die überwiegende Zahl der Arbeiter stand hinter Allende. Sie hätten im Falle der Ablehnung Allendes Chile lähmen können. Weitsichtige Politiker in den Parteien der Opposition sagten voraus, dass die neue Regierung, die sich UP «Unidad Popular», also Volksregierung nannte, wirtschaftspolitisch scheitern werde. Chile brauchte die Hilfe des Auslandes, die bis dahin ausschließlich aus den westlichen Ländern kam, und dies würde nun wegfallen. Andererseits zweifelte man an einer Unterstützung durch Russland. Für Moskau war das chilenische Experiment viel zu unsicher. Schließlich standen als letzter und von allen als unfehlbar sicher angesehener Garant für die Verfassung die Streitkräfte im Hintergrund, von denen man wusste, dass sie antimarxistisch ausgerichtet waren. So bekam Allende grünes Licht, und das Leben ging in den ersten Monaten ganz normal weiter.

Die Opposition, die die Mehrheit in beiden Kammern – im Senat und bei den Abgeordneten – hatte, wollte durchaus an Gesetzen, die wichtig für das Wohl des Landes waren, mitarbeiten.

Die ersten Monate

Es vergingen die ersten Monate. Allende regierte sehr geschickt und demokratisch. Es schwand die Angst vor einer kommunistischen Machtergreifung. Die Kupferminen wurden verstaatlicht, und zwar mit den Stimmen der Opposition – man war sich nur nicht über die Art der Entschädigung einig – die Arbeitslöhne wurden stark erhöht und die Preise eingefroren. Diese Maßnahmen konnte die chilenische Wirtschaft vertragen, denn die Gewinnspannen waren vorher noch immer ziemlich hoch, oft höher als in anderen Ländern. Die Sorge für die Armen schien echt zu sein. Der einfache Mann auf der Straße hatte zum ersten Male das Gefühl: «Es ist unsere Regierung, die am Steuer ist, und sie macht es gut.» 

Im März 1971 kamen die Bürgermeisterwahlen. Bei dieser Wahl stellte jede Partei ihre Kandidaten auf. Die Wahl war frei, und der Wahlkampf wurde von allen Parteien mit großer Härte und großem Werbeaufwand geführt. Das Ergebnis war für die Anhänger der Opposition niederschmetternd. Über 49 Prozent der Stimmen entfielen auf die Parteien, die Allende stützten. Diese Wahl hatte den Charakter eines Volksentscheides. In den vier Monaten hatte die Unidad Popular um 13 Prozent zugenommen, und es fehlte ihr nur ein Prozent, um die absolute Mehrheit zu erreichen. 

Die marxistische Taktik

Nach der Bürgermeisterwahl schwenkte die Regierung endgültig auf die kommunistische Taktik um. Als Fernziel stand die absolute Macht, die mit Hilfe der Armen und der Unzufriedenen, wenn möglich, auf legalem Wege zu erreichen sein sollte. Die Fabriken wurden kontrolliert durch einen «Interventor». Die höheren Beamtenposten wurden nur mit Parteifunktionären besetzt und die Arbeiter, die sich nicht fügen wollten, entließ man kurzerhand. 

Die Gesetze der Agrarreform wurden rigoros angewendet, auch wenn es aus wirtschaftlichen Gründen ratsam gewesen wäre, mit Bedacht vorzugehen. Schließlich setzte man sich in Hunderten von Fällen offen über das Gesetz hinweg und enteignete auch kleine Betriebe, die nicht enteignet werden durften, wobei es auffiel, dass die gut funktionierenden Landwirtschaftsbetriebe zuerst an die Reihe kamen. 

Die Bauern, die nun unter einem «Interventor» arbeiten mussten, erhielten das Land, aber keineswegs als Eigentum. Der Weg der chilenischen Landwirtschaft ging auf die Kolchose zu. Kein Wunder, dass die landwirtschaftliche Produktion stark zurückging, was den Staat zwang, große Mengen von Lebensmitteln einzuführen, die früher das Land selbst erzeugt hatte.

Nach einem Jahr etwa wurden allmählich die Lebensmittel knapper. Alle im Lande erzeugten Konsumgüter mussten bei der Regierung abgeliefert werden, und diese nahm dann eine «gerechte» Verteilung vor. Man gründete eine Organisation «JAP» mit Namen, deren Aufgabe die Verteilung der Lebensmittel an die Kaufleute war, wobei man die breiten Arbeitermassen besonders begünstigen wollte. In Wirklichkeit wurden nur diejenigen Kaufleute mit Waren beliefert, die der Partei angehörten. Die anderen erhielten so wenig zugeteilt, dass sich das Geschäft kaum noch lohnte. Die notwendige Folge war ein Schwarzmarkt. Bald war zu offiziellen Preisen kaum noch etwas zu haben. Das hatte viele Menschenschlangen vor den Geschäften zur Folge, denn jede Familie musste ja etwas zu essen haben.

Banken werden verstaatlicht

Die marxistische Regierung musste die Geldwirtschaft unbedingt unter Kontrolle bekommen. Man sah es deshalb auf die Banken ab. Die Staatsbank wurde bald nach Regierungsantritt neu besetzt. Die Privatbanken wollte man durch Aktienkauf in die Hand bekommen. Diese Aktien wurden überbezahlt, und so verkauften viele Chilenen und auch Ausländer, die gleich von Anfang an wenig Vertrauen in die neue Regierung hatten, ihre Aktien gegen gute Dollars. So fielen viele Banken in die Hände des Staates, bis auf den Banco de Chile – ein sehr wichtiges Geldinstitut – deren Aktien nur teilweise verkauft wurden. Die Mehrheit des Banco de Chile blieb in den Händen der Opposition. Doch wurde diese Bank speziell im Devisenverkehr so eingeengt, dass ihr wirtschaftlicher Tod unvermeidlich gewesen wäre, wenn sich die Regierung noch lange gehalten hätte. So war die Wirtschaft des Landes beinahe ganz in den Besitz des Staats übergegangen.

