Chiles Rentensystem in der Kritik

Demonstration am 21. August in Santiago gegen das System privater Rentenfonds in Chile
Demonstration am 21. August in Santiago gegen das System privater Rentenfonds in Chile

Hunderttausende Chilenen haben vor zwei Wochen an Protestmärschen gegen das System privater Pensionskassen teilgenommen. Im Fadenkreuz der Kritik steht das unter Augusto Pinochet 1981 eingeführte Kapitaldeckungsverfahren. Seitdem wird in der Öffentlichkeit und in der Presse viel diskutiert. Im Folgenden ein Faktencheck, zusammengestellt von Arne Dettmann.

 

Kritiker bemängeln, dass die Renten in Chile zu niedrig seien. Stimmt das?

Ja und nein. Nach Angaben der staatlichen Aufsichtsbehörde der Pensionskassen beziehen die chilenischen Pensionäre durchschnittlich 197.726 Pesos (265 Euro). Das ist im internationalen Vergleich eher gering.

Zur Beurteilung wird üblicherweise die Ersatzquote herangezogen. Diese Quote gibt die Höhe der Rentenbezüge im Verhältnis zur Höhe des Verdiensts während der Erwerbstätigkeit wieder.

Für Durchschnittsverdiener betrug die Nettoersatzquote 2014 im Durchschnitt der 34 Oecd-Länder 63 Prozent, wobei allerdings große Unterschiede bestehen. Im unteren Bereich liegen Großbritannien mit 29 Prozent und Mexiko mit 28 Prozent. Deutschland kommt auf 50 Prozent, Dänemark auf 66 und Frankreich auf 68 Prozent. Ganz oben liegen Italien mit 80 und Spanien mit 90 Prozent. Chile ist mit einer Nettoersatzquote von 38 Prozent im unteren Bereich angesiedelt.

Allerdings verweist der private Rentenfonds AFP Habitat darauf, dass ein männlicher Ruheständler nach 30 Jahren Beitragszahlungen eine Rente von durchschnittlich 650.000 Pesos und mehr erhalte. Dies entspräche einer Nettoersatzquote von 77 Prozent. Bei Frauen betrage nach 30 Jahren die Rente 327.000 Pesos, was einer Quote von 41,5 Prozent entspräche.

 

Wie kommen die großen Unterschiede in der Rentenhöhe zustande?

Diese Zahlen verdeutlichen eins: Wer gut verdient und regelmäßig Rentenbeiträge abführen kann, wird tendenziell höhere Renten beziehen als Geringverdiener mit Beitragslücken durch Arbeitslosigkeit, Mutterschaftspause sowie unregelmäßigen Beschäftigungsverhältnissen und damit verbunden kurzen Beitragszeiten.

Das chilenische Rentensystem ist somit ein Abbild von dem, was sich auf dem Arbeitsmarkt abspielt. Laut einer Studie gelingt es gerade einmal 50 Prozent aller AFP-Mitglieder, in vollem Umfang ihre Beiträge zu bezahlen und somit für ihre Rente vorzusorgen. Bei den Frauen ist es ein Drittel.

Die im internationalen Vergleich niedrige Nettoersatzquote hat aber auch andere Gründe: So hat der ehemalige Geschäftsführer der AFP Cuprum darauf hingewiesen, dass der Beitragssatz auf nur 10 Prozent festgelegt wurde, was zu niedrig sei. Zum Vergleich: In Deutschland müssen in der gesetzlichen Rentenversicherung 18,7 Prozent des Arbeitsentgeltes zum Zweck der sozialen Sicherung abgeführt werden. Ein weiterer Faktor ist die gestiegene Lebenserwartung, die bei der Berechnung nicht berücksichtigt wurde.

 

Ist das chilenische Rentensystem schlecht?

Das chilenische Rentensystem von vornherein zu verdammen, wäre unsachlich. Zahlreiche Staaten wie Großbritannien, die Schweiz und auch Deutschland setzen ganz oder teilweise auf das Kapitaldeckungsverfahren, bei dem die Versicherten individuell über Fonds sowie private Lebens- oder Rentenversicherung ansparen. Das hat im Unterschied zum Umlageverfahren wie beispielsweise in Deutschland, wo die heute Erwerbstätigen über ihre Beiträge direkt die Renten der heutigen Ruheständler finanzieren, einen gewaltigen Vorteil. Denn während in Deutschland immer weniger Erwerbstätige eine wachsende Anzahl von Rentnern finanzieren muss, ist das chilenische Kapitaldeckungsverfahren von der Last dieses demographischen Wandels befreit.

Der Nachteil: Ungünstige Entwicklungen auf den Kapitalmärkten – zum Beispiel eine Finanzkrise – können einer einseitig kapitalgedeckten Rentenversicherung schwer zu schaffen machen. Davon blieb Chile bisher weitgehend verschont. Seit 2002 bis jetzt betrug die jährliche Verzinsung aller privaten Rentenfonds in Chile im Schnitt 5,03 Prozent jährlich. In Europa dagegen geht Dr. Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, davon aus, dass die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum noch auf Jahre hinaus sehr niedrig bleiben werden. Private Haushalte könnten somit nur schwer ihr Sparziel erreichen.

 

Muss das chilenische Rentensystem reformiert werden?

Die Weltbank hat in der Vergangenheit Chile empfohlen, das Rentensystem zu reformieren, weil der hiesige Arbeitsmarkt es für Arbeitnehmer schwierig mache, kontinuierlich möglichst hohe Beiträge für die eigene Rente aufzubringen. Die Bachelet-Regierung führte 2008 daher eine solidarischen Grundsicherung über ein steuerfinanziertes System (Sistema de Pensiones Solidario, SPS) ein. Sie umfasst eine Mindest- sowie eine solidarische Zusatzrente (Aporte Previsional Solidario, APS). Die Schlechterstellung von Frauen wurde durch einen Bonus für Kinder etwas abgemildert.

Chile steht mit diesen Änderungen nicht alleine da. Etwa die Hälfte aller Oecd-Staaten hat in den vergangenen Jahren Reformen an ihrem Rentensystem vorgenommen, um die finanzielle Tragfähigkeit zu verbessern. Dazu zählen unter anderem eine Erhöhung von Steuern und Beitragssätzen sowie die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters. Dieses beträgt im Oecd-Durchschnitt 65,5 Jahre, in Deutschland liegt es aktuell für Männer und Frauen bei 67 Jahren. In Chile gilt 65 für Männer und 60 Jahre für Frauen – ob sich das in Zukunft so halten lässt, bleibt fraglich.

Generell ist in Europa fast überall eine Entwicklung zu Mehrsäulensystemen bei der Rente zu beobachten. Je nach Gewichtung setzt man auf einen Mix aus staatlicher Vorsorge – aus Steuern oder einer Umlage finanziert – sowie beruflicher und privater Vorsorge – beide kapitalgedeckt. Denn Sicherheit lässt sich am besten dadurch erreichen, dass die Risiken gestreut werden und nicht alles auf eine Karte gesetzt wird.

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