Viren als Krebsverursacher im Visier

Die Fakultät für Wissenschaften der Universidad de Chile hat Anfang Dezember ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Zu diesem Anlass hat sie zehn Nobelpreisträger zu einem zweitägigen Kongress auf ihrem Campus Juan Gómez Millas in Ñuñoa eingeladen, darunter den deutschen Mediziner Harald zur Hausen, der über potenzielle Risikofaktoren von Rindfleisch und Milch für die menschliche Gesundheit sprach.

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Der deutsche Mediziner Harald zur Hausen erhielt 2008 den Nobelpreis für seine Entdeckung des Humanen Papillom Virus als Verursacher von Gebärmutterhalskrebs. Hier bei seinem Vortrag an der Universidad de Chile. Foto: Javier Godoy

 

Von Petra Wilken

Harald zur Hausen, Jahrgang 1936, hat in Bonn, Hamburg und Düsseldorf Medizin studiert. Sein Leben lang hat ihn die Frage beschäftigt, was Krebs verursacht. Bis heute geht er ihr am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg nach. Mit seinem Team kam er zu Erkenntnissen, die die Medizin zum Umdenken gezwungen hat. Lange war er für seine Vermutung belächelt worden, dass Viren Krebs auslösen können. Doch 1984 hat er den Beweis geliefert, dass der humane Papillom-Virus (HPV), der zu Warzenbildung führen kann, in manchen Fällen mehrere Jahre nach der Infizierung Gebärmutterhalskrebs auslöst. 2008 hat er für diese Entdeckung den Nobelpreis für Medizin erhalten.
Von dem Papillom-Virus sind mehr als 100 Typen bekannt. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 15 davon krebserregend. Nach Brustkrebs ist Gebärmutterhalskrebs die zweithäufigste Tumorart, an der Frauen erkranken. Weltweit sterben 250.000 Frauen jährlich an diesem Krebs, 85 Prozent davon in Entwicklungsländern. In Chile erliegen jährlich 700 Frauen dem Gebärmutterhalskrebs. Wenn er rechtzeitig entdeckt wird, sind die Heilungschancen jedoch groß.
Seit 2006 gibt es einen Impfstoff gegen zwei der HP-Viren (Papillom-Virustyp 16 und 18). In Deutschland wird die HPV-Impfung für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen, in Chile ist sie sogar obligatorisch und wird kostenlos an den Schule durchgeführt. Je früher geimpft wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Mädchen noch nicht mit den Viren infiziert hat, da sie beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Der Cóndor führte dazu ein Interview mit dem Nobelpreisträger.

Cóndor: Wie wirksam sind die Impfstoffe und wie lange hält der Schutz an?
Harald zur Hausen: Die Wirkstoffe, die uns heute zur Verfügung stehen, sind außerordentlich wirksam. Bei den Papillom-Virus-Impfungen nähert sich das Ergebnis eigentlich an 100 Prozent. Der Impfschutz dauert zurzeit mindestens über zehn Jahre an. Es ist wahrscheinlich, dass er noch deutlich länger anhalten wird. Er wird sich vermutlich der Hepatitis-B-Impfung annähern, von der wir wissen, dass der Impfschutz bis zu 20 Jahre anhält.

Gibt es Erkenntnisse darüber, wieviel Prozent der Krebserkrankungen durch die Impfung vermieden werden können?
Wenn die jungen Altersgruppen – Mädchen und Jungen – global gegen HPV und Hepatitis B geimpft würden, dann könnten 12 bis 15 Prozent der Krebserkrankungen bei Frauen vermieden werden. Bei Männern könnten vier bis fünf Prozent der Krebserkrankungen vermieden werden.

Sie sind dafür, dass auch Jungen geimpft werden.
Ja unbedingt. Bei Männern können die Viren Krebs im Rachenraum, am After und am Penis auslösen. Das kommt jedoch bedeutend seltener vor aus als der Gebärmutterhalskrebs bei Frauen. Papillom-Viren brauchen für eine erfolgreiche Infektion Zellen, die noch wachsen. Die finden sie im Gebärmutterhals. Darüber hinaus reagieren die Viren auf die weiblichen Geschlechtshormone und werden dadurch in ihrer Genaktivität angeregt.
In Australien und Österreich werden Jungen bereits in größerem Umfang geimpft, und viele andere Länder steuern schon nach.

