Diamantenfieber

Milliardengeschäfte hinter schlichten Betonfassaden: Antwerpens Diamantenviertel muss sich dem Lauf der Zeit anpassen. Aber der Handel mit den Edelsteinen floriert noch immer – auch dank des neuen Wohlstands in Indien und China.

 

Edelsteine schleifen und bewerten: Antwerpen in Belgien gilt als internationales Zentrum im Diamantenhandel.

Antwerpen (dpa) – Der Raum, in dem Diamanten ihr Funkeln erhalten, sieht aus wie ein Trödelladen. Werkzeuge liegen herum, mitten in diesem Wirrwarr sitzt Pieter Bombeke mit den wertvollen Steinen vor einer surrenden Schleifplatte. «Der Stein hier ist im 18. Jahrhundert geschliffen worden», vermutet er und deutet auf den kleinen Diamanten in seiner Zange. «Der hat Glanz, aber kein Feuer.» Wieder und wieder führt der Meisterschleifer das Werkzeug auf die rotierende Platte. Jedes Mal verliert der Diamant ein wenig Gewicht und gewinnt an Form. «Jeder Stein ist anders», erklärt Bombeke.

In den Werkstätten im Antwerpener Diamantenviertel werden Edelsteine geschliffen, gehandelt, geprüft. Ein milliardenschweres Geschäft, das auf eine lange Tradition zurückblickt. Dort wurde 1919 die typische Brillantform entworfen, in die noch heute ein Großteil aller Diamanten geschliffen wird und die auf den Werbeschildern von Schmuckgeschäften in der ganzen Welt zu sehen ist.

Das ist lange vorbei, die Handarbeit wird heute meist anderswo erledigt: Antwerpen ist vor allem ein Handelszentrum. «Wir haben einen Niedergang der Menge an Diamanten gesehen, die hier geschliffen werden», sagt Caroline De Wolf vom Antwerpener Weltzentrum für Diamanten (AWDC). In Ländern wie Indien und China ist der Lohn für die Schleifer deutlich günstiger. «Das ist ein Wettbewerb, den man nicht gewinnen kann.»

Auch im Diamantenhandel werden die Karten seit einiger Zeit neu gemischt. Zwar konnte Antwerpen seine Vorrangstellung halten. Doch auf der von zahllosen Kameras überwachten Straße im Diamantenviertel sind die alteingesessenen Händler mit jüdischer Kippa oder Schläfenlocken inzwischen in der Minderheit. Man sieht immer mehr Inder und Asiaten.

Das Zentrum der Antwerpener «Diamantaires» liegt gleich neben dem Bahnhof. Hier stehen alle hundert Meter Notrufsäulen, die Einfahrt zur Diamantenmeile ist auf beiden Seiten durch Schleusen aus Pollern geschützt, die paar Straßen haben ihre eigene Polizeistation. Ansonsten versteckt sich der Reichtum hinter den in die Jahre gekommenen Fassaden und grauem Beton.

«Wir sind immer noch die Nr. 1 im Großhandel», sagt Caroline De Wolf. «80 Prozent aller Rohdiamanten und 50 Prozent der geschliffenen Diamanten werden in Antwerpen gehandelt. Eine ziemlich große Zahl für eine einzige Straße.» 1.800 Firmen sind hier vertreten. Vergangenes Jahr exportierten die Händler in Antwerpen nach Angaben des AWDC rohe und geschliffene Diamanten im Wert von 26,7 Milliarden US-Dollar (20,5 Milliarden Euro). Die Delle des Krisenjahrs 2009 ist überwunden, auch bei den Preisen.

Diamanten sind nach wie vor beliebt: Auch Indien und China haben die westliche Praxis übernommen, den Schmuck zur Verlobung, Hochzeit und Jahrestagen zu verschenken.

Die Nachfrage auf dem Weltmarkt ist groß, vor allem dank des wirtschaftlichen Aufschwungs in großen Schwellenländern und einer vergleichsweise geringen Fördermenge. Gerade in Indien und China werden mehr Diamanten gekauft. «Immer mehr Konsumenten übernehmen dort die westliche Praxis, Diamantenschmuck zur Verlobung, Hochzeit und Jahrestagen zu verschenken», heißt es in einer Marktstudie von Bain & Company. «Viele Menschen dort können sich zum ersten Mal in ihrem Leben Diamanten leisten», sagt De Wolf.

