«Chile könnte 100-mal seinen Strombedarf aus erneuerbaren Energien decken»

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist eine staatliche Organisation der Bundesrepublik Deutschland. In Chile ist das Unternehmen unter anderem mit einem Energieprogramm präsent, das vom deutschen Umweltministerium BMUB gefördert und in Zusammenarbeit mit dem chilenischen Energieministerium abgewickelt wird. Cóndor-Redaktionsleiter Arne Dettmann sprach mit dem Projektleiter Rainer Schröer über das Potenzial erneuerbarer Energien und deren Umsetzung.

Diese Grafik zeigt, wie das solarthermischen Kraftwerk Atacama 1 in Nordchile, das sich derzeit im Bau befindet, einmal aussehen soll. Die Leistung wird 100 MW betragen. Es handelt sich un die erste Anlage dieser Art in Lateinamerika.
Diese Grafik zeigt, wie das solarthermischen Kraftwerk Atacama 1 in Nordchile, das sich derzeit im Bau befindet, einmal aussehen soll. Die Leistung wird 100 MW betragen. Es handelt sich un die erste Anlage dieser Art in Lateinamerika.

Cóndor: Herr Schröer, wenn Sie vor der Wahl stünden, eine Photovoltaikanlage zur Stromerzeugung für ein Einfamilienhaus zu installieren, wo würden Sie das vornehmen: In Chile, wo mehr die Sonne scheint, oder im eher bewölkten Deutschland, wo aber die staatliche Förderung höher ist?
Ich würde mir in beiden Ländern eine solare PV-Anlage auf meinem Haus installieren, weil ich die Idee einer eigenen Stromversorgung einfach spannend und interessant finde. Ein wenig mehr Unabhängigkeit von den Stromlieferanten kann doch nur gut sein!

Rainer Schröer
Rainer Schröer

Wirtschaftlich gesehen macht es wegen der Förderung in Deutschland sicherlich Sinn. Bei dem Niedrigzinsniveau in Deutschland lohnt sich die Investition in eine geförderte Solaranlage. Hier in Chile macht es aufgrund der viel höheren Solarstrahlung im Vergleich zu Deutschland auch ohne staatliche Förderung Sinn.

Wie beurteilen Sie die augenblickliche Situation für erneuerbare Energien in Chile? Wo wurden bisher wie viel MW installiert, welche Arten von Projekten gibt es und wo sehen Sie Potenzial?
Die Entwicklung der Erneuerbaren hat in den letzten zwei Jahren erheblich an Dynamik gewonnen. Waren im Jahre 2013 ohne große Wasserkraftwerke zu berücksichtigen erst 1.024 MW installiert, werden heute bereits 2.633 MW betrieben. Weitere 2.815 MW sind zurzeit im Bau und viele neue Projekte sind noch in der Planung. Das bedeutet, dass das vorhandene große Potenzial an erneuerbarer Energieerzeugung, die dieses Land hat, langsam, aber sicher auch genutzt wird.
Besonders große Zuwachsraten erlebt die Solarenergienutzung insbesondere im Norden Chiles. Die positive Entwicklung wird durch einen vorteilhaften politischen Rahmen, fallende Preise für erneuerbare Energietechnologien und durch die wirtschaftliche Sicherheit verursacht, die Chile den Investoren bieten kann. Diese Entwicklung wurde auch von den gerade stark sinkenden Preisen für konventionelle Energieträger nicht aufgehalten.
Nicht zuletzt hat auch die in Chile immer wichtiger werdende Klimaschutzthematik dazu beigetragen, dass erneuerbare Energien sich in Chile dynamisch entwickeln. Zusätzliche Potenziale sehe ich in der Nutzung der Geothermie für thermische Anwendungen sowie in der Verbreitung kleinerer Solaranlagen in intelligenten Netzen städtischer Ballungsgebiete.

Welche Hürden gilt es bei der Umsetzung von erneuerbaren Energien (Politik, Finanzierung, technische Probleme, Erwartungshaltung) zu meistern?
Als Hürde für die Verbreitung kleinerer erneuerbarer Energiesysteme wie zum Beispiel fotovoltaische Anlagen auf Wohnhäusern, oder auch kleinere Industrieanlagen sehe ich fehlende Finanzierungsinstrumente, wie sie in Deutschland mit den Kreditlinien der KfW zum Beispiel existieren. Der Transport des mit erneuerbaren Energien erzeugten Stroms über elektrische Transmissionsleitungen muss durch Zubau und Verstärkung neuer Überlandleitungen verbessert werden. Auch die Stromverteilung muss sich auf die spezielle Dynamik fluktuierender erneuerbare Energien wie Wind und Solar einstellen.
Allgemein hat sich das Informationsniveau über erneuerbare Energien bei der Bevölkerung in den letzten Jahren erheblich verbessert, aber es besteht immer noch Informationsbedarf bei der Bevölkerung. Es gibt in Chile auch noch zu wenige Fachleute, die erneuerbare Energieanlagen planen, installieren und warten können.

Wie lange arbeitet schon das GIZ-Energieprogramm in Chile und wie sieht konkret die bilaterale Kooperation aus?
Die GIZ arbeitet bereits seit einigen Jahren in Themen der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien mit Chile zusammen, aber erst seit Anfang 2014 wurde durch das deutsche Umweltministerium im Rahmen von mehreren Klimaschutzprojekten die chilenische Regierung verstärkt dabei unterstützt, die Emissionen der bislang überwiegend auf konventionellen Energieträgern basierenden Stromerzeugung zu verringern. Dem Bundesumweltministerium geht es unter anderem hierbei auch darum die in Chile gemachten Erfahrungen als Beispiel für die Nachbarländer und andere Schwellenländer zu nutzen.

Chile gehört zu den 196 Unterzeichner-Staaten des Abkommens der Klimakonferenz 2015 in Paris. Ziel ist, die globale Erwärmung zu reduzieren. Jeder Chilene produziert aber im Durschnitt fünf Tonnen Treibhausgase pro Jahr. Wie glauben Sie, könnte das Land seine Emissionen senken? Welche Rolle spielen erneuerbare Energien und Energieeffizienz?
Die Erzeugung von elektrischem Strom verursacht in Chile zirka 40 Prozent der Treibhausgasemissionen und ist damit noch vor dem gesamten Transportsektor der größte Emittent. Chile hat auf der anderen Seite aber ganz hervorragende und wirtschaftliche Potenziale zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien. Laut den Erhebungen, die wir gemeinsam mit dem Energieministerium gemacht haben, könnte Chile mindestens 100-mal seinen elektrischen Energiebedarf aus erneuerbaren Energiequellen decken, damit Emissionen vermeiden und auch unabhängig von importierten konventionellen Energieträgern werden. Da ist es doch eigentlich nur logisch, dass man nun verstärkt erneuerbare Energien in Chile einsetzt, oder?

Herr Schröer, wir bedanken uns für das Gespräch.

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