Camchal-Themen-Seminar Industrie 4.0: «Die größte Revolution der Geschichte»

Diskussionsrunde: Felipe Henríquez von Mountain Nazca, Pelayo Covarrubias von der Stiftung País Digital und Tilmann Heydgen des digitalen Start-up-Unternehmens  Recorrido. Es moderiert Dr. Cornelius Boersch, Gründer und Vorsitzender von Mountain Partners.
Diskussionsrunde: Felipe Henríquez von Mountain Nazca, Pelayo Covarrubias von der Stiftung País Digital und Tilmann Heydgen des digitalen Start-up-Unternehmens Recorrido. Es moderiert Dr. Cornelius Boersch, Gründer und Vorsitzender Mountain Partners.

Wie verändert die digitale Transformation unsere Welt, wie werden wir morgen arbeiten? Auf einer Fachtagung der Camchal versuchten Experten Antworten zu finden.

Von Arne Dettmann

Künstliche Intelligenz, Autopilot in Fahrzeugen, vernetzte Haushaltsgeräte: Der Fortschritt moderner Informations- und Kommunikationstechnologien wird unseren Alltag verändern. Zu diesem Fazit kamen Experten auf einem Seminar der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (Camchal) am Mittwoch vergangener Woche. Vor mehr als 100 Gästen referierten sie in den Räumen von Transoceánica (Mitglied der AHK Chile) über ihre Vision der «digitalen Revolution», so der Titel der Tagung.

Dass hierbei fast ausnahmslos Aufbruchsstimmung erzeugt wurde, lag wohl zum guten Teil an den Vortragenden selbst. Mit dabei waren Karl-Theodor zu Guttenberg, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Technologie sowie Verteidigung, der in New York eine Investment- und Beratungsfirma leitet. Der frühere Star der deutschen Politik – 2011 trat er im Zuge einer Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit von seinen öffentlichen Ämtern zurück – plauderte professionell und locker in Jeans, offenem Hemd und Leinensakko über Silicon Valley, Smart Automation und Predictive Analytics. Die jungen Start-up-Unternehmensgründer Felipe Henríquez und Tilmann Heydgen berichteten begeistert über ihre innovativen Geschäftsideen, schnelles Wachstum inbegriffen. Pelayo Covarrubias, Vorsitzender der Stiftung País Digital, sowie Claudio Muñoz, Präsident von Telefónica Chile, ließen keinen Zweifel aufkommen, dass möglichst rasch noch mehr Menschen vernetzt und noch größere Datenmengen durchs Internet sausen sollten.

Dreimal Platz eins für Chile: Das Land ist innerhalb Lateinamerikas nicht nur Spitzenreiter bei der Verbreitung von Smartphones und der Internetnutzung. Auch bei der generellen Nutzbarmachung von Informationstechnologien und deren Anwendung landet Chile auf dem ersten Platz.
Dreimal Platz eins für Chile: Das Land ist innerhalb Lateinamerikas nicht nur Spitzenreiter bei der Verbreitung von Smartphones und der Internetnutzung. Auch bei der generellen Nutzbarmachung von Informationstechnologien und deren Anwendung landet Chile auf dem ersten Platz.

«Schöne neue Welt» also, wie Aldous Huxley 1932 ironisch seinen düsteren Zukunftsroman betitelte? Nicht ganz. Der deutsche Unternehmer Dr. Cornelius Boersch sprach nicht nur über Chancen, sondern auch mögliche Folgen einer digitalisierten Welt, wie zum Beispiel Drohnenkrieg mit ferngesteuerten fliegenden Bomben, sprich Töten als Videospiel.

Fast schon harmlos dagegen wirkt die Kritik an der massiven Ausweitung von Handys. Überall auf der Welt, so Boersch, konzentrierten sich die Menschen immer mehr auf den Bildschirm ihres Smartphones und nähmen dafür immer weniger ihre Mitmenschen oder das Musikkonzert wahr, das sie gerade besuchen. «Wir halten besondere Momente unseres Lebens per Handykamera fest, anstatt sie selbst zu genießen. Ist das gut?»

Und eine nicht unwesentliche Frage schnitt Boersch ebenfalls an: «Wird es zukünftig genügend Arbeit für alle geben?»

Diesbezügliche Zahlen hatte der Unternehmer, der international in junge Internetfirmen investiert, nicht parat. Doch ein Blick in eine Studie, die auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) im Januar in Davos vorgelegt wurde, liefert einen Anhaltspunkt. Demnach könnten durch Automatisierung und Vernetzung weltweit fünf Millionen Arbeitsplätze bis 2020 verloren gehen. Ein düsteres Bild zeichnet auch eine Prognose des Arbeitsministeriums in Deutschland. Durch intelligente Maschinen und Roboter könnten bis zu 42 Prozent der Beschäftigten ihren Job verlieren. Andere Erhebungen gehen davon aus, dass Industrie 4.0 sogar die Hälfte aller heute vorhandenen Arbeitsplätze vernichten wird.

Solche Voraussagen gelten allerdings als ziemlich vage, denn letztendlich könne niemand wissen, in welchem Umfang Software und Roboter den Menschen kognitive und höherwertige Tätigkeiten wegnehmen werden. Zudem hofft das Bundesarbeitsministerium im «Grünbuch Arbeiten 4.0», dass durch Industrie 4.0 neue Beschäftigungsfelder entstehen werden. Eine solche positive Gegenentwicklung bezweifeln allerdings Experten.

Camchal-Geschäftsführerin Cornelia Sonnenberg, Karl-Theodor zu Guttenberg, Dr. Cornelius Boersch, Claudio Muñoz, Christoph Schiess, Vorsitzender Transoceánica, und Juan Pablo Hess, Vorsitzender der Camchal.
Camchal-Geschäftsführerin Cornelia Sonnenberg, Karl-Theodor zu Guttenberg, Dr. Cornelius Boersch, Claudio Muñoz, Christoph Schiess, Vorsitzender Transoceánica, und Juan Pablo Hess, Vorsitzender der Camchal.

Fest steht wohl nur eins: Die Digitalisierung wird ganze Industriezweige umkrempeln und alte Strukturen auflösen. Neue, auf Internet basierte Unternehmen hätten das Zeug dazu, mit etablierten großen Konzernen zu konkurrieren und ihnen auch gefährlich zu werden; es gelte nicht mehr länger die Regel «too big to fail» («zu groß, um zu scheitern»), so Cornelius Boersch. Versicherungen online abschließen und Waren per E-Commerce kaufen – vieles sei heute schon längst möglich, ohne dafür Verkaufsräume bereitstellen zu müssen.

In Deutschland werden daher laut WEF-Studie vor allem Arbeitsplätze in Verwaltung, im Handel sowie im Bereich Transport und Logistik wegfallen. Der klassische Arbeitsplatz im Büro gehöre bald der Vergangenheit, sagte auch vor Kurzem Sabine Bendiek, Chefin von Microsoft Deutschland.

Angesichts dieser Umwälzungen sprachen die Referenten denn auch von der vierten industriellen Revolution. In der wirtschaftshistorischen Abfolge von Mechanisierung, Massenfertigung und Automatisierung erleben wir nun die Anwendung von Internettechnologien zwischen Mensch, Robotern und Produkten. «Digitale Kommunikation ist das Erdöl der Zukunft», erklärte Claudio Muñoz. Der Telefónica-Chef und Mitglied der chilenischen Kommission für Produktivität sprach von der «größten Revolution der Geschichte».

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