Energie-Visionen für Chile
«Wenn Chile wollte, könnte das Land mit seinen eigenen Ressourcen ganz Südamerika mit Strom versorgen», erklärt Hans Hall. Der schwäbische Ingenieur und der Frankfurter Physiker Karsten Schulte haben den Entrepreneur-Wettbewerb «start-up» der chilenischen Regierung im Mai dieses Jahres gewonnen. Mit ihrer Firma Kraftwerk Renewable Power Solutions bauen sie zurzeit für das Fruchtunternehmen Subsole eine Photovoltaikanlage. Die beiden Unternehmer sind überzeugt von dem einmaligen Potenzial, das Chile für erneuerbare Energien zu bieten hat.
«Chile hat Wind, Sonne, Wasser, eine lange Küste für Gezeitenanlagen, zahllose Möglichkeiten für Geothermie, Müll und Landwirtschaft für Biogasanlagen, die Möglichkeiten sind mannigfaltig,» schwärmt Hans Hall. Doch trotz eklatanter Energieprobleme bleiben diese großen Chancen fast ungenutzt. Die Energieunternehmen setzen immer noch auf fossile Brennstoffe, ungeachtet der Endlichkeit der Rohstoffe und der hohen CO2-Belastung.
Von dem Image der «schmutzigen Energie» will sich jetzt das Fruchtunternehmen Subsole befreien und in eine «saubere» Zukunft investieren. Noch in diesem Jahr wird die Firma eine 300-Kilowatt-Solaranlage in Betrieb nehmen. Es wird die größte netzgebundene Photovoltaikanlage, die bislang in Chile gebaut wurde. «Wir wollen neue Wege gehen», erklärt der Geschäftsführer José Miguel Fernández und will damit auch «neue Werte schaffen». Die internationalen Kunden verlangen zunehmend nach Produkten, die mit «sauberer Energie» hergestellt werden. Und so ist die große Investition auch eine strategische Entscheidung, die sich in doppelter Hinsicht „auszahlen wird“, glaubt Fernández.
Für den Bau des Megaprojekts hat Subsole die deutsche Firma Kraftwerk beauftragt. In diesen Tagen beginnen in Copiapó die Vorbereitungen für den Bau des einen Hektar großen Solarfelds. Dort in der Atacamawüste ist die Sonneneinstrahlung höher als an jedem anderen Ort der Erde. Ein idealer Platz für Photovoltaik.
Auf großen Flächen im Tal von Copiapó baut Chiles achtgrößter Fruchthändler vor allem Weintrauben für den internationalen Export an. Der Großteil der Energie wird für die Bewässerung der Pflanzen benötigt. «Die Herausforderung ist, den Energiebedarf für die Bewässerung der Pflanzen so zu gestalten, dass er möglichst dem Verlauf der Sonne folgt», erklärt der promovierte Physiker und einer der beiden Inhaber von Kraftwerk, Karsten Schulte.
Gemeinsam mit Arturo Valdés, einem Spezialisten für Wasser und Hydraulik der chilenischen Firma Hydroscada, wurden «detaillierte Messreihen durchgeführt, um vollständige Transparenz über den Energiebedarf für die Bewässerung an jeder Pumpenstation in jedem Monat, in jeder Woche, an jedem Tag zu erlangen», so der Solarexperte Schulte weiter.
Mit Strahlungsdaten aus der betriebseigenen Wetterstation und detaillierten Energieverbauchsmessungen an den Wasserpumpen konnte das Team mit einem Agrarexperten einen Stundenplan für die zukünftige Bewässerung entwickeln.
«92 Prozent der erzeugten Sonnenenergie können wir direkt für die Bewässerung nutzen», erklären die Beiden. Eine beachtliche Leistung, die sich rechnet. Eine Weiterentwicklung dieser Innovation ist schon in Arbeit. Im nächsten Jahr wollen Kraftwerk und Hydroscada das System erweitern. «Wasser als Speicher der Solarenergie und die Nutzung der Schwerkraft für die Bewässerung sind die Stichworte», sagt Arturo Valdés.
Die aus dem laufenden Projekt gewonnen Erkenntnisse sind weit über das aktuelle Projekt interessant. Valdés möchte in Zukunft vielen Farmern eine Lösung für ihre Wasser -und Energieprobleme bieten. Diese könnten dann wie das Subsole auch zu Energieproduzenten werden. Subsole wird den Strom, der über den Eigenbedarf hinaus produziert wird, ins öffentliche Netz einspeisen und somit auch daran verdienen. Mit dem Solarpark macht sich der Fruchtproduzent unabhängig von den chilenischen Energiepreisen, die zu den höchsten in Lateinamerika gehören. Für José Miguel Fernández fühlt sich das schon ein bisschen wie «Pionierarbeit an, auch wenn ähnlich große Anlagen für Europa ganz normal sind».
