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miércoles, 28. octubre 2020
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Von der Eremitenzelle zum größten Wallfahrtsort der Schweiz

Kloster Einsiedeln

Die Westfassade der Klosterkirche Einsiedeln

«Kloster Einsiedeln» im «Finstern Wald» – das klingt nicht gerade nach Kurpromenade im Stadtpark. Man fährt den Zürichsee südöstlich entlang in den Kanton Schwyz, zuletzt stetig bergan in ein Hochtal unter dem Etzelpass. Im Herzen der Zentralschweiz, wie der Natur entstiegen und ringsum von Bergen umgeben, liegt in neunhundert Meter Höhe die Klosteranlage Einsiedeln, der größte Barockbau der Schweiz.

Von Traude Walek-Doby

Der Einsiedler Meinrad

Das erste Kloster in Europa gründete Benedikt von Nursia um 530, und von der Benediktinerabtei Reichenau auf der gleichnamigen Insel im Bodensee zog im Jahr 828 der Einsiedler Meinrad in den Finsteren Wald. An der Stelle der späteren Gnadenkapelle stand seine Klause mit einem kleinen Betraum. Zusammen mit zwei Raben lebte Meinrad über dreißig Jahre heiligmäßig an diesem Ort. Am 21. Januar 861 kamen zwei Räuber in den Wald, erschlugen ihn und flüchteten. Die beiden Raben verfolgten die Mörder und machten auf die Schandtat aufmerksam. Die Mönche aus Reichenau holten Meinrad in ihr Kloster zurück und bestatteten ihn mit allen Ehren.

Seine Wirkungsstätte, Einsiedeln, wurde als Gnadenort hoch verehrt, und einige Eremiten folgten ihm dorthin nach. Aus Straßburg kam Bruder Eberhard und baute 934 für sie im Finstern Wald ein Kloster. Umbauten, Ausbauten und Renovierungen verlangten im Laufe der Jahrhunderte den Äbten immer wieder viel an mentaler und finanzieller Energie ab, trugen aber auch viel dazu bei, dass sich das Kloster heute so eindrucksvoll präsentieren kann und zu einem Zentrum des christlichen Pilgerlebens in der Schweiz werden konnte.

In den USA, in Indiana, gründete man 1870 das Tochterkloster St. Meinrad für die deutschsprachigen Einwanderer, und 1948 eines in Los Toldos in Argentinien, 500 Kilometer westlich von Buenos Aires. Aus der ursprünglichen kleinen Klosterschule Einsiedeln entstand 1840 ein humanistisches Gymnasium. Derzeit studieren hier 340 Schüler beiderlei Geschlechts. Im Kloster leben heute 47 Mönche.

Schwarze Madonna und Gnadenkapelle

Für die Schwarze Madonna gibt es 27 verschiedene Kleider, «Behang» genannt.

Als Erstes streben die Besucher meistens die Klosterkirche an mit der berühmten Gnadenkapelle der Schwarzen Madonna. Der Eindruck der Deckenfresken, Stukkaturen, Altäre und Kanzel in ihrer lebhaften barocken Fülle und Farbigkeit ist überwältigend. Der größte Anziehungspunkt für die Pilger ist die Gnadenkapelle, die in der Mitte im Inneren der Klosterkirche steht. Der Legende nach ist sie von Christus selbst eingeweiht worden.

Die Überlieferung dazu besagt: Als am 14. September 948, am Fest der Kreuzerhöhung, Abt Eberhard von Einsiedeln den Hochadel und die Bischöfe Adalrik von Augsburg und Conrad von Constanz zur Einweihung der Kirche und der Kapelle einlud, wurden sie alle Zeugen einer Weihezeremonie, wie sie von Jesus Christus zu Ehren seiner Mutter, im Beisein von Engeln und Heiligen, vorgenommen wurde. Als Bischof Conrad nun zur Durchführung seiner Weiheaufgabe schreiten wollte, hörten sie die laute Stimme: «Frater cessa! Divinitus consecrata est.» («Bruder, höre auf! Sie ist bereits göttlich eingeweiht.») Der Bischof ließ bei der Kapelle Christus den Vortritt und weihte nur mehr die Kirche. Dieses Ereignis wird auch heute noch die «Engelweihe» genannt, und am 13. und 14. September als wichtigstes Wallfahrtsfest feierlich begangen.

Auf einem Altar im Inneren der Gnadenkapelle steht die spätgotische Statue der Schwarzen Madonna. Die schwarze Färbung geht auf den Ruß der vielen Kerzen und Lampen zurück, die Tag und Nacht davor brennen. Als ein Restaurator ihn einmal entfernte, war der Protest der Gläubigen so groß, dass er die dunkle Farbe mittels Bemalung schnell wiederherstellte. So ist die Madonna eben schwarz, nicht von Geburt, sondern von Wallfahrer-Gnaden.

Die Bibliothek – ein Highlight für Humanisten

Traude Walek-Doby mit Pater Lorenz, der über die tausendjährige Stiftsbibliothek informiert

Bibliophile Besucher erbauen sich an der über tausendjährigen Stiftsbibliothek. Sie umfasst 1.280 wertvolle Handschriften, 1.100 Frühdrucke und 230.000 Bände aus allen Wissensgebieten, von denen der historische Teil aus dem 16. bis ins 18. Jahrhundert im Barocksaal aufgestellt.

Besondere Kostbarkeiten sind Einsiedler Pergamenthandschriften aus dem 1. Jahrtausend, die älteste von 940 und eine von 1100; interessant ist ein Originalkommentar zum Römerbrief, mit handschriftlichen Randnotizen von Huldrych Zwingli, der ab April 1516 für drei Jahre in Einsiedeln als Leutpriester wirkte. Pater Lorenz, seit 1962 im Kloster Einsiedeln und Philosoph, ist die Bibliothek ein besonderes Anliegen ist. Mit ihm vergeht hier die Zeit wie im Flug!

Ora et labora

Im Jahr kommen eine halbe Million Menschen ins Dorf und Kloster Einsiedeln. Die Wallfahrt ist das größte Anliegen. Eine besondere Beziehung hat das Kloster zum Großen Welttheater (1655) von Pedro Calderon de la Barca. Durch die hervorragende Akustik des Stiftsplatzes angeregt, kommt seit 1924 meistens im Abstand von etwa sieben Jahren das Große Welttheater zur Aufführung.

180 Angestellte sind in den verschiedenen Hausdiensten sowie in den Handwerksstätten eingesetzt: Buchbinder, Gärtner, Maler, Maurer, Säger, Schmiede, Schneider, Tischler, Steinmetze, Elektriker und Installateure. Eine ganz spezielle Aufgabe stellt zudem die Pferdezucht dar. Im ältesten Gestüt Europas werden seit über tausend Jahren die «Cavalli della Madonna» gezüchtet. Der ehemalige Marstall beherbergt heute vierzig Pferde.

Trotz gelegentlicher Rückschläge haben Idealismus, Tüchtigkeit und Beharrlichkeit das Kloster tausend Jahre am Leben erhalten und zu voller Blüte gebracht. Man darf hoffen, dass dies auch die nächsten tausend Jahre so sein wird..

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