Das verändert das Geschäft. Ein Beispiel: Während Amerikaner gerne große Diamanten kaufen, die aber auch von schlechterer Qualität sein dürfen, wollen Asiaten Perfektion. Für Antwerpen ist das Chance und Gefahr zugleich.

«In einer sich schnell ändernden Welt müssen wir leichtfüßig sein und bereit, den sich wandelnden Markt zu umarmen», resümierte der Präsident des Weltverbands der Diamantenbörsen, der Südafrikaner Ernest Blom, im vergangenen Jahr nach dem Weltkongress der Organisation. «Das Wachstum, das wir in den vergangenen Jahren auf den Märkten in Indien und China gesehen haben – im Gegensatz zum realen Rückgang auf den traditionellen westlichen Märkten – lässt keine Zweifel, in welche Richtung der Handel sich entwickelt.» Wohl kein Zufall: Das Branchentreffen fand in der indischen Finanzmetropole Mumbai statt.

Die Welt der Diamantenhändler ist eine sehr spezielle. Noch immer werden Geschäfte per Handschlag abgeschlossen, begleitet von den Worten «Mazal U’Bracha» – Hebräisch für «Glück und Segen». Vertrauen ist entscheidend. An einer Wand im Antwerpsche Diamantkring, einer der vier Diamantenbörsen der Stadt, hängen die Steckbriefe jener, die gegen den Kodex der Branche verstoßen haben. Sehen dürfen diese Wand nur Mitglieder der Börse, aber wer dort am Pranger hängt, ist weltweit vom Handel mit den funkelnden Steinen ausgeschlossen.

Von den Großraumbüros des Antwerp World Diamond Centres aus wird beim Blick über die quirlige Hoveniersstraat klar, wie klein das traditionsreiche Diamantenviertel ist. Übersichtlich. «Das macht es den Leuten einfacher, zu handeln», sagt De Wolf. «Deshalb fällt es uns leichter, ein hohes Sicherheitslevel zu schaffen.»

Carat, Clarity, Colour: Die vier Cs eines Diamanten nehmen Experten genau unter die Lupe.

Eine kurze Fahrt mit dem Aufzug, eine Sicherheitsschleuse, und vor dem Besucher beugen sich in einem halbdunklen Raum Menschen über Lupen und Mikroskope unter kleinen Lampen. Was die Spezialisten in ihre Computer tippen, entscheidet über den Wert der Steine. In konzentrierter Stille beurteilen die Mitarbeiter des Labors die Diamanten: Wie viel Karat? Wie klar? Welche Farbe? Wie gut ist der Schliff? Diese Kriterien – im Englischen sprechen die Fachleute von den «vier Cs» (Carat, Clarity, Colour, Cut) – beeinflussen wesentlich den Preis eines Diamanten.

Ein 0,95-Karäter, dessen Schliff «triple excellent» ist, also perfekte Symmetrie hat, perfekte Proportionen und perfekt poliert wurde, wird im Internet für rund 14.500 Euro gehandelt. Ein Stein, der sich in nur einer Kategorie leicht unterscheidet, kostet gleich 1.500 Euro weniger. Das Karat gibt das Gewicht des Steins an und entspricht 0,2 Gramm.

Jeder Diamant wird bei der Bewertung im AWDC-Labor dreimal geprüft. Falls die Ergebnisse nicht übereinstimmen, sogar noch öfter. Die Angestellten betonen die harten Standards. Das Papier für die Zertifikate, die hier ausgestellt werden, liefert ein Hersteller, der auch Euroscheine druckt.

Tradition, Fachwissen, Qualität: Damit will die Diamantenstadt Antwerpen sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Inwieweit die Wette aufgeht, ist offen. Pieter Bombeke jedenfalls ist zuversichtlich. «Die ganze Logistik ist hier. Es gibt eine gute Zusammenarbeit: Zollamt, Finanzamt, Versicherungen, Transport.»

Bombeke erzählt stolz von besonderen Schliffen: Diamanten mit ungewöhnlichen Lichtreflexen, einem Davidsstern zum Beispiel. Oder einem Mercedes-Stern. «Dafür habe ich einen Brief von Mercedes bekommen: sehr schön, aber kein Interesse», berichtet er. Einfache Schliffe könne man in der ganzen Welt schleifen. «Aber für schwierige Modelle kommen die Leute immer noch nach Antwerpen.»

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