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sábado, 26. septiembre 2020
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Coronakrise am Palmsonntag

Ein geistliche Erinnerung von Pastor Johannes Merkel (Versöhnungsgemeinde)

«Der Einzug des Jesus in Jerusalem» des französischen Malers Hippolyte Flandrin (1809-1864)

Jerusalem im April des Jahres 33: Es herrscht Ausnahmezustand. Nicht wegen einer Krankheit, sondern wegen eines Festes. Tausende Menschen sind aus dem ganzen Land gekommen, um am Tempel zu beten. 2020 wären die Feierlichkeiten wohl aufgrund der Corona-Krise abgesagt worden und damals hätte der Römische Präfekt Pontius Pilatus vielleicht auch am liebsten alle nach Hause geschickt. Denn die Stimmung war aufgeladen, nicht wegen einer Pandemie, sondern wegen der Besatzung durch die Römer. Und wegen Streitigkeiten zwischen verschiedenen religiösen Gruppen.

Manche erkannten die Autorität der Priester am Tempel nicht länger an. Andere wollten die fremden Soldaten lieber heute als morgen loswerden und bereiteten einen bewaffneten Aufstand vor. Und alle waren sie nach Jerusalem gekommen, um Pessach zu feiern. Das Fest des Erinnerns an den Auszug aus Ägypten! In ferner Vorzeit hatte Gott sein Volk aus der Sklaverei geführt. Jahrhundertelang hatten sie für den Pharao schuften müssen und in Gebeten zum Himmel geschrien. Zu Pessach waren sie erhört worden: Mose bereitete sie auf den Abmarsch vor und am letzten Abend sollten sie ein Schaf schlachten und in der Familie essen. Das war jetzt auch zur Feier dieses Festes angesagt. Als Familie zusammen sein, am Tempel ein Schaf schlachten, der alten Geschichte gedenken.

Wer allerdings von einer früheren Befreiung erzählt, kommt natürlich auch angesichts aktueller Bedrückung ins Grübeln. War die Herrschaft der Römer, ihre hohen Steuern und alle Schikanen nicht ähnlich der Unterdrückung durch den Pharao? Hofften sie nicht schon lange, dass die Priester im Tempel, die nur ihren eigenen Vorteil suchten, endlich durch wahrhaft gottesfürchtige Männer ersetzt werden würden? Kann man von der Freiheit singen, ohne selber in Freiheit zu leben?

Pilatus und einige Priester hätten das Fest sicher gerne verboten – eine Corona-Krise wäre ihnen gerade recht gewesen. Die Stimmung brodelte in der Stadt. Und dann war da noch dieser Jesus. Der sprach zwar davon, dass man die Feinde lieben solle. Aber manchmal zeigte er sich auch sehr radikal: «Man solle Gott mehr gehorchen als dem Menschen.» Konnte das nicht als Anleitung zum Aufruhr verstanden werden? Bei seinem letzten Besuch am Tempel hatte er für Chaos gesorgt, weil er die Händler vertrieben, ihre Tische sogar umgestoßen hatte.

Man erzählt sich viele Geschichten über ihn. Jetzt hat er angeblich sogar einen Toten zum Leben erweckt. Egal, ob man es glaubt oder nicht: Er kann viele Menschen mobilisieren. Und er soll auf dem Weg nach Jerusalem sein! Wenn er wirklich hier eintrifft, muss mit dem Schlimmsten gerechnet werden.

Als Jesus eintrifft, tritt er nicht wie ein Kämpfer, Umstürzler oder Revolutionär auf. Bescheiden reitet er auf einem Esel. Doch die Leute denken an den Propheten Sacharja (9,9): «Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.» Und sie jubeln ihm zu wie dem Messias, dem Gesandten Gottes. «Hosianna, Hosianna» rufen sie. Das heißt eigentlich «Hilf doch!», wird aber in den Lob-Psalmen eher als Jubelruf verstanden.

Mit Zweigen und Kleidung wird «ein Roter Teppich» ausgebreitet, über den Jesus in die Stadt einzieht. Viele lassen sich vom Jubel mitreißen, stehen am Straßenrand und schauen, singen, toben. Manche hoffen, dass nun alles gut wird. Andere meinen, dass jetzt der Aufstand beginnen sollte. Den Römern stehen wahrscheinlich die Sorgenfalten im Gesicht und den Tempel-Autoritäten läuft der Angstschweiß über die Stirn.

Auch heute haben viele Angst und machen sich große Sorgen. Die einen um die Gesundheit der Eltern oder Großeltern. Die anderen um das Geschäft und die Zukunft im Allgemeinen. Auch Politiker und Ärzte spüren nun oft diesen Angstschweiß, denn die Herausforderungen sind gewaltig und die Entscheidungen schwierig zu treffen. Mancher merkte in den letzten Tagen nicht nur schmerzhaft die Grenzen der Wohnung oder des Grundstücks, sondern auch die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Denn es ist nicht einfach, «mit Kind und Kegel» die ganze Zeit zu Hause zu sein, Schule, Arbeit und Ausnahmesituation zu bewältigen. Oder allein und abgeschnitten von allen in den eigenen vier Wänden zu sitzen.

Die Bibel kennt die aktuelle Corona-Krise natürlich nicht und die damaligen Entscheider mussten sich nur mit einem vermeintlichen «Unruhestifter» auseinandersetzen, nicht mit einer weltweiten Pandemie. Trotzdem waren sie sehr angespannt. Und trotzdem lohnt es sich auf den Mann zu schauen, dem die Menschen zuriefen «Hilf doch!» – halb im Jubel, halb als Bitte aufgrund ihrer konkreten Sorgen.

Gerade in den Ereignissen der Woche vor Ostern zeigt Gott, dass er es ganz ernst meint mit dem «bei uns Menschen sein». Jesus feiert, Jesus zaudert, Jesus hofft und bittet, betet und dankt, hat Angst und geht seinen Weg. Ihm nach zu folgen könnte dieser Tage heißen, gefasst unseren Weg mit all seinen Herausforderungen zu gehen – der eine im Krankenhaus, die andere zu Hause. Der eine als Teil der Versorgungskette, die andere in Quarantäne. Egal wie und wo: Wir alle haben Aufgaben – zum Beispiel auf der Arbeit oder für unsere Familien – und diesen gilt es, sich verantwortungsvoll zu stellen.

Dabei werden wir nicht frei von Angst oder Zaudern sein. Es ist anstrengend. Und manchmal keimt Hoffnung auf. Wir können danken für das, was gelingt. Für das, was trotz allem schön und gut ist. Und gerade jetzt die Nachrichten weiterleiten und an uns heran lassen, die zum Lachen einladen, zum aufeinander Achten und füreinander Dasein. Und wir können bitten, beten, für das, was wir hoffen. Und dann, wenn Sorgen uns umtreiben. Der, der am Palmsonntag in Jerusalem einzieht, meint es ernst! Darum spreche ich bewusst Psalm 23:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
(Psalm 23,4).

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