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Montag, 30 Marz 2020
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Nicht nur Süßes

Schultüten und ihr fabelhafter Inhalt

Der über 200 Jahre alte Brauch versüßt den Schulbeginn:
Zwei Erstklässler mit ihrer Zuckertüte auf dem Weg zum ersten Unterricht.

Von Walter Krumbach

Der erste Schultag kann für Erstklässler recht stressig sein. Die vielen neuen Gesichter und das ungewohnte Umfeld haben schon manchen ABC-Schützen in Tränen ausbrechen lassen. Oder aber die Eltern haben ihm zu viele – ohne Zweifel gutgemeinte – Ratschläge mitgegeben und ihn dadurch verunsichert.

Um diesen angespannten Tag gut zu überstehen, sind Schultüten ein hervorragendes Trostmittel. Zunächst einmal beeindrucken sie durch ihre Größe: Sie sind in der Regel zwischen 70 und 85 Zentimeter lang. Das bedeutet ein dementsprechendes Fassungsvermögen an Bonbons, Schokolade, Gebäck, aber vielleicht auch Arbeitsmaterial wie Buntstifte, Hefte und Papierbögen. Der wesentliche Inhalt sind jedoch die Süßigkeiten. Daher kommt es, dass in einigen Teilen Deutschlands der beliebte Behälter Zuckertüte heißt. Erich Kästner berichtet in seinen Kindheitserinnerungen «Als ich ein kleiner Junge war», wie er 1906 in Dresden seine «Zuckertüte mit der seidenen Schleife» aus Versehen fallen ließ, wobei «Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldene Maikäfer» auf die Straße kippten.

Der Schultütenbrauch ist ab 1810 dokumentiert. Erste Hinweise auf die begehrte kegelförmige Gabe finden sich in Sachsen und Thüringen. Damals erzählte man dort den Kindern, dass im Haus des Lehrers ein Schultütenbaum stand. Wenn die Tüten groß genug waren, dann mussten sie gepflückt werden, denn es war höchste Zeit für den Schulanfang.

Der Brauch breitete sich nur langsam aus. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erhielten Berliner Kinder die ersten Zuckertüten. Danach kamen sie nach Süd- und Westdeutschland. Damals waren es meistens die Paten, die sie den Schulanfängern überreichten. Nach und nach setzte sich jedoch der Brauch durch, dass die Eltern ihre Kinder mit den Tüten beschenkten.

In Österreich erhielten die Schulanfänger seit den 1930er Jahren ihre Tüten, nicht so in der Schweiz, wo diese Gaben nur selten überreicht werden, nämlich wenn es sich um Kinder oder Enkel von deutschen Einwanderern handelt.

Heute werden Schultüten in der Regel von den Eltern hergestellt oder von den Kindern im Kindergarten gebastelt. Wer etwas Besonderes haben will, kann sie auch im Laden kaufen. Der größte Schultütenhersteller in Deutschland ist die Firma Nestler Feinkartonagen GmbH. Sie liefert zwei Millionen Einheiten pro Jahr.

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