Keine sonnigen Aussichten

Das Solarwärmekraftwerk PS10 (Planta Solar 10) bei Sevilla wurde federführend von Abengoa geplant und gebaut. Gleiches hat der Konzern auch in Chile mit «Atacama 1» vor.
Das Solarwärmekraftwerk PS10 (Planta Solar 10) bei Sevilla wurde federführend von Abengoa geplant und gebaut. Gleiches hat der Konzern auch in Chile mit «Atacama 1» vor.

Es war geplant als die größte solarthermische Energieanlage in Südamerika. Nun könnte es die größte Bau-Ruine werden. Dem spanischen Energiekonzern Abengoa droht die Pleite.

Von Arne Dettmann

Für Chile hörte es sich nach etwas Bahnbrechendem an: Ganze 210 Megawatt sollten zukünftig aus der Atacama-Wüste ins Stromnetz eingespeist werden, grüne Energie für 410.000 Haushalte, erzeugt aus einem solarthermischen Kraftwerk und einer gigantischen Photovoltaikanlage, betriebsbereit ab 2017. Noch im Oktober vergangenen Jahres waren Vertreter der chilenischen Energiewirtschaft und der Internationalen Energieagentur (IEA) sowie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zum ersten Spatenstich in die Gemeinde María Elena in der Región Antofagasta gefahren. Dort, wo weltweit die Sonneneinstrahlung am stärksten ist, wollte Abengoa für 1,3 Milliarden US-Dollar erneuerbare Energie im großen Stil produzieren.

Doch nun ist es zappenduster, noch bevor bei «Atacama 1» ein Sonnenkollektor überhaupt in Stellung geht. Denn dem Betreiber Abengoa droht seit November vergangenen Jahres die Pleite. Der weltweit tätige Konzern mit Sitz in Sevilla hat einen Schuldenberg von acht Milliarden Euro angehäuft und vorläufigen Gläubigerschutz beantragt. Seitdem bemühen sich Banken den angeschlagenen Konzern zu retten und den größten Bankrott in der spanischen Wirtschaftsgeschichte zu verhindern.

Abengoa zählt weltweit 24.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von 7,1 Milliarden Euro. Der Konzern ist vor allem in erneuerbaren Energien, aber auch in Telekommunikation, Logistik und Umwelttechnik aktiv. Beim permanenten Expansionskurs überhoben sich jedoch die Andalusier, glauben Experten. Für immer neue Projekte wurden auch immer neue Kredite benötigt – und die brachten immer mehr Schulden mit sich. Bei gleichzeitig sinkenden Energiepreisen und höheren Steuern sowie geringeren Subventionen leerte sich die Unternehmenskasse.

Dass die Investoren den Spaniern dennoch die Treue hielten, liegt wohl an der Überzeugung «too big to fail» («Zu groß, um zu scheitern»). Seit Lehman-Brothers sollte jedoch eigentlich bekannt sein, dass auch Giganten taumeln und stürzen können.

In Spanien wurden vergangene Woche 72 Mitarbeiter in der Energiesparte entlassen, mit der Gewerkschaft einigte sich der Konzern auf maximal 220 Stellenstreichungen. Bezüglich «Atacama 1» hat sich Abengoa bemüht, Entwarnung zu geben: Das Projekt sei nicht in Gefahr und würde mit einer Verzögerung in Betrieb genommen. Die Photovoltaikanlage sollte eigentlich schon Ende vergangenen Jahres ans Netz gehen, das Solarwärmekraftwerk ist fürs nächste Jahr geplant.

Die Gemüter ließen sich hierzulande durch diese Beschwichtigung allerdings nicht beruhigen. In den vergangenen Wochen klopften Banken und Unternehmen bei Abengoa an, um zu erfahren, was der Konzern im Falle einer Pleite zu tun gedenke. Der spanische Konzern beteiligt sich über Tochterfirmen beispielsweise am Ausbau der Metro in Santiago in einer Höhe von 20 Millionen US-Dollar und ist auch bei Entsalzungsanlagen, der Stromübertragung und dem Bau industrieller Einrichtung aktiv.

Bei «Atacama 1» hatten die Spanier eine gemeinsame Ausschreibung des chilenischen Energieministeriums sowie der Wirtschaftsfördereinrichtung Corfo gewonnen, die das Projekt finanziell unterstützen. Aus Regierungskreisen war jetzt zu vernehmen, dass eine Neuausschreibung denkbar wäre, falls das Sonnenkraftwerk scheitern sollte.

Chile verfügt derzeit einen Anteil von rund 42 Prozent erneuerbarer Energien an der gesamten Stromerzeugung. Das Ziel der Regierung ist es, bis zum Jahr 2035 diesen Anteil auf 60 Prozent und bis zum Jahr 2050 auf 70 Prozent zu erhöhen. Abengoa schien dafür der geeignete Partner: In der Ebene von Sanlúcar la Mayor bei Sevilla weihte das Unternehmen 2007 nach vier Jahren Bauzeit Europas erstes kommerzielles Sonnenwärmekraftwerk ein, bei dem 624 nachführbare Spiegel die Sonnenenergie auf einen Absorber bündeln; um schließlich über eine Dampfturbine Elektrizität zu generieren.

 

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