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sábado, 26. septiembre 2020
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Netflix-Serie «Unorthodox»

Auf der Suche nach Identität

Von Matthias Kählert

Die Verfilmung von Deborah Feldmans biographisch geprägten Roman «Unorthodox» ist eine der erfolgreichsten Neuerscheinungen auf Netflix – und die interessanteste.

Am Ende der ersten Folge der Miniserie «Unorthodox» versenkt die Protagonistin Esty, gespielt von der großartigen Newcomerin Shira Haas, ihre Perücke im Wannsee und macht so ihre kurzgeschorenen Haare sichtbar. Die Frisur, die in der heutigen queeren Metropole Berlin von jungen Erwachsenen als Ausdruck der Emanzipation von traditionellen Geschlechterrollen gelesen wird, trägt Esty allerdings aus einem anderen Grund: Sie ist im Brooklyner Stadtteil Williamsburg als Teil einer ultra-othodoxen jüdischen Gemeinde der Satmarer Chassiden aufgewachsen. Wie es für eine verheiratete Frau in vielen orthodoxen Strömungen des Judentums Brauch ist, bedeckte sie dort ihr Haar – dieses offen zur Schau zu stellen ist damit Ausdruck einer Emanzipation von der religiösen Prägung und Gemeinschaft.

Neuanfang in Berlin

Die Netflix-Produktion ist eine freie Adaption des gleichnamigen autobiographischen Bestsellers von Deborah Feldman. Sie handelt davon, wie Esther «Esty» Shapiro als 19-Jährige ihre Gemeinde und Familie heimlich verlässt, um ein neues Leben in Berlin zu beginnen – wie dieses auch immer aussehen soll. Ihr Ziel ist es, dem restriktiv organisierten und von peinigender Kontrolle sowie sexueller Erniedrigung in ihrer Ehe geprägten Leben in Williamsburg zu entfliehen. Eines der zentralen Themen ist dabei, wie die zuvor beschriebene Szene zeigt, ihre Auseinandersetzung mit der orthodoxen jüdischen Tradition und der ihr darin aufgebürdeten restriktiven weiblichen Rolle beziehungsweise die Emanzipation davon. Dies stellt allerdings nur einen Aspekt der vielschichtigen Auseinandersetzung mit religiöser und nationaler Identität vor dem historischen Hintergrund des Holocaust und seiner Aufarbeitung bis ins 21. Jahrhundert dar, welche die Serie behandelt.

Konfrontation mit Familiengeschichte

Berlin wählt Esty als Ziel ihrer Flucht, da sie aufgrund ihrer Abstammung Anrecht auf die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Dort angekommen wird sie mit einer Stadt konfrontiert, die genauso ihre Weltoffenheit und Modernität zur Schau stellt wie ihre vom Nationalsozialismus und dessen Verbrechen geprägte Vergangenheit und die damit zusammenhängende Schuld. Die Musikstudenten, die Esty dabei helfen, in der Stadt Fuß zu fassen, und mit denen sie an einem herrlichen Sommertag zum Wannsee fährt, machen sie darauf aufmerksam, dass in der Villa auf der anderen Seite des Sees die «Wannsee-Konferenz» stattfand. Bei dieser besprachen hochrangige Vertreter des Nationalsozialismus das Vorgehen bei der Deportation und Ermordung der europäischen Juden – heute befindet sich dort der wohl be-liebteste Badestrand Berlins.

In dieser Stadt eine neue Existenz aufzubauen bedeutet für die jun-ge Frau nicht nur eine Konfrontation mit einer bisher unbekannten Welt und deren Regeln, sondern auch mit ihrer Biographie, da ein Großteil ihrer Vorfahren in den deutschen Vernichtungslagern ermordet wurde. So scheinbar leicht wie ihre Mutter, die die Glaubensgemeinschaft verließ, als Esty noch im Säuglingsalter war, und nun mit ihrer Partnerin glücklich in Berlin liiert ist, will und kann es Esty sich nicht machen.

Glaube und Identität

Der Bruch mit der Gemeinschaft bedeutet für sie keinen Bruch mit dem Glauben. Die Serie ist frei von falschem Pathos und zeigt Estys Geschichte, geerdet in Haas‘ sensibler und vielschichtiger Darstellung, als das, was sie ist: ein Ringen um die eigene Identität, bei dem keine Antwort und keine Lösung selbstverständlich und leicht ist.

Interessanterweise räumt die Serie dazu einen großen Teil an Erzählzeit Estys Ehemann Yanky ein, der ihr hinterher reist, um sie zurück nach Williamsburg zu bringen – eine der vielen Abweichungen von der Romanvorlage. Aus seiner Perspektive und über Rückblenden zu ihrem Eheleben wird ein Einblick in den Gemeindealltag sowie deren Bräuche und Riten gegeben. Anstatt die Gemeinde zu dämonisieren, wie dies schnell hätte passieren können, lädt die Serie dazu ein, sich mit den verschiedenen Perspektiven auseinanderzusetzen – ohne das Verhalten der Figuren zu legitimieren oder Vorurteile zu schüren.

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