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domingo, 25. octubre 2020
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Muslime in Chile – kleine, aber wachsende Glaubensgemeinschaft

Die As Salam-Moschee in Ñuñoa war 1988 das erste in Chile von Moslems erbaute Gotteshaus.

Von Paula Castillo

Die Corona-Beschränkungen betreffen auch den muslimischen Fastenmonat, der vom 23. April bis 23. Mai dauerte. Immerhin jeder Fünfte auf der Welt bekennt sich zum Islam. Auch in Chile wird die über tausendjährige Religion von rund 4.000 Moslems ausgeübt. Der Muslim und Chilene Husein Rezuc berichtet über seinen Glauben und auch darüber wie die Coronakrise sich dieses Jahr auf den Ramandan auswirkte.

In den «Chroniken der Geschichte Chiles» (Crónicas de la Historia de Chile) des Autors und Historikers Aurelio Díaz Meza heißt es, dass Pedro de Gasco den spanischen Abenteurer und Eroberer Pedro de Almagro begleitete, als er 1536 in Chile ankam. Er scheint keine besondere Auszeichnung als Militär erhalten zu haben und sein Name hätte gut vollkommen in Vergessenheit geraten können, denn nichts an ihm schien erwähnenswert zu sein, bis auf ein kleines Detail: Er war ein «Moro», also ein Maure aus Al-Andaluz, der erste Moslem auf chilenischem Boden. Es bedarf keiner besonderen Fantasie, um sich vorzustellen, dass Pedro de Gasco es damals als Muslim gar nicht einfach hatte. Den Abhandlungen von Aurelio Díaz zufolge, durfte de Gasco nicht lange als Muslim leben, weil er zum Übertritt in die katholische Kirche gezwungen wurde. Das hätte das Ende der Geschichte des Islam auf chilenischem Territorium sein können. Doch ab 1895 setzt sich diese fort. Die in diesem Jahr durchgeführte Volkszählung bezeugt, dass es unter den 79 in Chile lebenden Ausländern aus dem Orient 58 Moslems gab.

Zwei Moscheen in Chile

Die Widrigkeiten des Lebens am Ende der Welt zusammen mit der Dominanz des katholischen Glaubens als einzige erlaubte Konfession haben wohl dazu beigetragen, dass aus dieser ersten Gruppe keine muslimische Gemeinde entstand. Außerdem ließen sich nicht alle diese Menschen in der gleichen Stadt nieder. Zur Entstehung einer muslimischen Gemeinde in Chile brauchte es einen größeren Sprung in der Zeit. Im Jahre 1988 errichteten die Moslems mit der As Salam-Moschee in Santiago ihr erstes Gotteshaus und zehn Jahre später, im Jahr 1998, das zweite in Iquique, die Bilal-Moschee.

Heutzutage sind die Muslime eine etwas stille, aber dennoch wachsende Glaubensgemeinschaft, die sich täglich den Herausforderungen in einem weitestgehend christlich geprägten Umfeld stellen und trotz der raschen Veränderungen des modernen Lebens ihren Traditionen treu zu bleiben versuchen. Normalerweise genügt ein Spaziergang in dem Viertel um die Straßen Holanda, Irarrázaval, Suecia und Simón Bolívar im Stadtteil Ñuñoa, um den Ruf des Muezzin der auf der Campoamorstrasse erbauten As Salam-Moschee zu erleben, während ein paar Frauen mit dem traditionellen Hidschab (Kopftuch) mit ihren Kindern vorbeilaufen. Der Islam ist auch in Chile präsent. Doch was wissen wir über den Islam? Was ist real an ihm verglichen mit den Bildern in Filmen und Dokumentationen? Sind Moslems in Chile nur unter Einwanderern zu finden?

