Algenpest vernichtet chilenischen Lachs

Fischkadaver aus einer chilenischen Zuchtfarm: Derzeit werden die Aquakulturen von einer Algenblüte befallen.
Fischkadaver aus einer chilenischen Zuchtfarm: Derzeit werden die Aquakulturen von einer Algenblüte befallen.

Die chilenische Lachsindustrie steht vor einer erneuten schweren Krise: Eine giftige Alge führt zum massenhaften Fischsterben.

Von Arne Dettmann

Es begann am 25. Februar, als Camanchaca als erstes Unternehmen den Verlust von 1,5 Millionen Atlantischen Lachsen aufgrund einer Algenpest im Zuchtgebiet am Golf von Reloncaví (X. Región de los Lagos) meldete. Und es sollte leider nicht bei einem isolierten Einzelfall bleiben: Nur wenige Tage später verzeichneten auch die börsennotierten Unternehmen Blumar, AquaChile, Australis Seafood sowie Marine Harvest den Befall ihrer Fischgehege mit Raphidophyceae Chattonella, einer Mikroalge, die sich explosionsartig vermehrt hat und den Sauerstoffgehalt im Wasser reduziert – mit dramatischen Folgen.
Mittlerweile sind aufgrund der Algenblüte 13 Millionen Fische verendet, was einer Lachsproduktion von 26.000 Tonnen entspricht. Die Hersteller gehen davon aus, dass der Verlust gar auf 90.000 Tonnen ansteigen könnte. Der finanzielle Schaden wird derzeit auf 50 Millionen US-Dollar beziffert.
Bisher sind in der Zuchtzone «barrio 2» fast zwei Dutzend Lachsfarmen von der Algenpest betroffen, die sich nun aber auch auf das Zuchtgebiet «barrio 3» bei Calbuco und «barrio 7» südlich der Insel Chiloé ausgedehnt hat.
Sollte sich die Algenblüte weiter verbreiten, könnte die chilenische Lachsindustrie vor der größten Krise seit dem verheerenden Massensterben im Jahr 2007 stehen. Damals vernichtete der Fischvirus ISA indirekt 16.000 Arbeitsplätze mit einem Verlust von 600 Millionen US-Dollar. Chile ist nach Norwegen der zweitgrößte Lachsproduzent weltweit mit einem globalen Marktanteil von 35 Prozent. Insbesondere in Südchile bilden die Aquakulturen eine bedeutende Einnahme- und Beschäftigungsquelle.
Warum sich die Algen so rasant vermehrt haben, darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander. Industrie und Behörden verweisen auf das Klimaphänomen El Niño, das zu einer erhöhten Wassertemperatur geführt habe. Geringe Niederschläge, ein heißer Sommer, extreme Sonneneinstrahlung und geringe Wasserströmung hätten zusätzlich die Algenblüte angefacht.
Héctor Kol, Biologe bei der Stiftung Pumalín, macht dagegen die Lachsproduzenten selbst für das Desaster verantwortlich. Übermäßiger Einsatz von Antibiotika, Desinfektionsmittel und Farbstoffen sowie Insektiziden habe das natürliche biologische Gleichgewicht der Gewässer rund um die Zuchtfarmen zerstört und das Algenwachstum beschleunigt. In Chile würde zwischen 450- bis 600-mal mehr Antibiotika bei der Fischzucht verwendet als in Norwegen, «weil das chilenische Gesetz dies erlaubt», so Héctor Kol in der Tageszeitung «La Tercera». Laut der Nichtregierungsorganisation Oceana wurden 2014 in Chile rund 450.000 Kilogramm Antibiotika in Aquakulturen eingesetzt.
Sandra Ríos vom Zentrum für regionale Entwicklungsstudien der Universidad de Los Lagos führt zudem die zu starke Futtermitteldosierung bei der Nutztierhaltung an, die ein Überangebot an Nährstoffen nach sich ziehe. In der Folge verbreite sich die Alge und verringere wiederum den Sauerstoffgehalt im Wasser. Die Tiere ersticken schließlich in ihren Käfigen.
Zur schnellen Entsorgung der Fischkadaver gibt es laut Zeitungsberichten derzeit zwei Alternativen: die Weiterverarbeitung zu Fischmehl und das Verklappen auf hoher See außerhalb einer 60-Meilenzone. Letztere Variante wird zwar von den chilenischen Behörden noch nicht favorisiert, könnte aber dennoch greifen, um weitere schwerwiegende Folgen für Umwelt und Mensch in den betroffenen Gewässern zu verhindern.
Zur Algengruppe Raphidophyceae, die sowohl im Süßwasser als auch im Salzwasser an Meeresküsten vorkommt, zählt auch die Gattung Fibrocapsa japonica, die 1973 vor Japan entdeckt wurde und die ein Nervengift bilden kann. Beim Aufkommen einer Algenblüte verursacht sie wirtschaftliche Schäden in der japanischen Küstenfischerei. Die marine Gattung Chattonella produziert ebenfalls für Fische giftige Toxine.

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