«Der chilenische Staat sollte mehr Anreize schaffen»

29. Dezember 2011 von

Vergangene Woche fand in Santiago die zweite Energieeffizienz-Messe in Chile statt. Ein Referent war Roger Walther vom Schweizer Ingenieur-, Planungs- und Beratungsunternehmen Ernst Basler + Partner, das in der Schweiz und Deutschland rund 320 Mitarbeiter beschäftigt. Die Firma sucht in Brasilien und Chile lokale Partner für eine Zusammenarbeit in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Abfallwirtschaft und nachhaltige Mobilität. Der Cóndor sprach mit dem 37-Jährigen über nachhaltige Entwicklung, Smogbelastung und staatliche Förderung.

Cóndor: Herr Walther, Ihr Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, ob Regionen in der Schweiz, die sich energetisch selbst versorgen, auch ein Modell für Chile sein könnten. Wie müssen wir uns das vorstellen?
Roger Walther: Es geht darum, fossile Energieträger durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Das Ziel besteht darin, die lokalen Ressourcen in nachhaltige Energie umzuwandeln, um somit auchArbeitsplätze und Einkommen in der Region zu schaffen. Unser Unternehmen hat vor sechs Jahren mit einem solchen Modellprojekt im Goms, eine Hochtalebene in den Alpen, begonnen, den Energiebedarf der lokalen Bevölkerung aus Sonne, Biomasse, Wasser, Bodenwärme und Wind selbst abzudecken. Auch in Deutschland bestehen mehrere solche Initiativen Das beweist: Eine solche Idee ist realisierbar, auch in Chile. Die energetische Unabhängigkeit der betreffenden Region wird gefördert und umweltschonende Techniken eingesetzt. Zugleich entstehen neue Arbeitsplätze für die lokale Industrie.

Klingt schön. Doch ohne staatliche Förderung war das sicherlich nicht möglich.
In der Schweiz konnten wir zu Beginn des Projektes nicht mit Fördergeldern für die Energieanlagen rechnen, in Deutschland dagegen schon. Erst in den vergangenen drei Jahren gibt es auch in der Schweiz staatliche Unterstützung,. beispielsweise für die Windanlagen und Kleinwasserkraftwerke. Generell muss man heutzutage bei solchen Initiativen eine gemischte Finanzierung suchen, also private und staatliche Geldgeber finden. Ebenfalls sollten Nichtregierungsorganisationen bereits früh in die Planungsphase integriert werden. Unsere Pilotprojekte zeigen, dass so etwas möglich ist und dass dabei Geld verdient werden kann, denn schließlich geht es um ein Geschäftsmodell, das funktionieren soll.

Chile ist reif für solche Projekte?
Es gibt viel – sagen wir: ungenutztes – Potenzial in Chile, sonst wären wir nicht hier, um Allianzen zu suchen. Markt und Politik sind stabil, es gibt Wirtschaftswachstum und Sicherheit. Doch ob solche Projekte erfolgreich umgesetzt werden können, hängt vor allem von den Chilenen selbst ab. Denn die Hauptherausforderung – so zeigen unsere Erfahrungen – ist ein Gesinnungswandel vom Energieproduzenten bis hin zum Konsumenten. Wo die Energieerzeugung zentral funktioniert, braucht es eine Verhaltensänderung hin zu einer dezentralen Versorgung. Ein Beispiel: Wollen wir in einer 30.000-Einwohnerstadt in Chile ein solches Projekt umsetzen, dann hängt dies vom Bürgermeister und den privaten lokalen Unternehmen ab, ob sie auf kurze und langfristige Sicht neue Wege beschreiten wollen. Die Technologien sind vorhanden.

Sie sind erst kürzlich in Chile angekommen, um sich hier niederzulassen. Haben Sie schon konkrete Vorstellungen von Projekten?
Wir glauben, dass im Bereich erneuerbare Energien, nachhaltiger Transport, Abfall und Recycling und Energieeffizienz am ehesten Projekte machbar sind. Klimaneutraler Tourismus, beispielsweise mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen als integraler Bestandteil des Tourismusproduktes wäre ebenfalls möglich. Das Thema energetische Nutzung von Biomasse ist zudem in Chile höchst interessant. Mit der Verwendung von Holzchips und neuen Filtern würde die Luftverschmutzung zurückgehen und der Forstsektor neue Beschäftigungsmöglichkeiten erhalten. In der Schweiz hat das über die Integration vom Forstsektor hervorragend funktioniert. Auch die Gebäude in Chile fressen viel Energie – das nachhaltige Bauen ist ein weiterer Ansatzpunkt, ohne staatliche Unterstützung jedoch schwierig realisierbar.
Letztendlich bietet sich uns ein interessanter Markt. Es könnten neue Kooperationsmodelle entstehen, neue Akteure auftauchen, die viel stärker miteinander vernetzt agieren. Doch ich wiederhole: Wenn Chile seine Energieabhängigkeit von außen reduzieren und zu einem Industriestaat aufsteigen will, dann sollte es seinen Energiesektor dezentralisieren, mehr investieren, Anreize schaffen und für mehr Wettbewerb sorgen.

Herr Walther, wir bedanken uns für das Gespräch.

Die Fragen stellte Arne Dettmann.

Info: Die E-Mail-Adresse von Roger Walther lautet roger.walther@ebp.ch

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