«In zehn Jahren werden wir erstaunliche Dinge sehen»

«3D-Druck ist eine Technologie, die die Welt verändern wird», erklärte Oliver Baumann kürzlich in einem Vortrag an der Auslandshandelskammer in Santiago. Dazu zeigte er eine umgekehrte Weltkarte, auf der Chile ganz weit oben lag. Der deutsche Unternehmer wirbt dafür, hierzulande die wirtschaftlichen Potenziale der digitalen Manufaktur nicht zu verschlafen.

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Der Unternehmer Oliver Baumann hat vor Kurzem einen Vortrag in der Camchal über 3D-Drucker gehalten.

Von Petra Wilken

«Die digitale Manufaktur ist einer der wichtigsten Bestandteile der industriellen Revolution Industrie 4.0», so Baumann. Seiner Ansicht nach ist der 3D-Druck eine enorme Chance für Chile, weil sie eine Technologie der Kleinserienfertigung ist und der Wert in der digitalen Produkt-Entwicklung liegt, die überall erfolgen kann. Derzeit sei der Stand der Entwicklung ungefähr gleich in der Welt. Das würde aber in fünf Jahren schon anders aussehen, wenn sich die Kenntnisse über die Maschinen und Materialien für den 3D-Druck zu einem neuen Wissenschaftszweig entwickeln würden.
Baumann hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lateinamerika darüber aufzuklären, warum es den Einstieg in die digitale Manufaktur nicht verpassen sollte. Chile liegt ihm dabei besonders am Herzen, weil er seine prägenden Jugendjahre hier verbracht hat und seine Eltern und seine Geschwister hier geblieben sind. In Argentinien geboren, lebte er zunächst in Hamburg – wo seine Familie herkam – und in Venezuela. Mit elf kam er nach Chile, als sein Vater Hans Dieter Baumann als Geschäftsführer von Gildemeister entsandt wurde. 1986 machte er das Abitur an der Deutschen Schule Santiago.
Mit 18 ging er alleine nach Hamburg und machte zunächst eine Banklehre. Eigentlich wollte er jedoch Ingenieur werden. So studierte er anschließend Toningenieur in Berlin und arbeitete für Siemens in Wien und dann in Chile. Von hier aus ging er 1995 als Audio-Chef von «Sábado Gigante» nach Miami, was seitdem sein Lebensmittelpunkt ist. Dort führte er anschließend die Lateinamerika-Geschäfte des deutschen Unternehmens Sennheiser und gründete seine eigene Firma Clear Cut Inc., die zweigleisig fährt: Audio und 3D-Druck.

Cóndor: Was interessiert Sie am 3D-Druck?
Oliver Baumann: Ich denke, dass 3D Menschenleben verbessern kann. Wenn Chile 3D-Produkte herstellt, dann wird es nicht mehr so abhängig vom Rohstoffexport sein, sondern kann Technologieprodukte selber herstellen. Dann wird es eine höhere Wertschöpfung geben, damit bessere Einkommen, also eine bessere Lebensqualität. Das ist vielleicht idealistisch, aber da ist etwas dran, denke ich. Ich würde gerne dazu beitragen, dass sich Chile weiterentwickelt und nicht nur einfache Objekte herstellt, sondern Produkte, die Technologie enthalten.

Welche Produkte werden heute weltweit hergestellt?
Im Moment liegen noch 60 Prozent der Anwendungen im Bereich von Modellen und Prototypen. In der Kunst, bei Schmuck, Architektur und Zahnmedizin ist der Einsatz schon länger verbreitet. Aber die Entwicklung ist rasant. Inzwischen werden Prothesen ausgedruckt. Ein Chilene hat zum Beispiel eine Roboterhand für seinen Sohn entwickelt und ausgedruckt. Der Airbus fliegt mit leichten Teilen aus Titan, die ein 3D-Drucker hergestellt hat. Im Motorsport werden den jeweiligen Rennstrecken angepasste Spoiler vor Ort ausgedruckt. Die Automobilfirmen entwickeln «Konzeptautos», von denen nur einige Exemplare hergestellt werden. Es gibt auch schon kleine Elektroautos. Disney fertigt Puppen, denen Gesichter der Kunden gegeben werden. Und es gibt bereits den «Bio-Druck», bei dem lebende Zellen zu Blutgefäße gedruckt werden, um Bypässe herzustellen. Oder es werden Nasen und Ohren gefertigt zum Beispiel bei Verbrennungen oder Hautkrebs.

