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sábado, 26. septiembre 2020
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Berlinerin auf den Spuren ihres Urgroßvaters Theodor Blech

Gute Geschäfte mit dem Homburger Hut in Valparaíso

Von Regina Friese-Wittmer

«In unserer Familie geht nichts verloren», erklärt Regina Friese-Wittmer. Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und Fotos – mit diesen Unterlagen machte sich die pensionierte Lehrerin aus Berlin schon zum dritten Mal auf nach Chile, um den Spuren ihres 1848 geborenen Urgroßvaters nachzugehen. Auch Proteste und Tränengas bei ihrer Ankunft mit einem Containerschiff in San Antonio im November 2019 brachten die 67-Jährige nicht davon ab, weiter die chilenischen Spuren ihrer Familie in Valparaíso zu verfolgen.

Mein Urgroßvater Theodor Blech, da war er 18 Jahre alt und hatte gerade seine kaufmännische Lehre in Hamburg abgeschlossen, war 1866 von seinem Onkel von Altona aus mit seinem Cousin Robert Wegener nach Venezuela geschickt worden. In Caracas sollten die beiden eine deutsche Hutmanufaktur übernehmen.

Stumpen aus Altona nach Valparaíso

Robert war als Hutmacher für den handwerklichen Teil zuständig. Theo hatte in seiner kaufmännischen Lehre den Handel praktisch kennen gelernt und gute Kenntnisse erworben. Nun sollte er unter Roberts Anleitung Erfahrungen sammeln. Das muss man sich so vorstellen: Die Hutmanufaktur schickte keine fertigen Hüte aus Altona, sondern Stumpen. So nennt man die Rohware aus Haarfilz, aus der von Hutmachern vor Ort die nachgefragten Hüte geformt werden.

Mein Urgroßvater war in Caracas so erfolgreich, dass er daraufhin in Santiago 1870 ein zweites Hutgeschäft aufbauen sollte. Sein Cousin hatte 1868 bereits in Valparaíso das Hutgeschäft Wegener etabliert. Nachdem der Geschäftsführer in Valparaíso mit dem Geld auf und davon war, übernahm Theodor Blech 1874 das Geschäft in Valparaíso. Sein Cousin war inzwischen schon nach Deutschland zurückgekehrt. Auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876 orderte Theo Hüte von Borsalino aus Italien und Habig in Wien, um die hochwertigen Hüte in sein Sortiment aufzunehmen. Dafür musste er einen Kredit aufnehmen. Als dann die Wirtschaftskrise kam, lief das Geschäft nicht gut. 1879 fuhr Theo nach 13-jähriger Abwesenheit erstmals wieder nach Europa.

Auch eine Liebesgeschichte hat sich in diesen Jahren angebandelt. Aus seinem Tagebuch geht hervor, dass sich mein Urgroßvater in eine Kapitänstochter – mit vermutlich dänischem Hintergrund – verliebt hatte. Es gab aber kein Happy End, weil er meinte, nicht genügend zu verdienen, um eine Familie ernähren zu können. Tatsächlich fand ich auf dem Cemeterio de Disidentes den Grabstein der Frau.

Familie Blech auf dem Cerro Concepción

Schließlich war mein Großvater 1881 wieder nach Valparaíso zurückgekehrt. Der «Homburg» war modisch ein Muss. Und mit dem Homburger Hut machte Theo gute Geschäfte. Später wurde Theo Blech Teilhaber und das Geschäft nannte sich Blech-Wegener.

Alle zwei Jahre etwa fuhr Theo nach Europa. 1884 lernte er in Paris eine junge Deutsche kennen: Luise Erras aus Bayern. Sie hatte gerade ihre Ausbildung zur Zeichenlehrerin an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München abgeschlossen. Um die Welt kennen zu lernen, entschied sie sich, für drei Jahre als Gesellschafterin mit Teichmanns nach Valparaíso zu gehen. Die Familie Erras war mit dem Ehepaar Teichmann befreundet. Herr Teichmann war Teilhaber der «Droguerías Daube» in Antofagasta, Santiago, Valparaíso und Concepción. In Valparaíso war das Unternehmen an der Plazuela de Justicia.

