Frucht- und Obstexport: Tonnenweise Gesundes aus Chile

Chile ist weltweit Marktführer im Export von Tafeltrauben, Kirschen, Blaubeeren und Trockenpflaumen

Chilenischer Fruchtexport 2016/2017: 730.000 Tonnen Tafeltrauben, 95.000 Tonnen Kirchen sowie 103.000 Tonnen Blaubeeren und 80.000 Tonnen Trockenpflaumen.
Chilenischer Fruchtexport 2016/2017: 730.000 Tonnen Tafeltrauben, 95.000 Tonnen Kirchen sowie 103.000 Tonnen Blaubeeren und 80.000 Tonnen Trockenpflaumen.

 

Von Fernanda Neisskenwirth

Laut den aktuellen Zahlen der Oficina de Estudios y Políticas Agrarias (Odepa) ist Chile derzeit Marktführer beim Fruchtexport auf der gesamten Südhalbkugel. Demnach verfügt das Land über eine Fläche von 294.000 Hektar, die für den Obstanbau geeignet ist. Darauf werden jährlich fünf Millionen Tonnen an Früchten und Obstsorten geerntet – über die Hälfte davon geht in den Export. Den damit erzielten Branchenumsatz beziffert die Odepa auf vier Milliarden US-Dollar jährlich.

Optimale Anbaubedingungen herrschen für die meisten Pflanzen zwischen der IV. und der VIII. Region vor, von Coquimbo bis Biobío und auf einer Länge von über 1.000 Kilometern. Das mediterrane Klima, das außer im Mittelmeerraum nur in wenigen Regionen – wie beispielsweise Kalifornien und Südafrika– zu finden ist, ermöglicht in Chile die Zucht einer Vielzahl an Sorten außer tropischen Pflanzen wie Bananen und Ananas.

Günstig für den Markt wirkt sich auch die kontrasaisonale Ernte aus: Wenn in den USA und Europa Winter ist und jene Regionen selbst nicht produzieren können, fährt Chile auf der Südhalbkugel seine Ernte ein und bedient die Nachfrage. Der Agrarsektor hierzulande trägt mittlerweile mit zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Eine erstaunliche Entwicklung, denn noch vor 50 Jahren hatte Chile noch mit dem Problem der Unterernährung seiner Bevölkerung zu kämpfen. Die Landwirtschaft war in den 50er Jahren von einem Großgrundbesitzer-System geprägt, in dem die Bauern von den Besitzern Land pachteten (inquilinos) und in dem Kinderarbeitet gang und gebe war.

Schätzungsweise drei Millionen Menschen lebten damals auf dem Land. Extreme Armut, Unterernährung und eine Analphabetismus-Rate von 35 Prozent stellten eine ernste Herausforderung für die Politik dar. Staatspräsident Eduardo Frei Montalva erließ 1967 eine Agrarreform. Sein Ziel: eine gemäßigte Landenteignung, um eine effektivere Bewirtschaftung des Landes und des dafür benötigten Wassers zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde den Bauern erlaubt, eigene Betriebe zu führen. Mit der Bildung von Gewerkschaften sollte eine größere Selbstständigkeit gefördert werden.

Nach der Wahl von Salvador Allende im Jahr 1970 trieb die sozialistische Regierung diesen Enteignungsprozess extrem voran. Bis zum Putsch unter General Augusto Pinochet 1973 hatte man 4.400 Grundstücke verstaatlichte – die im Durchschnitt nur 6,4 Hektar besaßen. Mit der Machtübernahme durch die Militärs begann nun eine entgegengesetzte Entwicklung: Eine neoliberale Wirtschaftspolitik, Öffnung der Märkte sowie die Ausrichtung auf den Export lockte vor allem ausländische Investoren an.

Im Hinblick auf das starke Wachstum der chilenischen Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Land ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Schon in zwei Jahren soll Chile zu den zehn größten Lebensmittelexporteuren der Welt zählen. Derzeit steht das Land in der Rangliste auf Platz 16.

