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miércoles, 23. septiembre 2020
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Nationalparks in Deutschland und Chile – Geographie und Siedlungsgeschichte führen zu landesspezifischen Schutzkonzepten

Von Dr. Burkhard Müller-Using

Deutschland blickt auf eine mehr als 500 Jahre währende Epoche der Waldzerstörung zurück. Schon am Ende des 30-jährigen Krieges (anno 1648) beklagten die Chronisten, dass außer einer immensen Zahl von Siedlungen auch flächenweise Waldvernichtung stattgefunden habe. Aber schon vorher unterlagen die Wälder einer intensiven Nutzung durch Weide und Brennholzeinschlag, so dass – bis auf winzige Inseln in unzugänglicher Lage – unberührter Urwald nirgends mehr zu finden ist. Auf der anderen Seite hat die Holznot und die aus Versorgungsnöten geborene Forderung nach einer nachhaltigen Holzerzeugung etwa ab 1750 zu einer gezielten Wiederaufforstung zunehmenden Ausmaßes geführt, der das heutige Waldprozent von rund ein Drittel der Landesfläche zu verdanken ist. 

Eiförmige braune Infloreszenen der männlichen Auraukarien, in denen der Pollen heranwächst

«Kunstwälder»

Der heutige Wald in Deutschland ist also ausnahmslos ein Produkt menschlicher Aktivitäten, und daraus ist das Schutzkonzept entstanden: Zur Holzproduktion voll intakte, aber zum Teil naturferne «Kunstwälder», durch Unterlassung der hergebrachten Bewirtschaftungsmaßnahmen wieder einer natürlichen Entwicklung zuzuführen. Das soll in Nationalparks, Naturschutzgebieten, Biosphärenreservaten sowie in einem Netz von Habitat- und Vogelschutzflächen unter europäischer Verordnungshoheit geschehen. Dieser Bereich wird als Intensivschutz bezeichnet, unter den etwa ein Viertel der deutschen Waldfläche fallen. Weitere 42 Prozent der Landesfläche sind in sogenannten Landschaftsschutzgebieten oder in «Naturparks» extensiv geschützt. Die 13 terrestrischen Nationalparks (es gibt auch Nationalparks an den Küsten Deutschlands mit großem Anteil von Meerwasserflächen) nehmen mit insgesamt 200.000 Hektar nur 0,6 Prozent der deutschen Landesfläche ein. Neben dem intensiven Naturschutz sollen sie in besonderer Weise dem Tourismus dienen und sind als solche so etwas wie Prestigeobjekte der Bundesländer, wie schon die Zahl und Verteilung über die Bundesrepublik ausweist. Eine ganze Reihe dieser kleinen verstreuten Nationalparks sind noch nicht älter als 15 Jahre. Die Flächengröße liegt zwischen 3.000 und 24.000 Hektar, im Mittel etwas unter 15.000 Hektar. Mit Ausnahme des Nationalparks Berchtesgaden in den Alpen handelt es sich bei allen eher um liebliche Waldlandschaften. Der Slogan des Nationalparks Schwarzwald «Eine Spur wilder…» ist dafür sehr bezeichnend. Die jährlich 30 Millionen Parkbesucher wandern gerne auf gepflegten Wegen und lieben es eher «aufgeräumt». Wer es «kerniger”» will, muss ins Ausland reisen – zum Beispiel nach Chile.

Piñones, die essbaren Samen der Araukarien

Bisher wenig gestörte Urwaldflächen

In Chile ist vieles anders: Hier gibt es eine viel kürzere Siedlungsgeschichte, entsprechend eine viel neuere Waldzerstörung, die unter anderem wegen einer viel geringeren Bevölkerungsdichte, noch nicht alle Flächen erfasst hat. Das Schutzkonzept, soweit es sich um waldbedeckte Landschaftsteile handelt, geht von intakten oder wenigstens nur wenig gestörten Urwaldflächen aus, die es zu erhalten gilt. Da die Waldzerstörung in Zentralchile und im angrenzenden «Kleinen Süden» wegen dichter Besiedlung größer als im Norden und in Patagonien ist, sind die Zahl der Nationalparks und die Schutzflächengrößen vom Zentrum nach Norden und Süden hin zunehmend. Während der Nationalpark «Pan de Azúcar» auf der Höhe der Stadt Calama 44.000 Hektar und derjenige von Frai Jorge auf der Höhe von La Serena immerhin noch fast 9.000 Hektar groß sind, umfasst der (neue) de Ochoa bei Valparaíso und der Bosque de Nonguén bei Concepción (nicht mehr als Nationalpark Nonguén bei Concepción) 3.000 Hektar, Nahuelbuta und Tolhuaca rund 6.500 Hektar, Alerce Costero bei La Unión 24.000 Hektar, Pérez Rosales bei Puerto Montt 253.000 und Bernardo O’Higgins in Aysén stolze 3,5 Millionen Hektar.