Schließlich verliebten sich meine Urgroßeltern in Valparaíso ineinander und heirateten im April 1886. Sechs Jahre später, 1892, wurde ihre Tochter Ortrud, meine Großmutter, im Haus auf dem Cerro Concepción geboren. Als die Zwillinge Harold und Oswald 1898 geboren wurden, wurde das Haus zu klein. Meine Urgroßeltern ließen sich ein Haus in der Calle Camila bauen. Gegenüber wohnten auch ihre Freunde, die Familie Chodowickie.

Als «Gast» im Haus der Urgroßeltern

2014 machte mich der Buchhändler in der Almirante Montt mit dem bekannten Historiker Archivaldo Peralta bekannt. Beim Angucken alter Fotos machte Don Archivaldo mich auf Details aufmerksam, zum Beispiel die «ventanas guillotinas» im Haus auf dem Paseo Atkinson. Und er stellte mir viel Material für meine Recherchen zur Verfügung.

Eine Freundin in Santiago vermittelte mir den Kontakt mit der Museologin und Kulturmanagerin Julia Koppetsch in Valparaíso. Durch sie bekam ich Zugang zum Archiv der Deutschen Schule. In einem Reiseportal entdeckte ich das Haus meiner Vorfahren auf dem Paseo Atkinson. Heute ist es ein Hotel. So konnte ich ein paar Tage im Haus meiner Urgroßeltern wohnen.

Bei einem Trödler in Valparaíso machte ich einen sensationellen Fund: In einer Fotomappe des «El Mercurio» fand ich ein Bild von der Plaza Aníbal Pinto Apotheke (Das Bild ist auf Seite 5 in diesem Cóndor). Auf dem Foto ist die «Sombrerería» von damals. Heute befindet sich an dieser Stelle eine Apotheke.

«Kinder sollen nicht jedem Wink gehorchen»

Aus Theos Tagebüchern geht hervor, dass er fortschrittlich in Erziehungsfragen dachte: «Die Tugenden Ordnung, Fleiß, Sauberkeit und Disziplin reichen in der Schule nicht aus. Das ist eine Vergeudung von Zeit. Kinder sollen nicht jedem Wink gehorchen müssen. Die Schüler müssen hungrig und fröhlich aus der Schule kommen, damit sie nachmittags auch noch gerne lernen und das ihr Leben lang.»

So schickte er seine Tochter Ortrud, meine Großmutter, auf eine englische Schule, das Liceo n°1 de Niñas María Franck de Mac Dougall. Und die Zwillinge bekamen einen Hauslehrer.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert erweiterten viele deutsche Künstler mit Studienreisen in Südamerika ihren Horizont. Mein Urgroßvater pflegte die Freundschaft mit dem Marinemaler Hans Bohrdt, dem Landschaftsmaler Theodor Ohlsen, der Kunstmalerin Karoline Kempter ebenso wie mit dem chilenischen Maler Juan Francisco González.

Meiner Urgroßmutter hat es aber auf die Dauer in Valparaíso nicht gefallen. Sie fand die Straßen schmutzig und es herrschte immer wieder Wassermangel zu der Zeit. 1912 ging die fünfköpfige Familie samt Papagei zurück nach Deutschland. In Zehlendorf bei Berlin ließen sie sich ein Haus bauen – die Veranden mit «ventanas guillotinas». In diesem Haus bin ich aufgewachsen. Genauso wie meine Vorfahren, schreibe auch ich meine Erlebnisse auf und verbinde sie mit den Aufzeichnungen meines Urgroßvaters: Es ist für meine Familie. Meine Tochter findet unsere Familiengeschichte spannend.

Sicherlich wird es für mich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich nach Chile komme. Ich bin begeistert von dem Land. Die Chilenen sind herzlich und hilfsbereit. Ich habe inzwischen viele Freunde hier und eine entfernte Cousine in Valdivia. Die möchte ich auch alle wieder besuchen.

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