«Kreativität wird zur Kernaufgabe des Menschen»

«On the way to industry 4.0» lautet der Titel der 6. Deutsch-Chilenischen Wirtschaftstage, die die Auslandshandelskammer (AHK) am kommenden Dienstag, 24. November, in Santiago gemeinsam mit NRW.International, der IHK Essen und weiteren Partnern organisiert. Die AHK setzt damit das Zeichen, dass die sogenannte vierte industrielle Revolution auch für die Handelsbeziehungen mit Chile relevant wird. Der Cóndor sprach darüber mit Cornelia Sonnenberg, Hauptgeschäftsführerin der AHK.

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Cornelia Sonnenberg, Hauptgeschäftsführerin der AHK Chile

Cóndor: Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will Deutschland als digitales Wachstumsland Nr. 1 in Europa etablieren. Sind die Weichen dafür gestellt?

Cornelia Sonnenberg: Ende des 18. Jahrhunderts läutete die Dampfmachine die erste industrielle Revolution ein. Ein Jahrhundert später veränderte das Fließband grundlegend die Produktionsweise. Die dritte industrielle Revolution vor rund 50 Jahren, angetrieben von integrierten Schaltkreisen, machte dann auch aus Maschinen intelligente Werkzeuge. Die vierte industrielle Revolution – Industrie 4.0 – ist nun geprägt durch die Vernetzung aller Maschinen und Bauteile und die Kommunikation zwischen Maschinen und Mensch und von Maschine zu Maschine.
Der Begriff Industrie 4.0 wurde erstmals durch die Bundesregierung auf der Hannover Messe im Jahre 2011 benutzt. Er beschreibt das Zusammenwachsen moderner IT-Technologien mit klassischen Produktionstechnologien: Statt in den Läden zu kaufen, was produziert wurde, wird individuell produziert, was vom Kunden geordert wird. Dies bietet unvorhersehbare Möglichkeiten für Mensch und Wirtschaft. Die Bundesregierung hat deshalb Industrie 4.0 als ein Zukunftsfeld im Rahmen ihrer High-Tech-Strategie definiert. In Arbeitsgruppen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden wurden der Forschungsbedarf ermittelt und Umsetzungsempfehlungen zur Realisierung von Industrie 4.0 gegeben. Als eine konkrete Maßnahme wird die Etablierung einer verbändeübergreifenden Plattform Industrie 4.0 realisiert, denn Industrie 4.0 erfordert eine enge Zusammenarbeit der Technologiebereiche Informationstechnik, Automatisierungstechnik und Produktionstechnik.
Ende Oktober konnte sich eine Delegation aus chilenischen Unternehmern sowie Vertretern von Verbänden und Universitäten in Deutschland ein Bild von konkreten Innovationen, neuen Geschäftsmodellen und der Umsetzung technologischer Schritte hin zur Industrie 4.0 machen – bei Besuchen in Produktionsanlagen und bei Foschungsinstituten wurde ganz klar, dass hier die Weichen bereits gestellt sind!

Gabriel sagt, dass der Wandel nicht nur ein rein technologischer, sondern ein gesellschaftlicher Prozess ist. Wie sehen Sie das?

Die Digitalisierung prägt bereits heute die Art, wie wir leben, kommunizieren, arbeiten und wirtschaften – und wird es künftig noch stärker tun. Der Wandel, in dem wir uns befinden, ist kein rein technologischer, sondern ein gesellschaftlicher Prozess. Durch die Industrie 4.0 müssen neue Standards in Qualität und Individualität erreicht werden. Dafür sind Veränderungen seitens der Unternehmen, der Arbeitnehmer und des Staates nötig. Abeitsprozesse werden grundlegend neu gestaltet und komplexer, die Kernaufgabe des Menschen wird vor allem durch Kreativität gekennzeichnet sein. Der technologische Wandel muss einhergehen mit der Entwicklung der entsprechenden gesellschaftlichen Voraussetzungen, wie beispielsweise soziale Infrastrukturen und Gestaltung innovativer Techniken sowie digital beeinflusster Dienstleistungsbranchen, neue Anforderungen an Arbeitsvermögen, Bildung und Qualifikation bis hin zu Neuerungen für gewerkschaftliche Vorgehensweisen. Man erwartet, dass die Hälfte der heute bekannten traditionellen Berufe in dieser Form bis 2050 nicht mehr bestehen. Und ein ganz wichtiges Thema ist natürlich der Datenschutz, der entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen und technischer Lösungen bedarf.

Welche Chancen bringt Industrie 4.0 für die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Chile?
Deutschland hat aufgrund seiner weltweit führenden Position im Maschinen- und Anlagenbau, seiner innovativen Automatisierungspartner als auch aufgrund seiner spezifischen Kenntnisse in industriellen IT-Anwendungen gute Voraussetzungen, sich einerseits zum führenden Leitanbieter und andererseits auch als Leitmarkt für Industrie 4.0 zu entwickeln . Gerade die Beherrschung komplexer und interdisziplinärer Systeme wird als spezifisch deutscher Vorteil angesehen, weil wir in Deutschland auf ein hervorragendes Zusammenspiel zwischen Unternehmen, Wissenschaft, Forschung und Bildung zählen.

Durch das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 sollen erhebliche Verbesserungen in der Produktion stattfinden, die zu einer umfassenden Steigerung in der Effizienz des Einsatzes aller Ressourcen führt. Deshalb ist mit einer steigenden Produktqualität und höheren Wettbewerbsfähigkeit zu rechnen. Wenn man sich anschaut, welchen Herausforderungen sich heute die chilenische Wirtschaft in praktisch allen Branchen gegenübersieht, was dringende Produktivitätssteigerung, höhere Effizienz im Einsatz von Energie und Wasser, umweltfreundlicher Prozesse aber auch verbesserte Arbeitsbedingungen betrifft, dann wird schnell klar, dass die neuen technischen Fortschritte, die im Zuge der Entwicklung zu Industrie 4.0 entstehen, auch für Chiles Unternehmen von Interesse sein werden. All dies lässt erwarten, dass diese „vierte industrielle Revolution“ auch für die Handelsbeziehungen und den Technologie- und Wissenstransfer zwischen Chile und Deutschland viele neue Möglichkeiten eröffnen wird.

Wir bedanken uns für das Gespräch, Frau Sonnenberg.

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