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viernes, 25. septiembre 2020
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Erwin Ramdohr – Schriftsteller und Architekt

Mit Freund Beethoven gegen die Pandemie

Kurz vor seiner Pensionierung begann der erfolgreiche Architekt Bücher zu schreiben. Die Freizeitbeschäftigung nahm ihn derart gefangen, dass er sich vollends der Schriftstellerei widmete. Heute verfasst Erwin Ramdohr bevorzugt Romane mit historischem Hintergrund.

Von Walter Krumbach

40 Jahre war er als Architekt und Baumeister tätig. Allerdings war bei Schulabschluss nach Architektur Journalismus seine zweite Berufswahl. «Schreiben machte mir damals schon großen Spaß», erinnert er sich. Erwin hatte bereits in seinem achten Lebensjahr Freude am Bücherlesen. Mit dieser Angewohnheit eignete er sich einen umfangreichen Wortschatz an, der ihm später als Erwachsener zugute kam, als er Arbeitsverträge und Berichte ausarbeiten musste.

Überdies trainierte er hierbei seinen Sprachgebrauch und stellte dabei fest, welche Genugtuung ihm das Schreiben bereitete. «Was ich allerdings nicht wusste, war, ob ich Geschichten erfinden könnte», sagt er, «also stellte ich mich auf die Probe und siehe da, es funktionierte!» Das war vor etwa 14 Jahren. Damals veröffentlichte er sein erstes Buch. Die Themen seiner Romane waren vielfältig, vom Abenteuerroman bis zur Liebesgeschichte, von Politik bis Science Fiction.

Sein lebhaftes Interesse an Geschichtsthemen brachte ihn auf die Idee, historische Episoden literarisch zu verarbeiten. «Über die chilenische Geschichte war ich bei Schulabschluss kaum informiert», meint Ramdohr, «wusste einiges über die wichtigsten Schlachten und kannte einige Zeitangaben, aber sonst nichts.» Er kam damals etwa nicht auf den Gedanken, weshalb in den südamerikanischen Ländern die Unabhängigkeitsbewegung zustande kam: «Die Geschichtslehrer sagten uns, dass die Einheimischen sich über die Spanier ärgerten, weil sie von ihnen unterdrückt wurden, und das wars.»

Als Erwachsener studierte er später den Stoff eingehend und entdeckte dabei die kulturellen, historischen, soziologischen und philosophischen Hintergründe der Freiheitsbewegung. Lachend erinnert er sich daran, dass jene Zeit und das damalige Verhältnis der spanischen Krone zu Lateinamerika ihn derart anzogen, dass er eine Biografie von König Ferdinand VII. schrieb.

Der Übergang von seinem ursprünglichen Architektenberuf zum Schriftsteller vollzog sich nicht nur infolge seiner Schreibbegeisterung. «Bauunternehmer zu sein ist ein zermürbender Beruf. Ich war müde – mir reichte es.» Ramdohr schloss die Firma.

Sein Einstieg in die Literatur begann in einer Zeit, die sich nicht gerade durch die Begeisterung am Bücherlesen auszeichnet. «Die Leute lesen sehr, sehr wenig», bestätigt er, «ich stelle das sogar an Freunden fest, die ich bitte, meine Bücher zu lesen, bevor sie auf den Markt kommen. Nur selten nehmen sie sich die Zeit dazu.» Das hält ihn von seiner Schreibbegeisterung jedoch nicht ab. Im Gegenteil: Jedes Mal, wenn ein Bekannter ihn bittet, die Erzählung der Unabhängigkeitsbewegung fortzusetzen, fühlt er sich angespornt, weiterzumachen.

Nach Beendigung der Niederschrift dieses immensen Stoffes, der ihn schon seit Jahren beschäftigt, gedenkt der Autor weiterhin über Geschichtsthemen zu schreiben, «aber nicht mehr in Romanform. Es gibt viel zu berichten, viele Geheimnisse zu lüften. Aber ich habe dazu bisher noch keinen Plan.»

Parallel zu seiner Beschäftigung mit der chilenischen Geschichte, arbeitet Erwin Ramdohr derzeitig an der Übersetzung seines Romans «Inmigrantes» («Immigranten») ins Deutsche, der die Einwanderung der Familie Ramdohr nach Chile behandelt. «Übersetzen ist eine mühselige Arbeit», stellt er fest, «obwohl ich zugeben muss, dass sie mir gefällt. Allerdings ist damit meine Zeit voll ausgefüllt.»

Erwin Ramdohr ist ein gebürtiger Santiaguiner. Sein gesamtes Leben verbrachte er in der Hauptstadt. Er besuchte die Deutsche Schule und studierte danach Architektur an der Universidad de Chile. «Ich habe sehr früh geheiratet, bevor ich mein Studium beendet hatte», verrät er. Bald, am Ende der 1970er Jahre, gründete er mit seiner Frau ein Architektur- und Bauunternehmen. Die Firma hatte Erfolg, das junge Ehepaar konnte damit auch für seinen Nachwuchs den nötigen finanziellen Rückhalt sicherstellen.

In jungen Jahren spielte er im Club Manquehue Hockey und leitete auch diesen Sportbereich. «Jetzt lebe ich etwas zurückgezogener in meinem Heim aufgrund der Pandemie.» Als unerschütterlicher Optimist meint er indes, dass «dies eines Tages zu Ende gehen wird. In drei Jahren werden wir uns daran als etwas Furchtbares erinnern, aber sonst nichts.» Ramdohr wappnet sich mit Musik: «Ich bin ein Fan von Freund Beethoven, der dieses Jahr 250 Jahre alt wird. Er begleitet mich von früh bis spät – seine Musik fasziniert mich!»

Nach seinen offenstehenden Wünschen befragt, antwortet er mit einem Wort: «Europa». Der Kontinent seiner Vorfahren übt eine unwiderstehliche Attraktion auf ihn aus: «Mit meiner Frau reise ich fast jedes Jahr nach Europa. Wir haben uns in Spanien, an der Costa del Sol, eine kleine Wohnung gekauft. Jetzt warten wir bloß darauf, dass man uns die Erlaubnis zu reisen gibt. Wir werden dann die Koffer packen und nach Spanien fliegen, um jene Region kennenzulernen und um von dort aus Abstecher nach Frankreich, Italien und Deutschland zu machen. Ich bin zwar die fünfte Generation in Chile, aber die alte Heimat ruft trotzdem.»

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