Im Internet sind immer wieder Berichte über schwere Nebenwirkungen zu lesen, sogar von Todesfällen ist die Rede, Behinderungen, Multiple Sklerose. Was können Sie dazu sagen?
Es gibt eine Reihe von sehr sorgfältigen Untersuchungen. Der Impfstoff ist sorgfältig kontrolliert worden. In Australien sind großangelegte Studien durchgeführt worden. Sie haben ergeben, dass es eine Nebenwirkung auf 100.000 Impfdosen gibt, und zwar eine Reaktion auf den Impfstoff selbst. Die Nebenwirkungen sind damit deutlich geringer als bei anderen Impfungen, die wir unseren kleinen Kindern geben. Ich bekomme kein Geld von der Industrie, aber ich kann klar sagen, dass es eine sehr sichere Impfung ist.

In wie vielen Ländern wird die HPV-Impfung durchgeführt?
In den meisten Ländern der Welt.

Woran forschen Sie derzeit? Gibt es Aussicht auf neue Heilmethoden gegen Krebs?
Wir gehen am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg sehr intensiv der Fragestellung nach, ob Dickdarm- und Brustkrebs möglicherweise auch etwas mit Infektionen zu tun haben. Wir haben aus Kuh-Serum und Milchpräparaten Agenzien isoliert, die sich tatsächlich verändert haben. Aber wir wissen noch nicht definitiv, ob sie tatsächlich die «Schuldigen» an Krebserkrankungen sind.

Die WHO hat im Oktober verkündet, dass der regelmäßige Konsum von verarbeitetem Fleisch – Wurst, Schinken etc. – das Risiko für Darmkrebs erhöhe. Stimmt das?
Die Aussage der WHO ist zu pauschal. Es ist nötig, individuelle Fleischsorten zu untersuchen. Unsere Untersuchungen konzentrieren sich auf die Rinder, die wir in der westlichen Welt konsumieren. Darüber spreche ich in meinem Vortrag im Detail.

Herr zur Hausen, wir bedanken uns für das Interview.

 

Ernährungsgewohnheiten und Krebs


In seinem Vortrag Potenzielle Risikofaktoren von Rindfleisch und Milch für die menschliche Gesundheit führte Harald zur Hausen aus, dass 21 Prozent der globalen Krebserkrankungen mit Infektionen zu tun hätten. Davon seien 71 Prozent vermeidbar. Das Team am Krebsforschungszentrum in Heidelberg widmet sich insbesondere dem Phänomen der weltweit ansteigenden Raten an Dickdarm- und Brustkrebs und untersucht, ob Viren, die in den westlichen Ländern konsumierten Rinderarten vorkommen, Menschen infizieren können und Zellveränderungen verursachen, die nach Jahren Krebs entstehen lassen. Dazu haben sie weltweit die Ernährungsgewohnheiten und Raten von Krebserkrankungen verglichen. So sei in Ländern Südamerikas sowie in Europa ein hohes Risiko für Dickdarmkrebs festzustellen. In Bolivien hingegen sei die Rate bedeutend geringer als in den Nachbarländern. Das Team hat beobachtet, dass die Krebsraten überall dort steigen, wo europäische Rinderarten konsumiert werden. In Bolivien hingegen werde hauptsächlich eine Zebu-Art konsumiert. Ein anderes Beispiel sei die Mongolei, wo das Grillen von Fleisch sehr beliebt sei, das Risiko für Darmkrebs jedoch sehr gering. Dort würde eine asiatische Rinderart konsumiert. Erwartungsgemäß sei das Darmkrebs-Risiko in Indien sehr niedrig, doch seien die Raten an Brustkrebs in den vergangenen stark angestiegen. Laut Harald zur Hausen liegt der Verdacht auf der Hand, dass das mit dem Import von westlicher Kuhmilch in Zusammenhang steht. Ob unsere Rinder tatsächlich Verursacher von Krebs sind, sei noch nicht bewiesen. Wenn es seinem Team gelingen sollte, den Beweis zu führen, so würde das große Auswirkungen auf unsere Ernährungsgewohnheiten haben.

 

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