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Montag, 30 Marz 2020
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Pyme ‒ zwischen Krise und Kreativität

Die soziale Krise wird zunehmend zu einer tiefgreifenden wirtschaft-lichen, besonders für kleine und mittlere Unternehmen (Pyme). Die Anfang Dezember veröffentlichten Zahlen und Schätzungen des Wirt-schaftsministeriums zeigen, wie schwierig die Situation ist.

Seit Beginn der Krise haben rund 15.000 Pyme Schaden genommen; darunter beklagen über 9.000 Unternehmen Sachschäden in ihren Geschäftsräumen. 75.000 Arbeitsplätze sind in Gefahr. Auch die gesamtwirtschaftlichen Zahlen zeichnen ein düsteres Bild: Der monatliche Konjunkturindikator Imacec verzeichnete im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im Oktober einen Rückgang um 3,4 Prozent, die Inflationsrate stieg um 0,8 Prozent an. Die von der Krise besonders betroffenen Bereiche sind Bildung, Verkehr, Unternehmensdienstleistungen sowie Gastronomie und Hotellerie – besonders  die  beiden  letztgenannten bestehen überwiegend aus kleinen und mittelgroßen Unternehmen.

Erste Hilfsmaßnahmen des Staates umfassen Kompensationen für erlittene Schäden bei Nicht- oder Unterversicherung, den Erlass von Zinsen und Strafgebühren bei Steuerschulden und weitere Unterstützung im Gesamtvolumen von über 14 Millionen Dollar. Ein Notfallpaket, das nicht jeder in Anspruch nehmen kann oder will. Manche Unternehmer sehen die Krise auch als Chance, sich neu zu orientieren oder andere Geschäftsfelder zu entwickeln. Wieder andere machen aus der Not eine Tugend und ihr Hobby zum Beruf.

Der Cóndor hat einige Selbstständige und Unternehmer befragt, wie sich ihr Leben seit dem 18. Oktober verändert hat.

Simone Artigas Flitsch,
Sprachschul-Besitzerin

Simone Artigas Flitsch wird im Frühjahr 2020 nach Deutschland zurückkehren

Unser Leben ist seit Beginn der Krise nicht eben leichter geworden. Viele unserer Schüler konnten im Oktober überhaupt nicht an unseren Kursen teilnehmen, weil sie keine Transportmittel mehr hatten. Außerdem haben wir wenig neue Schüler dazugewinnen können, während unsere Firmenkunden in den ersten Monaten ihre Sprachkurse storniert haben. Aktuell sieht die Situation wieder anders aus. Viele Sprachlehrer, sowohl für Deutsch als auch für Englisch, haben das Land verlassen. Und die werden auch sobald nicht wiederkommen. Deren Schüler sind nun bei uns. Das bedeutet, dass wir mit unserer Sprachschule am Limit arbeiten. Ich unterrichte sechs Tage die Woche Vollzeit, gebe Kurse und Einzelunterricht in zwei Sprachen. Das schlaucht unheimlich.

Man könnte sagen, dass uns die Krise erstens finanziell fast in die Knie gezwungen und zweitens mental unheimlich ausgelaugt hat. Nicht nur deswegen haben mein Mann und ich überlegt, im Frühjahr 2020 nach Deutschland zurückzugehen. Das war für uns schon vorher eine Option, auch aus privaten Gründen wegen meiner Mutter, die nun auch älter geworden ist und Unterstützung braucht. Aber jetzt sind wir sicher, dass unsere Zukunft erst einmal in Deutschland liegt.

www.libertyidiomas.cl, WhatsApp: +56 9 3119977

Carolina Abrahim Márquez, Selbstständige 

Carolina Abrahim Márquez backt leidenschaftlich gern, würde aber trotzdem jederzeit in ihren alten Beruf zurückkehren

Ich komme aus Venezuela und wir sind alle mit einer Zuckerstange im Mund geboren. Ich war schon immer leidenschaftliche Hobby-Bäckerin und habe dazu noch ein halbes Jahr lang eine Ausbildung zur Konditorin gemacht. Nachdem ich 2015 nach Chile kam, habe ich oft am Wochenende oder abends nach meiner Arbeit gebacken und die Ergebnisse dann an Freunde, Arbeitskollegen oder Verwandte verkauft. Ich hatte einen guten Job als Vertriebsrepräsentantin für chirurgische Instrumente, aber ich bin seit Beginn der Krise arbeitslos.