Welche Materialien werden verwendet?
Alle möglichen Plastikarten, Silikon, Metall, Zement, Holz, biologische Zellen, Lebensmittel. Deutschland ist zum Beispiel bei der Entwicklung von 3D-Druck mit Metall weltweit führend, weshalb ich jetzt einen Standort in Hamburg eröffnet habe.

Was wird mittelfristig möglich sein?
In zehn Jahren werden wir erstaunliche Dinge sehen. Ich wage zu behaupten, dass sich die Kunden ihr persönlich zugeschnittenes Handy im Internet herunterladen und ausdrucken werden können. Man wird sich einen Turnschuh online aussuchen, nach eigenem Geschmack bearbeiten und in einer Art Copyshop ausdrucken. Kleidung wird schon bald aus dem Drucker kommen. In Deutschland werden mit dieser Technologie sogar Häuser aus Zement Häuser gebaut werden. Die Nasa setzt Roboter ein, und der Bio-Druck wird weiter fortschreiten. Organe wie Herzen und Nieren werden komplett ausgedruckt werden. Als Probe ist schon jetzt eine Leber in einem 3D-Drucker entstanden.

Welche Vorteile bringt 3D?
Die Entwicklungskosten werden bedeutend gesenkt. So hat BMW für die Herstellung eines neuen Werkzeugs mit der traditionellen Methode 18 Tage gebraucht. Mit 3D reduziert sich die Zeit auf 1,5 Tage. Ducati braucht für die Entwicklung eines neuen Motors nicht mehr acht Monate, sondern 28 Tage. 3D ist günstiger bei Produkten mit Serien bis zu 300 Stück.
Herkömmlich werden Objekte mittels des subtraktiven Fertigungsverfahrens hergestellt. Das heißt, dass das Objekt durch Schleifen von außen herausgeschält wird. Dabei gibt es bis zu 90 Prozent Abfälle. 3D hingegen ist ein additives Verfahren. Das Objekt wird Schicht für Schicht aufgebaut. Dabei gibt es nur noch fünf Prozent Abfall. Dazu kommt, dass bedeutend mehr Formen hergestellt werden können. Wie Brian David Johnson von Intel sagt: «Die Grenze setzt nur unsere Vorstellungskraft».

Dazu braucht es entsprechende Fachkräfte.
Auf alle Fälle. In den USA, in Deutschland, Australien, Neuseeland und Südafrika zum Beispiel werden 3D-Drucker in Schulen installiert. China hat kürzlich Drucker in 400.000 Schulen untergebracht. Da sieht man, dass sich die Regierung damit befasst und den Kindern den Zugang bietet. Es braucht Leute mit Visionen.

Gibt es diese Visionen in Chile schon?
Leider nicht, wenn wir den öffentlichen Bereich betrachten. Auf der legalen Seite besteht ein komplettes Vakuum. Aber es gibt eine positive Tendenz: Ich habe erfahren, dass die Universidad Católica ein «Centro de Innovación» hat, in dem sie 3D-Drucker benutzt. Und es gibt in Santiago und in den Regionen «Fablabs» und «Maker Spaces». Das sind Werkstätten, in denen jedermann Zugang zu Maschinen hat und Sachen herstellen kann. Es gibt eine neue Bewegung, die aus den USA kommt – die Kultur des Selber-Tüftelns. Früher hatten wir Werken in der Schule, aber das ist in der neuen Generation verlorengegangen.

Herr Baumann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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