Zurück zu den Wurzeln

Der junge Husein Rezuc ist Vorsitzender der 2018 gegründeten «Fundación Islámica de Chile», eine Stiftung, die an den einst von Einwanderern eingeschlagenen Weg anknüpfen will. Als Chilene mit arabischen Wurzeln hat sich Rezuc erst als Erwachsener für die Traditionen seiner Vorfahren interessiert. Dabei ist er dem Ruf seiner Vorfahren gefolgt – denn seit Generationen praktiziert seine Familie nicht mehr den Islam. Ein sechsjähriger Aufenthalt samt Theologiestudium und Beschäftigung mit der arabischen Sprache und Kultur in Medinah in Saudi Arabien hat ihn in dieser Entscheidung bestärkt. Heute setzt er sich täglich dafür ein, «den Islam aus den Moscheen nach außen zu tragen», das heißt den Islam auch als Kultur und Tradition bekanntzumachen und insbesondere «die neuen Moslems in Chile zu unterstützen». Für ihn bedeutet Islam weit mehr als eine Religion, die bereits 1.441 Jahre durchlaufen hat. Interessanterweise beschreibt er den Islam nicht nur aus den Gegensätzen zu anderen monotheistischen Glaubensformen, sondern eher als eine Fortsetzung und Ergänzung. Genau genommen ist die zentrale Botschaft des Islam, der Glaube, dass es einen einzigen Gott gibt, dessen Botschaft durch den «letzten Propheten» Mohammed» verkündet wurde und die eine Bekräftigung dessen ist, was andere Propheten wie Abraham (Ibrāhīm), Moses ( Mūsā) oder Jesus (ʿĪsā ibn Maryam, Jesus, Sohn von Maria) bereits verkündet hatten.

Chadidscha – die starke Frau hinter Mohammed

Doch wie hat sich der Islam historisch ausgebreitet? Der Islam drang im 6. Jahrhundert in eine politeistische Umgebung ein. Die Begegnung von einem Mann mit einem Engel war der Anfang einer der einflussreichsten Religionen der Welt. Mohammed soll ein Mann von außergewöhnlichen Gaben gewesen sein, der um das Jahr 571 n. Chr. in Mekka als Sohn einer in Armut lebenden Witwe geboren wurde. Da seine Mutter bald nach der Geburt starb, musste das Kind in Obhut anderer Verwandter aufwachsen und sich als Hirte und Kameltreiber durchschlagen. Nichts schien damals darauf hinzuweisen, dass der junge Mann in Zukunft für mehr als 1.800 Millionen Menschen weltweit der Gründer einer Religion und ein hoch respektierter Prophet werden würde. Wenige wissen, dass die entscheidende Wende im Leben des Propheten mit der Unterstützung einer Frau begann. Er lernte Chadidscha als die verwitwete Tochter eines reichen Kaufmanns kennen und unternahm dank seiner Anstellung als Reisebegleiter ihres Vaters mehrere Karawanenreisen. Dies führte nicht nur zu einer Verbesserung seines Lebensunterhaltes, sondern veränderte sein Leben gänzlich. Chadidscha wurde seine Frau und er kam durch die Reisen in Berührung mit dem Land und den monotheistischen Lehren von Abraham, Moses und auch Jesus, die ihn tief beeindruckten. Doch die große Veränderung im Leben von Mohammed kam – wie bei vielen Menschen – mit dem vierzigsten Lebensjahr. Er fing an, sich immer öfter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens in die Wüste zurückzuziehen, bis ihm der Überlieferung nach der Erzengel Gabriel in einer Höhle des Berges Hira, außerhalb Mekkas, während des Schlafes erschien. Wer einst auch der Besucher Abrahams und Marias war, rezitierte ihm die ersten Suren des Korans und beauftragte ihn damit, diese Lehre zu verbreiten. Somit drehte sich Mohammeds Leben um 360 Grad
und seine Frau Chadidscha wurde seine erste Anhängerin.

Die 13 Meter hohe Kaaba in Mekka in Saudi-Arabien ist das zentrale Heiligtum des Islam, zu dem jeder Moslem mindestens einmal in seinem Leben gepilgert sein soll und in dessen Richtung sich die Gläubigen beim Beten wenden sollen.