Damit die Kasse stimmt, verkaufe ich unter meiner Marke «Chocoparchita» jetzt auch auf Events, in Firmen und auf Märkten und vor allem auf Bestellung. Besonders meine Möhren- und Schoko-Himbeertorten sind beliebt. Dass aus meinem Nebenverdienst einmal meine Haupteinnahmequelle werden würde, hätte ich so auch nicht gedacht. Es ist schwierig, aber ich beklage mich nicht, denn ich verdiene mein Geld ja mit dem, was ich gern mache.

www.facebook.com/chocoparchita.tortas, WhatsApp: +56 9 78946352

Christoph Flaskamp, Unternehmer
«Tübinger Brauerei»

Christoph Flaskamp, Unternehmer «Tübinger Brauerei»: Die Situation für viele Mikro-Brauereien ist dramatisch

Für unsere mittelständische Brauerei war der Start in den Frühling sehr erfolgreich. Wir haben die Produktion hochgefahren und uns auf eine vielversprechende Saison gefreut. Aber dann kam der 18. Oktober mit den damit verbundenen Einschränkungen und unsere Verkaufszahlen gingen in den Keller. Viele Gastronomiebetriebe hatten geschlossen oder nur begrenzt geöffnet. Einige unserer größeren Kunden im Ausgehviertel Bellavista haben kaum noch Bier bestellt, weil sie ganz nah am Zentrum der Proteste liegen und keine Gäste mehr kamen. Allein im Monat Oktober haben wir fast 40 Prozent weniger abgesetzt. Im November haben wir immer noch 30 Prozent weniger verkauft, aber seit Dezemberbeginn ist der Absatz unserer Biere fast wieder im Plansoll. Das geht anderen Brauereien – insbesondere den kleineren – aber nicht so. Diese Mikro-Brauereien sind stark vom Saisongeschäft und auch von den Bierfesten abhängig, die fast alle abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben wurden.

Als Geschäftsführer der Vereinigung der unabhängigen Brauereien in Chile weiß ich, dass einige kleinere Unternehmen Probleme bekommen haben. Sie mussten sogar schon Leute entlassen. Unser im vergangenen Jahr neu gegründeter Verband hat jetzt auch die Aufgabe, die Situation für diese Brauereien zu verbessern.

www.cervezatubinger.cl, www.cervecerosindependientes.cl

Fernando Imas Brügmann, Unternehmer für Restaurierungen

Fernando Imas Brügmann, Unternehmer für Restaurierungen: Unsere Mission ist die Bewahrung des chilenischen Kulturerbes

Als Restaurationsunternehmen sind wir von der Krise in mehrfacher Hinsicht betroffen. Zum einen werden Aufträge der öffentlichen Verwaltung für Kultur- und Denkmalfragen schon in normalen Zeiten eher schleppend vergeben. Jetzt sind die Prioritäten für die Budgetvergabe noch einmal ganz andere. Zum anderen sind unsere historischen Forschungsprojekte, Buchgestaltung und künstlerische Restaurierung von der wirtschaftlichen Lage abhängig. Deswegen ist zum Beispiel auch der Absatz unserer Produktlinie «Illustrierte Klassiker des chilenischen Nationalerbes» – der im vergangenen Jahr zu Weihnachten sehr gut verkauft wurde – stark zurückgegangen.

Diese Krise ist eine Herausforderung. Obwohl die systematische Zerstörung von Denkmälern für Restaurationsbetriebe wie eine Chance erscheinen mag, so dauert sowohl die Bewertung der Schäden als auch des Wiederherstellungsaufwandes seine Zeit. Daher kann man mit dem Beginn der Restaurierungsarbeiten erst in einigen Monaten oder gar Jahren rechnen. Dennoch sind wir nicht entmutigt. 2020 wird für uns die Möglichkeit sein, uns neu zu erfinden, neue Geschäftsfelder und Finanzierungsmöglichkeiten zu entwickeln. Wir wollen weitermachen, weil wir unser Leben der Wahrung von Geschichte, Kultur und Kulturerbe widmen und dies als Verpflichtung gegenüber Chile und seiner Bewohner sehen. Das ist die Hauptaufgabe von www.brugmann.cl

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