Alle sollen smarter werden

Wir haben uns schnell daran gewöhnt, dass unsere Handys intelligent wurden, jetzt werden ganze Fabriken intelligent. Wir stehen am Beginn einer neuen industriellen Revolution, der vierten, weshalb Deutschland den Prozess der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft «Industrie 4.0» getauft hat.

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Industrie 4.0 bezeichnet die Informatisierung der Fertigungstechnik und der Logistik. Wesentliche Bestandteile sind eingebettete Systeme sowie (teil-)autonome Maschinen, die sich ohne menschliche Steuerung bewegen und selbstständig Entscheidungen treffen, und Entwicklungen wie 3D-Drucker. Die Vernetzung der Technologien und mit Chips versehenen Gegenstände resultiert in hochkomplexen Strukturen und cyber-physischen Systemen (CPS) beziehungsweise im Internet der Dinge.

Von Petra Wilken

 
Der Wandel, den die Industrieländer in den kommenden Jahren erleben werden, erscheint uns im Moment vielleicht noch wie Science Fiction, doch wir stecken bereits mitten drin. In den Fertigungshallen der deutschen Automobilhersteller arbeiten schon länger tausende Roboter. Die neueste Generation steht nun direkt neben dem menschlichen Kollegen und löst mit ihm gemeinsam Aufgaben. «Mensch-Roboter-Kollaboration», so der Name für die neue Art der Teamarbeit.
In der intelligenten Fabrik (Smart Factory) sollen sich teilautonome Maschinen auch ohne menschliche Steuerung bewegen und selbstständig Entscheidungen treffen. Doch nicht nur in der Fertigung und Logistik soll es zur Maschine-zu-Maschine-Kommunikation kommen. Die vierte Revolution wird auch unsere Mobilität, das Gesundheitswesen und die Energieversorgung verändern. Auch die militärische Nutzung von cyber-physischen Systemen im sogenannten Internet der Dinge wird bereits erprobt.
Die Entwicklung von Fahrassistenzsystemen und selbstständig fahrenden Autos, die Daten sammeln und an Werkstätten und Hersteller schicken, befindet sich in vollem Gange. Die japanische Regierung testet derzeit eine Flotte von «Robotaxis», die auf einer Strecke von drei Kilometern in der Stadt Fujisawa bei Tokio Supermarkt-Kunden transportieren. Wenn alles gut geht, sollen Robotaxis als offizielle Fahrzeuge bei den Olympischen Spielen 2020 in Japan eingesetzt werden.
In der Medizin und der Altenpflege werden Operations-, Therapie- und andere Serviceroboter menschliche Fachkräfte ersetzen. Sie können rund um die Uhr Informationen liefern, und die elektronische Patientenakte kann automatisiert ausgewertet werden. Intelligente Pillen und individualisierte Medikamente eröffnen neue Möglichkeiten der Behandlung. Wer sich vorgenommen hat, nach der Genesung ein wenig Sport zu treiben, kann dies auch mithilfe eines Roboters tun. In Singapur wird derzeit ein vollautomatisierter Fitnesstrainer getestet. Wenn wir anschließend nach Hause kommen, hat der Kühlschrank sich mit dem Supermarkt in Verbindung gesetzt und für Nachschub an Lebensmitteln gesorgt.
Wer sich privat schon mal einstimmen möchte, kann sich ab kommenden Herbst ein RoBoHon zulegen. Bei der letzten Funkausstellung IFA in Berlin war dieses neue Telefon von Sharp der Publikumsrenner. Das Roboter-Smartphone ist etwa 20 Zentimeter groß, hat ein niedliches Gesicht mit runden Kulleraugen und kann nicht nur mit seinem Besitzer sprechen, sondern auch Fotos und Videos auf eine Fläche projizieren und laufen, sitzen, aufstehen und sogar tanzen.
Das kleine Roboter-Telefon mag anekdotischen Wert haben, doch es macht klar, dass die neue Technologie schon bald in unseren Alltag Einzug halten wird. So spricht das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in ihrem im April 2015 herausgegebenen Positionspapier «Industrie 4.0 und Digitale Wirtschaft» gar von einem «Systembruch mit heftigen und weitreichenden Implikationen». Die Digitalisierung stelle für die Industrie durch die Verbindung von physischer und virtueller Welt eine historische Zäsur dar, da sich Prozesse, Produktion und Dienstleistungen radikal verändern würden.
Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wirbt in dem Paper für einen fairen Interessenausgleich der Beteiligten in der globalen Datenökonomie: «Wir brauchen eine Digitalisierung der Wirtschafts- und Arbeitswelt mit Augenmaß». Das klingt ganz so, als ob wir uns sorgen müssten. Sollte es doch so sein, dass im Zuge von Industrie 4.0 Arbeitsplätze verlorengehen und immer mehr Menschen von Robotern und Computern ersetzt werden?
Weit gefehlt, zumindest grundsätzlich, sagte jetzt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Der Mensch bleibe auch in Zeiten der Digitalisierung «ein wichtiger und unersetzlicher Erfolgsfaktor», fasste das Wirtschaftsforschungsinstitut die Ergebnisse einer Umfrage unter mehr als tausend Unternehmen zusammen, die es Ende 2014 durchgeführt hatte. Stark digitalisierte Firmen glauben, zukünftig mehr Mitarbeiter mit Berufsausbildung, Fortbildung und Fachhochschul- oder Universitätsabschluss zu benötigen. Für ungelernte Arbeitskräfte sieht es jedoch düsterer aus.

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Die Bezeichnung „Industrie 4.0“ soll die vierte industrielle Revolution zum Ausdruck bringen. Die erste industrielle Revolution (ab 1800) bestand in der Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft, die zweite (ab 1910) in der Massenfertigung mit Hilfe von Fließbändern und elektrischer Energie, die dritte (ab 1970) in der Automatisierung der Produktion durch den Einsatz von Elektronik und IT.

Dass nicht nur die Fabriken, sondern auch die Mitarbeiter smarter werden müssen, meint auch der Arbeitskreis Industrie 4.0 der Unternehmerverbände der Informationswirtschaft, des Maschinen- und Anlagenbaus und der Elektroindustrie in seinem Abschlussbericht: «Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Arbeit in Industrie 4.0 an alle Beschäftigten deutlich erhöhte Komplexitäts-, Abstraktions- und Problemlösungsanforderungen stellen. Darüber hinaus wird den Arbeitnehmern ein sehr hohes Maß an selbstgesteuertem Handeln, kommunikativen Kompetenzen und Fähigkeiten zur Selbstorganisation abverlangt». Der Arbeitskreis vermutet auch, dass sich der Abbau einfacher, manueller Tätigkeiten fortsetzen wird.

 

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