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domingo, 25. octubre 2020
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Eine Geschichte von Courage und Selbstbewusstsein

Von Michael Köbrich

Vor wenigen Tagen, am 17. Juni 2020, verstarb Marlene Ahrens Ostertag im Alter von 86 Jahren. Sie kann als beste weibliche Sportlerin Chiles bezeichnet werden – dank ihrer olympischen Silbermedaille im Speerwurf im Jahr 1956 in Melbourne in Australien. So etwas hat noch keine andere Frau in diesem Land erreicht. Dieser Ruhm hat sie auf eine andere Ebene katapultiert von der Tausende träumen, doch nur ganz wenige erreichen.

Der Cóndor veröffentlichte Mitte März einen Bericht über sie als deutsch-chilenische Pionierin, in dem ihr Leben und ihre Laufbahn gewürdigt wurden. Mit dem Orden Vicente Pérez Rosales zeichnete der Deutsch-Chilenische Bund Marlene Ahrens für ihre sportlichen Leistungen aus. Sie war ihrer Zeit voraus als Beispiel einer modernen Frau, die unglaublich viel in ihrem Leben erreicht hat.

Sie wurde 1933 in Concepción als jüngste von vier Geschwistern geboren. Nach dem Erdbeben 1939 zogen Vater Hermann und Mutter Gerti ins Aconcagua-Tal, wo die Familie Grund besaß. Marlene machte ihren Schulabschluss auf einem englischen Internat in Viña del Mar. Dort hat sie ihre vielseitigen sportlichen Fähigkeiten bereits bewiesen, vermutlich noch keinen Speer oder Schlagball in der Hand gehabt, aber schon mit Pferden geliebäugelt; das Reiten war wohl immer ihre große Leidenschaft.

Zum Werfen kam sie durch ihren Verlobten und späteren Ehemann, Jorge «Choche» Ebensperger, ein begeisteter Turner und Hockeyspieler des Sportvereins Manquehue in Santiago. Er wurde auf Marlenes Begabung aufmerksam und machte sie mit Trainer Walter Fritsch vom Manquehue bekannt.
So begann sie Anfang der 1950er Jahre ein gezieltes Speertraining mit den ersten Wettkampferfolgen auf Landesebene. Der internationale Durchbruch gelang 1954 in Brasilien auf südamerikanischer Ebene mit einem Wurf über 41 Meter. Diese Leistungen verbesserte die Sportlerin schnell und so gelang ihr die Teilnahme als einzige chilenische Frau an der Olympiade 1956 in Melbourne in Australien. Da holte sie Silber mit einem Wurf von 50,38 Metern, eine enorme Leistung für damalige Zeiten.

Ich konnte sie Jahre später beim ungezwungenen Speerwurf beobachten: eine harmonische Bewegung, die schlagartig und kraftvoll endete – ein unvergleichliches Erlebnis. Sie war ein großes Talent und konnte ihre Erfolgsserie über viele Jahre fortführen. 1963 holte sie sich nochmals Gold bei den Panamerikanischen Spielen in São Paulo und das Olympia-Ticket für Tokio 1964. Doch das endete fatal: Während einer Wett-
kampfreise wurde sie von einem Verbandsmitglied belästigt. Sie zeigte ihn sofort an. Die Anklage wurde ignoriert und Marlene ab sofort suspendiert. Ein beschämender Skandal der schnell unter den Teppich gekehrt wurde. Diese Demütigung führte dazu, dass Marlene nie wieder einen Speer in die Hand nahm. Sie zeigte Courage und Selbstbewusstsein in einer Zeit, in der Frauen oftmals benachteiligt wurden.

Schon verheiratet und mit zwei Kindern, Karin und Roberto, widmete sie sich fortan ihrer großen Liebe: den Pferden und dem Reiten. Ihr Sport- und Kampfgeist waren immer präsent und so konnte sie der Welt beweisen, dass sie nicht klein zu kriegen war: Im Jahr 1995 startete sie zum dritten Mal für Chile bei den Panamerikanischen Spielen in Mar del Plata in Argentinien, doch dieses Mal im Reitsport und nicht in der Leichtathletik. Das hatte bisher niemand geschafft und als Frau mit 62 Jahren – gleichzeitig Großmutter – noch viel weniger.

Deshalb geht sie als einzigartiges Beispiel für Emanzipation und Gleichberechtigung in die Sportgeschichte nicht nur von Chile, sondern weltweit ein. Sie hat gekämpft und ihre Rolle als Frau ernst genommen. Ihr mutiges Verhalten ist ein Vorbild für jüngere Generationen und ihr Name taucht immer wieder in den verschiedensten Medien auf. Maria J. Cumplido, zeitgenössische chilenische Buchautorin, erwähnt sie in ihrem Buch «Chilenas Rebeldes» und das zu Recht, denn man kann sie schon als rebellisch und eigenwillig einstufen. Aber Marlene Ahrens war auch selbsbewusst und souverän: Sie ist die berühmteste chilenische Sportlerin und geht als solche in die Geschichte ein. Ruhe in Frieden, Marlene,
du bist einmalig und unvergesslich!

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