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Samstag, 4 April 2020
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Jan Hus – vor 650 Jahren geboren

Das reformatorische Gewissen des 15. Jahrhunderts

Jan Hus-Denkmal in Prag

Von Peter Downes

Vor 650 Jahren wurde Jan Hus in Husinec in Böhmen geboren. Er wurde zur Symbolfigur eines kritischen Theologen, der für sein Gewissen in Konstanz als Ketzer auf dem Scheiterhaufen starb. Der Gelehrte Jan Hus war ein wichtiger Vorreformator und Wegbereiter für Martin Luther. In Tschechien gilt er als «Nationalheiliger».

Geboren wurde Jan Hus wohl um 1369 im böhmischen Husinec als Sohn von Johannes Joseph Huß und dessen Ehefrau Kowisckcy. Nach dem Besuch der Lateinschule in Prachatice, begann Jan 1390 das Studium der Artes Liberales (philosophisches Grundstudium) an der Karls-Universität in Prag, wo er 1396 den Grad des Magister Artium erlangte; fortan konnte er als Hochschullehrer tätig werden.

Theologie im Lichte Wyclifs

 Durch seinen Kollegen Hieronymus von Prag (1379-1416) wurde er mit den Lehren des Oxforder Theologen John Wyclif vertraut. Die Ideen des britischen Professors gelangten nach Böhmen durch die engen Beziehungen zwischen dem böhmischen und englischen Königshaus  – Anne von Böhmen, die Schwester des Königs Wenzel, war seit 1382 mit Richard II. von England vermählt. Denn tschechische Adelige studierten fortan auch an der Universität Oxford und mit ihnen kamen Schriften Wyclifs auch nach Prag. Wyclif kritisierte vor allem die sittliche Dekadenz des Klerus in England und in Böhmen, forderte eine Reform der Kirche, wobei diese auf ihren Besitztümern und weltliche Macht verzichten sollte. Die Kirche sollte sich auf ein den Evangelien gemäßes Leben zurück orientieren.

1398 begann Jan Hus mit dem Theologiestudium und wurde 1400 zum Priester geweiht. Im folgenden Jahr wurde er Dekan an der philosophischen Fakultät und übernahm 1402 eine Professur in Philosophie und Theologie. Zwischen 1409 und 1410 bekleidete er sogar das Amt des Rektors an der Karls-Universität. Er predigte nebenbei auch in der Bethlehemskapelle in Prag und führte den gemeinsamen Gesang in tschechischer Sprache während des Gottesdienstes ein, das heiβt zentrale Elemente der nachfolgenden Reformation: Predigt in der Volkssprache und der Gemeindegesang als konstruktiver Teil des Gottesdienstes. Hus erlangte mit seinen Predigten nicht nur die Anerkennung seines Bischofs, sondern wurde auch der Beichtvater der Königin Sophie von Bayern.

Ganz im Sinne der Ideen Wyclifs widmete er sich in seinen Predigten der sittlichen Tugendlehre. So kritisierte er nicht nur die neue Mode, sondern wandte sich auch direkt gegen die böhmische Kirche, deren weltlichen Besitz, den Sittenverfall und die Habsucht des Klerus. Wie der Meister aus Oxford, so stand Hus ganz für eine Reform der verweltlichten Kirche, betonte die Gewissensfreiheit und erkannte einzig die Bibel als Glaubensautorität an. Hus nahm damit Luthers «sola scriptura» vorweg.   

«Hus auf dem Konzil zu Konstanz», Gemälde von Karl Friedrich Lessing (1808-1880)

Konflikt mit der Amtskirche: Reformer oder Ketzer?

Mit seiner Infragestellung der Glaubenslehre, vor allem der höchsten Autorität des Papstes in Glaubensfragen, trat Hus zunehmend in Konflikt mit der Amtskirche. Er übernahm zudem die Prädestinationslehre Wyclifs. Daraufhin entzog ihm der Prager Erzbischof, der Hus sogar als Synodalprediger eingesetzt hatte,  1408 die Mess- und Predigterlaubnis. Hus hielt sich jedoch nicht an das Verbot und predigte auch weiterhin gegen das Papsttum und gegen die weltlich lebenden Bischöfe.

Hus erlangte in Böhmen immer größere Popularität. Er wurde gar zu einem Nationalhelden. Während des sogenannten Abendländischen Schisma wurden alle Schriften Wyclifs verurteilt  und  das bedeutete auch, dass alle Schriften und Predigten im Geiste des Oxforder Theologen zur Häresie erklärt wurden. Damit wurde auch Hus verurteilt und 1410 mit dem Kirchenbann versehen.

In seinem Werk «De ecclesia» (Über die Kirche) von 1413 stellte er sein Kirchenbild dar: eine Gemeinschaft der Prädestinierten – wobei die von Gott erwählten Menschen von den nicht erwählten, dem «corpus diaboli», unterschieden werden – ohne hierarchische Struktur, das heiβt allein Christus ist ihr Oberhaupt.          

Konzil von Konstanz

Die  Sache Hus wurde schließlich auch ein Thema auf dem Konzil von Konstanz (1414-1418). König Wenzel war auch geladen und versuchte sich als rechtgläubiger Christ zu präsentieren. Der deutsche König Sigismund hatte die Leitung des Konzils übernommen und Hus zur Klärung seiner Theologie vorgeladen, wobei er Hus einen Geleitbrief in Aussicht stellte, damit er ungeschoren zum Konzil an- und abreisen konnte. Hus reiste jedoch ohne Zusicherung an, glaubte sich anscheinend sehr sicher. Seine Kirchenstrafen wurden bei seiner Ankunft in Konstanz am 3. November 1414 auch sogleich aufgehoben. Hus konnte sogar einige Tage frei predigen, wurde aber am 28. November plötzlich verhaftet und auch die Ankunft von König Sigismund am Heiligen Abend änderte nichts mehr an seiner Lage.

Ihm lag  mittlerweile daran, das Ansehen Böhmens zu reinigen, da er auf die Nachfolge auf den Thron seines Bruders Wenzel hoffte. Folglich erklärte er auch die Geleitzusage für nichtig. Die Flucht des Papstes Johannes XXIII. (Gegenpapst) vom Konzil im März 1415, besiegelte endgültig das Schicksal von Jan Hus. Das Konzil verdammte am 4. Mai 1415 sowohl die Lehre als auch John Wyclif, der allerdings bereits seit 30 Jahre verstorben war. Man ordnete daher die Verbrennung seiner Gebeine an, was allerdings erst 1428 tatsächlich erfolgte. Hus wurde zum Widerruf seiner Lehre über die Kirche als eine unsichtbare Gemeinde der Prädestinierten aufgefordert. Da er sich aber weigerte, wurde er als Häretiker dem Feuertod übergeben. Am

6. Juli 1415 wurde er zusammen mit seinen Schriften zwischen Stadtmauer und Graben auf dem Scheiterhaufen verbrannt.      

Gewissen und Reform

Jan Hus nahm vieles von der späteren Reformation vorweg, wurde aber am Ende Opfer der politischen Interessen. Martin Luther sollte mit ähnlichen Ideen 100 Jahre später günstigere politische Verhältnisse vorfinden, so dass seine Kirchenkritik Unterstützung und Schutz fand. Auch er berief sich 1521 auf sein Gewissen, als man ihn aufforderte, gewisse Aussagen in seinen Schriften zu widerrufen. Während Luther mit seinem Landesherrn Friedrich dem Weisen einen Beschützer fand, war Hus am Ende auf sich selbst gestellt und starb für seine Überzeugung in Treue zu seinem Gewissen.

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