Pablo Pastene, Leiter der Abteilung für Solarenergie bei der Fundación Chile und mit der Betreuung des Projekts beauftragt, ist begeistert mit dabei zu sein. «Das Projekt von Subsole soll Vorbild für das ganze Land werden.» Interessant daran ist vor allem, „die Energie direkt vor Ort“ zu nutzen. Das Netz im Norden beliefert mit Energie aus fossilen Brennstoffen würde durch den «grünen Strom» entlastet werden.
Die direkte Nutzung der Energien vor Ort interessiert auch einige Minen. Zurzeit laufen unter der Beratung und Aufsicht von Pablo Pastene und der Fundación Chile Ausschreibungen für drei Minen, die auf umweltfreundliche Energien umsteigen wollen. Solarenergie aber auch Geothermie sind im Gespräch. «Für Länder mit hoher Sonneneinstrahlung ist die Photovoltaik schon jetzt in vielen Fällen wettbewerbsfähig», erklärt Karsten Schulte.
Doch nicht nur chilenische Unternehmen können wirtschaftliche Vorteile eigener Anlagen für erneuerbare Energie nutzen, sondern bald auch private Haushalte. Zurzeit ist ein Gesetz in Arbeit, das auch privaten Energieproduzenten ermöglicht ihren Strom ins öffentliche Netz zu speisen. Das Gesetz zur Gründung der sogenannten «Met Metering» wird höchstwahrscheinlich schon nächstes Jahr in Kraft treten. Dann können kleine Stromproduzenten mit Anlagen unter 100 Kilowatt das öffentliche Netz nutzen, um überschüssigen Strom zu verkaufen und darüber hinaus eine permanente Stromversorgung gewährleisten.
Es ist der erste Schritt in eine nachhaltige Zukunft, die auch private Energieproduzenten in Chile erreichen wird. Für die Firma Kraftwerk Renewable Power Solutions und seine beiden Geschäftsführer hat Chile alle Chancen, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen abzuschütteln und den nachhaltigen Energiemarkt zu erobern.
«Man spürt hier eine Aufbruchsstimmung», erzählen die beiden Deutschen, die erst in diesem Jahr von Deutschland nach Chile kamen. Entscheidend dafür war der Gewinn des start-up Wettbewerbs. Neben Kontakten zu Wirtschaft und Wissenschaft unterstützt das Programm die Gewinner auch finanziell. Corfo, Realisator dieser Ausschreibung, hat großes Interesse daran, internationales Knowhow ins Land zu bringen. Für sie ist die deutsche Firma, die auch schon einen Ableger in Chile gegründet hat, ein Glücksfall, da sie neben dem Fruchtunternehmen noch weitere Anlagen für erneuerbare Energien im Land in Planung haben.
Noch in diesem Monat beginnen sie aber erst einmal den Bau des Solarfelds im Tal von Copiapó. Im Dezember wollen sie schon den Betrieb aufnehmen. Und Pablo Pastene von der Fundación Chile hofft, dass ganz bald „auch weitere Unternehmen nachkommen“.
Start-up Chile
Seit 2010 gibt es in Chile das Entrepreneur-Programm «start-up Chile». Für die Initiative des chilenischen Wirtschaftsministeriums, in Zusammenarbeit mit der Agentur für wirtschaftliche Entwicklung (Corfo), laufen gerade die dritten internationalen Ausschreibungen. Ziel ist, Knowhow ins Land zu bringen und hier zu etablieren. Die Gewinner werden mit einem Visum für ein Jahr ausgestattet und bekommen eine projektgebundene Unterstützung von 40.000 US-Dollar. Neben ihrer eigenen Projektentwicklung sollen sie im Gegenzug ihr Wissen mit Chilenen teilen, zum Beispiel durch Vorträge an den Universitäten und bei Firmen. Für die aktuelle Ausschreibung haben sich 650 Teams mit Ideen und Innovationen aus über 60 Ländern im Bereich Energie, Sozialwesen, Design oder IT beworben. 154 Projekte werden schließlich nach einer Prüfung mit hohen Qualitätskriterien ausgewählt.