Die fünf Säulen des Islam

Der Erzengel soll Mohammed in mehreren Begegnungen im Laufe von Jahren den ganzen Koran übergeben haben. Es war ein Prozess, in dem nach und nach Mohammeds neue Rolle als Gesandter Allahs offenbart wurde. Ohne Freunde hätte es Mohammed wahrscheinlich nicht geschafft, vielleicht beruht darauf die große Bedeutung von Freundschaft im Islam. Denn diese erkannten sofort die Notwendigkeit, die Botschaften des Engels schriftlich festzuhalten und vor allem ihm dabei zu helfen – Mohammed war Analphabet. In wenigen Jahren entstand eine mächtige Kraft, die sich auf der ganzen Welt ausbreitete und bis heute auf fünf grundlegenden Prinzipien beruht: Die «Schahāda», also das islamische Glaubensbekenntnis, dass Allah der einzige wahre Gott ist und Mohammed sein Prophet; «Salāt» oder die Pflicht fünfmal am Tag zu bestimmten festen Tageszeiten zu beten; «Zakāt», die Pflicht der Almosengabe (etwa 2,5 Prozent eines Gutes, das innerhalb eines Jahres angehäuft wurde); «Haddsch», die weltbekannte Pilgerfahrt nach Mekka und «Saum», das Fasten im Ramadan. Dazu stellen der Koran und die Sunna die wichtigsten Quellen dar. Während der Koran die Basis der Lehre darstellt, enthält die Sunna die Erläuterungen zu dieser Lehre anhand des Lebens des Propheten, so dass beide Werke sich ergänzen. Vergleicht man den Koran mit den heiligen Schriften des Judentums und des Christentums, dann kann man im Koran Parallelen zum Neuen Testament sowie der hebräischen Bibel finden.

Ramadan in der Coronakrise

Wir schreiben nach dem muslimischen Kalender gerade den 9. Monat des Jahres 1441. Ein Jahr, das wie alle, elf Tage weniger als das gregorianische Jahr hat und sich nach dem Mond orientiert. Das bedeutet, dass die Gläubigen sich bis zum 23. Mai im «Ramadan», im Fastenmonat, befanden. Auf die Frage, ob es schwierig ist, Moslem in Chile zu sein, antwortet Rezuc mit einem Lachen. Besonders Ramadan stellt eine enorme Schwierigkeit dar, denn «es ist schwierig zu fasten, während alle anderen mit ihrem normalen Leben weitermachen». Das Fasten beginnt bei Sonnenaufgang und erstreckt sich bis Sonnenuntergang. In diesem Zusammenhang ist die Coronakrise auch für den Islam eine riesige Herausforderung. «Beim Ramadan trifft man sich normalerweise mit der Familie und mit Freunden, um bei einem gemeinsamen Essen und nach dem Gebet in der Moschee das Fasten zu brechen.» Nun mitten in der Coronakrise muss das jeder bei sich zuhause und viele ganz alleine tun. Doch die Technologie hilft, denn für den Islam sind Familie und Freunde von zentraler Bedeutung.

In einem Land, in dem der klassische «Asado» einen immer wieder auf die Probe stellt, ist das Leben nicht leicht für Muslime. «Dennoch versuchen wir Kontakte aufrecht zu halten. Man kann durchaus zu einem Asado gehen, aber man muss wissen, was man nicht essen darf und Alkohol ist ebenfalls untersagt», erklärt Husein. Generell sind abendliche Partys ebenfalls eine komplexe Angelegenheit. Abgesehen vom Alkoholverbot, darf man als Moslem das frühe Morgengebet am Tag darauf nicht verpassen: «Wenn man es einmal vergisst, ist das nicht das Ende der Welt, aber man soll es sobald man es merkt, nachholen, und man muss sich vornehmen, in Zukunft besser aufzupassen.» Der chilenische «Pololeo» unter Jugendlichen ist auch nicht einfach für junge Muslime. Offene Liebesbekundungen auf der Straße wie Umarmungen und Küsse sind tabu. Für Muslims ist die Beziehung von Anfang an viel ernster, weil es darum geht, möglichst bald eine Familie zu gründen. Dabei sind Familie und Freunde meistens bei der Suche nach den richtigen Kandidaten gerne behilflich – die Entscheidung trifft aber jeder für sich alleine. Zwangsheirat steht den Prinzipien des Islam entgegen.

