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Samstag, 4 April 2020
Start Porträt Martin Osten - Professor für Cello an der Universidad Católica

Martin Osten – Professor für Cello an der Universidad Católica

Die Energie steckt im Moment

Martin Osten ist an der Universidad Católica nicht nur Cello-Professor, sondern auch Koordinator für internatinale Zusammenarbeit.

Von Stefanie Hornung

Als die Cello-Meisterschülerin Fernanda Guerra in die Pianosequenz des 1. Klaviertrios in d-Moll von Felix Mendelssohn einsetzt, sitzt Martin Osten in der ersten Reihe des Musiksaals der Universidad Católica und hört ganz genau hin. Mit einem «Ich möchte mehr Energie»-Ausruf springt er auf. «Die Energie steckt auch in den Momenten, in denen du nicht spielst oder pausierst», erklärt er. Dann schnappt er sich sein eigenes Cello und spielt die Passage in verschiedenen Akzentuierungen vor, um die Schwierigkeit zu veranschaulichen. Diese jungenhafte Art kommt bei den Studenten gut an.

Nach Chile kam er 2009 an die Unversidad Católica, um «eine Cello-Klasse von einem Professor zu erben, der eigentlich schon längst in Rente gehen wollte. Das Angebot der Uni war wie eine Seitentüre, die sich plötzlich auftut und die einen so interessiert, dass man hindurchgeht und eine ganz neue Welt entdeckt.» Chile war so eine neue Welt – und besonders die spanische Sprache mit ihren chilenischen Besonderheiten. «Die Umgangssprache hier war für mit etwas ganz anderes», erinnert er sich. Heute kein Problem mehr: In fließendem Spanisch erklärt er seinen Schülern und Studenten, wie sie die Nuancen des Stücks noch besser herausarbeiten können und scherzt mit ihnen. Martin Osten ist Professor und Musiker aus Leidenschaft.

Dass diese Leidenschaft quasi in den Genen angelegt ist, scheint in der Familie Osten beweisbar. Mutter und Vater sind begeisterte Laien-Musiker, die jüngere Schwester tat es der Mutter gleich, spielte Geige und sang. Der jüngere Bruder lernte Trompete und der Familienvater übernahm das Bratschen.

Die ersten Konzerte gab das Familien-Quintett in der Deutschen Botschaft in Tokyo, wo der Vater als Kulturattaché eingesetzt war. Dort kam der jugendliche Martin auch in Kontakt mit vielen internationalen Künstlern, die ihn inspirierten, über eine Berufsmusikerkarriere nachzudenken. Nachdem er 1986 mit 16 Jahren den deutschlandweiten Wettbewerb «Jugend musiziert» gewonnen hatte, war die Entscheidung gefallen: Nach dem Abitur an der internationalen Schule Tokio studierte er zunächst an der Universität der Künste in Berlin, bevor er nach verschiedenen Auslandsstipendien in Meisterklassen der weltbesten Cellisten wie Lynn Harrell oder David Geringas an der Musikhochschule Lübeck sein Diplom erlangte. Im Anschluss arbeitete er als Solist und Cello-Lehrer im In- und Ausland, darunter auch bei den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle.

Die von seinen Eltern vorgelebte Internationalität – als Diplomat wechselte der Vater samt Familie alle drei Jahre den Arbeitsort – brachte dem 1970 im hessischen Wiesbaden geborenen Martin sowohl Vor- wie Nachteile: «Ich war auf insgesamt acht verschiedenen Schulen, musste mir immer wieder neue Freunde suchen.» Dass das nicht immer einfach war, gibt er zu. «Als Musikbegeisterter wird man ohnehin oft als Nerd abgestempelt, aber ich hatte immer den Rückhalt meiner Familie. Und als mein Vater ins australische Melbourne versetzt wurde, habe ich den Sport für mich entdeckt und dadurch schneller Freunde gefunden.» Martin lernte Windsurfen, Segeln und machte begeistert Leichtathletik. Damals bereits großgewachsen, trainierte er eifrig und entdeckte, dass ihn die neugewonnene Muskulatur auch beim Musizieren unterstützte: «Das Cello ist ein sehr körperliches Instrument und man benötigt eine gute Haltung, sonst verkrampft man schnell und das Spiel verflacht.» Dass neben einem guten Muskeltonus auch die richtige Atmung wichtig ist, zeigt er später einem Anfänger im Einzelunterricht. Nach Atem- und Lockerungsübungen spielt dieser deutlich freier und die Töne schwingen voluminöser aus dem Cello-Corpus. Dieser sei ohnehin dem eines Menschen vergleichbar, erklärt Martin seinem Schüler Dante Panguilef, der für die Sommerkurse der Universität extra aus Antofagasta angereist ist. «Das Cello hat nicht nur einen kurvigen und überaus sinnlichen Körperbau, auch die Stimme ist der eines Menschen sehr ähnlich. Du musst dir der eigenen Körperlichkeit wie auch der deines Instrumentes bewusst werden.»

Körperlichkeit ist auch sein Thema in der Freizeit. Der begeisterte Salsa-Tänzer hat bereits während seiner Zeit bei den Münchner Philharmonikern Intensivkurse belegt und beherrscht heute die verschiedensten Stile. Wer seinen Körpereinsatz während des Cello-Unterrichts beobachtet, zweifelt nicht daran, dass er auch beim Salsa seine ganze Leidenschaft einbringt. Außerdem ist der Single-Mann oft sportlich unterwegs: Man trifft ihn beim Skaten auf den sonntäglich autofreien Straßen Santiagos, in den Bergen beim Trekking, beim Joggen – oder eben beim Tanzen.

Die aktuelle Situation in Chile bringt ihn zu einem für ihn sehr wichtigen Thema: Kann Musik einen sozialen Anspruch erfüllen? Schon länger engagiert er sich für Projekte mit sozialen Komponenten, um jungen Musikern aus schlechter gestellten Verhältnissen weiterzuhelfen und Kindern und Jugendlichen klassische Musik nahezubringen, wie zum Beispiel in der Fundación de Orquestas Juveniles e Infantiles de Chile oder als Koordinator für internationale Zusammenarbeit an der Universität und als Organisator für Austauschprojekte junger Musiker..

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