Interview zum Thema Nachhaltigkeit

«Bio-Anbau ist keine Mode-Erscheinung»

Heinrich Neisskenwirth
Heinrich Neisskenwirth

Ausgelöst durch die große Nachfrage in den Importländern, hat auch in Chile der Bio-Boom eingesetzt. Zu den bedeutendsten Akteuren in dieser Branche zählen hierzulande der größte Bioapfelexporteur der Welt, Greenvic, als auch der größte Bioweinbetrieb Emiliana mit fast 1.000 Hektar Weinanbaufläche. Seitdem Beeren-Sorten (berries) verstärkt im Trend sind, wurde auch der Bio-Anbau von Blau- und Himbeeren vorangetrieben. Henrich Neisskenwirth ist Agraringenieur und Geschäftsführer von Ecocert Chile (früher IMO Chile). Er zertifiziert seit fast 20 Jahren Bio-Produkte in Chile und erklärt die Grundmotive dieser Anbaumethode.

Cóndor: Was bedeutet eigentlich der Begriff Bio?
Bio bedeutet nachhaltige Landwirtschaft, die Rücksicht auf das Ökosystem nimmt, mit besonderen Schwerpunkt auf die Förderung des Bodenlebens. Sprich: dass die Mikroorganismen, die im Boden sind, geschützt und gefördert werden. Das erreicht man durch das Verbot chemischer oder synthetischer Pflanzenschutzmittel, die größtenteils als Gift wirken. Dadurch sollen der Boden und das Wasser für kommende Generationen geschützt werden und den Menschen in der Zukunft dieselben oder sogar bessere Anbaubedingungen ermöglichen.

Warum ist das jetzt auf einmal so wichtig oder ist es nur Mode?
In den 70er Jahren wurde festgestellt, dass die intensive und großflächige Landwirtschaft von Monokulturen zu Artensterben bei Flora und Fauna führen sowie auch eine Bodenverarmung verursachen. Parallel dazu kam es immer häufiger zu Giftskandalen in der Lebensmittelindustrie. Als Konsequenz haben sich Leute Gedanken gemacht, welche Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft es gibt. Dabei kam die biologische Landwirtschaft, die es seit dem letzten Jahrhundert gibt, ins Spiel. Bio-Anbau ist daher keine Mode-Erscheinung, sondern mittlerweile ein Mainstream.

Ist die Bioproduktion gerechtfertigt?
Für alle Menschen, die den Nachhaltigkeitsgedanken befürworten, auf jeden Fall. Denn bei Nachhaltigkeit versucht man, die in der Natur allgegenwärtigen Zyklen des Lebens mit einzubeziehen. Deswegen reden wir auch von Bio, weil der ganze Prozess sich mit den biologischen Abläufen beschäftigt und versucht, sie in Einklang zu bringen.

Was hat das für eine Bedeutung für Chile?
Das hat allein deshalb so eine große Bedeutung, da Chile eine Agrarnation ist und in dem Moment, wo mehr Bio nachgefragt wird, es auch mehr gesunde Landwirtschaft gibt.

Was entgegnest du Biokritikern?
Die Bioprodukte, die wir bei Ecocert zertifizieren, werden auf Giftstoffe untersucht, der Test nennt sich «multiresiduos» und fahndet nach über 200 Giftstoffen, die tatsächlich in der konventionellen Landwirtschaft vorkommen könnten. Bei der konventionellen Landwirtschaft liegen die erlaubten Höchstmengen an Giftstoffen bei 1 ppm (Part per Million), bei Bio dürfen sie nicht die Nachweisgrenze von 0,01 ppm überschreiten (hundertmal weniger). Das bedeutet also, wer sich gesund ernähren und den massiven Gifteinsatz auf dieser Welt verhindern möchte, der sollte Bio essen. Ich kenne niemanden, dem du zwei Äpfel anbietest, die äußerlich gleich aussehen und von denen einer Bio und der andere ein normaler Apfel ist und der dann den konventionellen bevorzugt.

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