Runde Kugelzapfen der weiblichen Araukarien, in denen große Samen (Piñones) heranwachsen

Insgesamt sind es 41 Nationalparks, die 13.2 Millionen Hektar umfassen. Dazu kommen 5,4 Millionen Hektar «Reservas Forestales», in denen, dem entsprechenden Dekret zufolge, zwar Nutzungen zugelassen sind, aber im Einklang mit den jeweiligen Schutzzielen stehen müssen. Das hat praktisch zu einer ähnlichen Bestandssicherung geführt, wie sie in den Nationalparks herrscht. Zusammen mit den «Monumentos Nacionales»(34.000 Hektar) bilden diese geschützten Gebiete das «Sistema Nacional de Areas Protegidas del Estado»(Snapse) mit insgesamt 18,6 Millionen Hektar. Damit sind 28 Prozent der Naturwälder in Chile unter strengen Schutz stellt. Das ist zunächst einmal eine beeindruckende Zahl! Die «Besucherströme» sind dagegen mit insgesamt jährlich 3,4 Millionen Erholungssuchenden eher mäßig – ein Zehntel der Besucherdichte in Deutschland. 

«Softtourismus» contra ursprüngliche Landschaften

Natürlich gibt es große Unterschiede: Die Torres del Paine ziehen jährlich fast 300.000 Besucher an, und nach Aysén, in den riesigen Nationalpark Bernardo O’Higgins, verschlägt es gerade einmal 36.000 Touristen jährlich.Vom Gesichtspunkt der regionalen Wirtschaftsentwicklung aus liegt hier ein großes unentwickeltes Potential, und der Druck, die bisher sehr bescheidene Infrastruktur der Nationalparks mehr und mehr in die Hände geschäftstüchtiger Konzessionäre zu geben und damit für das Publikum attraktiver zu machen, ist groß. Auf der anderen Seite fürchten viele Verantwortlichen in der Conaf, als die für das Snapse verantwortlichen Behörde, und viele Freunde der chilenischen Natur, dass dadurch der sogenannte «softe»Tourismus zunehmend in einen schädlichen Intensivtourismus übergehen könnte, der mehr zerstört als erhält.

Schließlich ist es ja gerade der ungestörte Naturgenuss in großartigen, vielgestaltigen, wilden, ursprünglichen Landschaften ohne «Touristenrummel», der die chilenischen Nationalparks für inländische und ausländische Besucher so beeindruckend macht. Einer Umfrage nach haben nicht weniger als 51 Prozent aller ausländischen Touristen, die nach Chile einreisen, erklärt, wegen der besonderen Naturschönheiten hierherzukommen. Nehmen wir die emblematischen Araukarienwälder Chiles als Beispiel. Sie sind in den Nationalparks Nahuelbuta, Malalcahuello, Conguillío, Tolhuaca, Huerquehue und Villarrica noch erhalten, und außer in Chile nur noch in einem kleinen Streifen der argentinischen Andenseite – sonst nirgends auf der Welt – ein Beispiel für die Einmaligkeit der in Chile heimischen Waldtypen: entwicklungsgeschichtliches «Urgestein», zusammengesetzt aus gewaltigen jahrhundertealten Baumriesen, die uns Menschen unsere Kurzlebigkeit vor Augen führen, Ehrfurcht lehren vor dem großen Wurf der Natur, viele von uns spirituell anrühren und den einen oder anderen sogar dahin bringen können, Verse, zu Ehren dieser grandiosen Naturwaldrelikte zu verfassen.

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