Die Abgeordnetenwahl – keine Entscheidung

Die Regierung gab große Mengen ungedecktes Geld in Umlauf. Chile hatte im letzten Jahr die größte Inflationsrate der Welt. Das ökonomische Chaos war nun unvermeidlich. Allende verhieß bei Beginn seiner Regierung eine friedliche Sozialisierung mit «Empanadas und Rotwein», doch war im letzten Jahr kaum noch Rotwein zu bekommen und das in dem Land, wo es «mehr Wein als Wasser» gibt. Und das für die Empanadas notwendige Rindfleisch musste man durch Pferdefleisch ersetzen. 

Am Wahltag (4. März 1973 – die Red.) waren alle bis zum Bersten gespannt. Er konnte die Wende bedeuten. Als dann gegen Abend die ersten Stimmen ausgezählt wurden, zeigte es sich aber, dass die UP viel besser abgeschnitten hatte als erwartet, trotz der Schlangen, der Inflation, der Sprengstoffanschläge und der bedrohten Freiheit. Als die Regierung kurz vor Mitternacht das Wahlergebnis bekanntgab – es hatten über 43 Prozent für die UP gestimmt, da gab es im Regierungslager euphorischen Jubel, und bei der Opposition wurden viele Hoffnungen zu Grabe getragen. Die meisten Chilenen ließen die Köpfe hängen. Jeder fragte sich, wie es zu diesem überraschenden Resultat, das gegen alle Prognosen und gegen die Ergebnisse der Meinungsforschung war, kommen konnte. 

Ein halbes Jahr später traten Professoren der Universidad Católica mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, dass ein gigantischer Wahlschwindel stattgefunden haben müsse. Durch geschickt gesteuerte Maßnahmen der Regierung konnten 200.000 Bluffstimmen entstehen. «Die Toten haben gewählt, Doppeleinschreibungen derselben Personen unter verschiedenen Namen, an verschiedenen Orten, Fälschung von Personalausweisen im großen Stil», so wurde von den Professoren, die in aller Heimlichkeit eine eingehende Untersuchung auf statistischer Grundlage gemacht hatten, behauptet. Diese Nachricht schlug wie eine Bombe in beiden Lagern ein. Die UP war an einer wunden Stelle getroffen worden.

Der «Tanquetazo» 

Am 29. Juni 1973 rückte ein Panzerregiment aus, um die Moneda zu besetzen und den Präsidenten zum Rücktritt zu zwingen. Der Kommandant rechnete mit einem spontanen Begeisterungsausbruch der Bevölkerung, der so riesig sein würde, dass er auch die anderen Truppenteile mitreißen würde. Der Begeisterungsausbruch blieb aus, weil alles viel zu überraschend kam. Die Bevölkerung ging, als man die Schüsse im Zentrum hörte – die durch Direktübertragung überall zu hören waren – in die Häuser zurück. Man riet der Bevölkerung, zu Hause zu bleiben. Die Einzelaktion eines Kommandanten ging schief aus und sechs Stunden darauf übergaben sich die Aufständischen. Die Führungsspitzen der Armee hatten eingegriffen und den aufständischen Offizier zur Übergabe bewegt. So war diesmal noch einmal die Situation für Allende gerettet. 

Der «Tanquetazo»: Am 29 Juni 1973 versuchte der Kommandant Roberto Souper in Eigenregie mit einem Panzerregiment den Umsturz.

Das große Ringen

Im September 1973 war klar: Es konnte nicht mehr lange so weitergehen. Die Streiks brachen über Chile herein wie ein vernichtendes Unwetter. Die Kraftwagenfahrer begannen den Reigen. Wieder einmal hatte die Regierung ihr feierlich gegebenes Versprechen nicht erfüllt. Es schlossen sich Schlag auf Schlag die verschiedenen Verbände an und schließlich war das Land so gut wie gelähmt. Die Regierung sollte dadurch nicht zum Abdanken, sondern zum Umdenken, zur  Korrektur ihrer falschen Methoden gebracht werden. Doch blieb die Moneda unbegreiflicherweise schwerhörig, obwohl das ganze Land darauf wartete. Da kam der 11. September…

Zur Person: Bernhard Starischka

Bernhard Starischka (1913-1999) erhielt 1940 die Priesterweihe. Außer seiner theologischen Ausbildung studierte er Mathematik und Physik. Sein besonderes Interesse galt der Astronomie. 1949 übersiedelte er nach Chile, wo er am Liceo Alemán Mathematik und Physik lehrte. Vier Jahre später promovierte er an der Universität Bonn als Astrophysiker.

Als die Eso in Südafrika ein Observatorium bauen wollte, informierte er seine Kontakte in Deutschland von den hervorragenden atmosphärischen Bedingungen im Norden Chiles, was zur Folge hatte, dass die Eso nun einen Standort auf dem Berg La Silla, 600 Kilometer nördlich von Santiago, ausfindig machen und dort eine Sternwarte bauen konnte.

Starischka erhielt für seine Verdienste 1965 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1966 den Orden al Mérito Bernardo O’Higgins 1. Klasse. Er war fortan als Professor der Universidad Católica und als Pfarrer bei der deutschsprachigen katholischen Gemeinde Sankt Michael in Santiago tätig.   

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