Aufklärung gegen Vorurteile

«Die größte Schwierigkeit besteht darin, Vorurteile zu entkräften, denen Muslime begegnen», stellt Husein fest. Mit «Muslim» wird nicht selten Terrorismus assoziiert oder etwa mit Zwangsheiraten von kleinen Mädchen. Genau genommem bedeutet das Wort Muslim Person, die sich Gott unterstellt. Aus dieser Perspektive könnte man sagen, dass dieser Begriff mit viel mehr Menschen gemeinsam hat, als man denkt. Wenige wissen, dass es im Islam die sogenannten «Alimas» gibt. Sie sind zwar Frauen, deren Aufgaben nicht hundertprozentig mit denen der Imane gleichzusetzen sind, dennoch geben sie auch religiöse Urteile und Ratschläge an die Gemeinde. Man denke auch zum Beispiel an jene Fatima von Madrid, die Astrologin im 11. Jahrhundert, die auch in der Stadt Córdoba lebte und mitwirkte, dass damals das Zentrum von Wissenschaft und Kunst in Europa war. Ihr Beitrag bestand unter anderen darin, die wahren Positionen von Sonne, Mond und Planeten zu berechnen, eine Leistung, die eine Frau mit einem christlichen Hintergrund damals unmöglich hätte vollbringen können. Rezuc betont, dass es sehr wichtig sei, die Begriffe Muslim und Islamist zu unterscheiden. Während die erstgenannten 1,8 Milliarden Gläubige weltweit ausmachen, entsprechen der zweiten Gruppe nur knapp ein Prozent aller Muslime, die es leider immer wieder schaffen, in den Medien aufgrund ihrer Haltung und Gewaltbereitschaft präsent zu sein. Wie es im Christentum oder auch im Judentum der Fall ist, gibt es im Islam theologische Differenzen, wie etwa die Gruppen der Sunniten und Schiiten. Die Sunniten sind der Meinung, dass Mohammed keinen Nachfolger benannt habe und wollen diesen wählen. Die Schiiten fordern, dass der neue Iman oder Kalif ein Nachkomme Mohammeds sein solle.

Christentum und Islam

Besonders interessant sind die Berührungspunkte des Islam mit anderen Religionen. Wie es für Millionen Christen weltweit der Fall ist, ist Jesus im Islam eine außergewöhnliche Gestalt und das beginnt bereits bei seiner Geburt. Auch im Koran in der Sure 3
wird Maria als eine besonders auserwählte Frau beschrieben, die großen Respekt im Islam genießt. Das zeigt sich schon allein daran, dass Maria die einzige mit Namen erwähnte Frau im Koran ist. Dennoch übertrifft Jesus im Islam auf keinen Fall den Status des Mohammed. Interessant ist aber, dass er dennoch von Gott in den Himmel geholt wurde, während ein anderer Mann an seiner Stelle gekreuzigt wurde. Gemäß der Lehre des Islam wird Jesus Wiederkehr auch noch heute erwartet. Abraham nimmt ebenfalls eine Sonderstellung als Stammvater und Erbauer der ursprünglichen Kaaba (Haus Gottes) in Mekka ein. Wie in der Bibel soll er bereit gewesen sein, den eigenen Sohn zu opfern, aber durch Gottes Hand wurde das Kind gerettet und Abraham brachte stattdessen das Tieropfer.

Rezuc bemüht sich die neuen Mitglieder des Islam zu unterstützen. Inzwischen gibt es auch chilenische Konvertiten. Es sind meistens Frauen und Männer, die sich auf einer tiefen Suche nach Erfüllung in einer schnelllebigen Welt befinden und eher in seltenen Fällen einen muslimischen Hintergrund haben. Auch versucht Rezuc Menschen zu erreichen, die sich nicht unbedingt für Religion interessieren, aber dennoch den Islam kennenlernen wollen. Das sei eine Möglichkeit, um Vorurteile abzubauen und zum Frieden in der Welt beizutragen. Die Fundación Islámica de Chile organisiert daher viele Aktivitäten: Sie spenden Bücher zum Thema Islam, organisieren Sprachkurse und halten dort Vorträge, wo sie eingeladen werden. Die Universidad de Chile bietet ebenfalls die Möglichkeit, mehr über die arabische Sprache und Kultur zu erfahren, wobei man im Auge behalten muss, dass Arabisch nicht mit dem Islam gleichzusetzen ist, da auch viele Christen Arabisch als Muttersprache sprechen.

In die Zukunft scheint Rezuc trotz der Coronakrise mit Optimismus zu blicken. In seinem Twitter-Account stand neulich folgendes Zitat: «Die Vorstellungskraft macht die Hälfte der Krankheit aus, die innere Ruhe macht die Hälfte des Heilmittels aus und die Geduld ist der Beginn der Heilung.» Bei der Frage, wo man in Santiago gutes arabisches Essen finden kann, das wirklich authentisch schmeckt, muss Rezuc lange überlegen und grinst. Vielleicht denkt er dabei an die ganze Arbeit, die noch zu leisten ist..

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