Streit in und um Kärnten

25. November 2011 von

Kärnten hat seinen Namen vom keltischen carant erhalten, was so viel wie Freund oder Familienmitglied bedeutet. Das südlichste aller neun Bundesländer Österreichs charakterisierte sich schon früh als sehr eigenständig und demonstrierte in seiner historischen Entwicklung vielmals sein Selbstbewusstsein. So auch der bis 2008 regierende Landeshauptmann und Wahlkärntner Jörg Haider, Gründer des Bündnisses Zukunft Österreich (BZÖ), der bis zu seinem tragischen Unfalltod dem Land eine starke Stimme gab und die Österreicher nicht selten polarisierte.

Zweisprachiges Ortsschild in Kärnten: Die slowenische Minderheit ist ein lebendiger Teil der Geschichte dieses Bundeslandes.

 

Wie das Nachbarbundesland Steiermark hat auch Kärnten sowohl in der Vergangenheit und als auch in der Gegenwart mit Forderungen nach Privilegien und Gleichberechtigung einer zweiten Bevölkerungsgruppe zu kämpfen: die Slowenen. In Kärnten führte diese Kontroverse zu einer teilweise belächelten Problematik, die seit jeher als «Ortstafelstreit» betitelt wird und erst kürzlich wieder Thema der Tagespolitik war.

Hintergrund ist die seit Jahrzehnten andauernde Forderung der slowenischen Minderheit nach Ortstafeln in deutscher und slowenischer Sprache. Aus einem Jahrhunderte andauerndem Konflikt hat sich dieser Kampf ums Prinzip entwickelt, von dessen Ausgang man sich Gleichberechtigung in der Bevölkerung erhofft. Wie sich aus einem keltoromanischen Volk ein handfester Ethnienkonflikt entflammen konnte, zeigt die bewegte Landesgeschichte Kärntens.

 

Die Keltoromanen

In der Griffener Tropfsteinhöhle konnte mit dem Fund von altsteinzeitlichen Geräten menschliche Existenz auf kärntner Territorium von mehr als 30.000 Jahren nachgewiesen werden. Auch zu Zeiten der Urnenfelder- und der Hallstattkultur wurde das Gebiet von Menschen bewohnt und bewirtschaftet, wobei die Schätze der Alpen als Handelsgut dienten. Besonders in der Zeit des Noricums konnte so reger Handel mit den im heutigen Italien lebenden Etruskern betrieben und die Basis für die anschließende friedliche Eingliederung der Region in das römische Provinzgeflecht gelegt werden.

Die beginnende Vermischung von römischen und keltischen Traditionen und die daraus stammenden Keltoromanen konnten sich allerdings nicht, wie in anderen österreichischen Ländern, halten. Aus Osten fliehende Slawen ließen sich im heutigen Kärnten nieder und bildeten zusammen mit der einheimischen Bevölkerung und den bereits anwesenden Baiern eine neue Bevölkerungsgruppe: die Karantanen.

 

Fürstentum, Herzogtum und Habsburger

Die Ebene des Zollfeldes bildete das kulturelle und politische Zentrum des Fürstentums Karantanien. Diese liegt etwas nördlich der heutigen Landeshauptstadt Klagenfurt im gleichnamigen Becken. Im 8. Jahrhundert wurde das slawisch-keltoromanische Fürstentum von den aus Osten kommenden Awaren bedroht, die schon zuvor Grund für die Flucht der Slawen nach Karantanien gewesen waren, so dass das bis dahin eigenständige Volk bei den bayerischen Nachbarn um Hilfe bitten musste.

Als Folge dieser Rettung büßten sie allerdings ihre Unabhängigkeit ein und wurden in das Herzogtum Bayern eingegliedert. Damit wurde gleichzeitig die Christianisierung in Gang gesetzt, die auch unter Karl dem Großen weiter intensiviert wurde.

Kärnten erlebte in den letzten beiden Jahrhunderten des 1. Jahrtausends neben den Karolingerkönigen auch das Geschlecht der Luitpoldinger und die Herrschaften der bayerischen Herzöge. Aufgrund einer missglückten Verschwörung Heinrichs II. gegen seinen Cousin Kaiser Otto II. wurde Kärnten kurz vor der Jahrtausendwende wieder eigenständig. In diese Jahrhunderte der Unabhängigkeit fällt auch die Gründung der Stadt Klagenfurt Ende des 12. Jahrhunderts, die damals allerdings noch von geringerer politisch-kultureller Bedeutung war als heute.

Als die Linie der im 13. Jahrhundert herrschenden Meinhardinger zu Ende ging, wurde Kärnten den Habsburgern übertragen und mit den angrenzenden Ländern vereint. Das Land büßte jedoch nicht all seine Freiheiten ein; so konnten die Stadtrechte St. Veits und Klagenfurts beispielweise bewahrt werden.

In diese Zeit fielen neben den herrschaftlichen Neuordnungen allerdings auch schwere Naturkatastrophen: Wie zuvor schon 1201 ereignete sich in Kärnten auch 1348 ein starkes Erdbeben. Außerdem blieb die Region von der Pestepidemie ebenso wenig verschont wie von kältebedingten Ernteausfällen.

 

Eine unruhige Epoche

Unmut und Not der Bevölkerung wurden im 15. Jahrhundert noch um die türkische Bedrohung ergänzt und markierten den Beginn der Neuzeit in Kärnten als Epoche der Aufstände und Unruhen. Die den Angriffen der Osmanen schutzlos ausgesetzten Bauern vereinten sich in ihrer Not zum Selbstschutz, konnten diesen allerdings wenig entgegensetzen. Die Bauernaufstände wurden im 16. Jahrhundert niedergeschlagen.

Als daraufhin der Protestantismus aufkam und die Unzufriedenheit über die katholische Kirche ihren Höhepunkt erreicht hatte, konvertierte fast ganz Kärnten. Dieser Zustand hat sich bis in die Gegenwart gehalten; Kärnten und das Burgenland sind heutzutage die Länder mit dem höchsten Anteil evangelischer Gläubiger.

Der Protestantismus verhalf Kärnten zu wirtschaftlichem Wachstum und wurde durch die von Kaiser Ferdinand II. initiierte Gegenreformation jäh in seiner Blüte unterbrochen. Anhänger des Glaubens wurden umgesiedelt, ausgewiesen und verfolgt. Unter Kaiser Joseph II. und seinem ausgestellten Toleranzpatent fand die Verfolgung der Protestanten ein Ende.

Hatte Kärnten die Gegenreformation und dessen Konsequenzen überwunden, so sah sich die Region Ende des 18. Jahrhunderts in französischer Bedrängnis. Mehrmals wurde Klagenfurt von napoleonischen Truppen besetzt. Der darauffolgende Frieden von Pressburg sollte Kärntens zukünftiges Schicksal als Grenzland besiegeln: Die Provinzen Venedig und Dalmatien wurden an Italien abgegeben, Kärnten blieb bei Österreich.

Die Revolutionsjahre 1848/1849 hinterließen lediglich in der Neuorganisation der Gemeinden und deren Verwaltungen Spuren. Klagenfurt wurde als Landeshauptstadt festgelegt und das Land erhielt seinen ersten Landeshauptmann. Daneben profitierte die Region außerdem von den technischen Neuerungen der Industrialisierung und konnte durch den Anschluss an das Eisenbahnnetz nicht nur die eigene Bergbauindustrie fördern, sondern auch den Tourismus, der bis heute noch einen wichtigen Wirtschaftszweig für Kärnten darstellt.

 

Slowenische Emanzipierung

Im Zuge der Gründung des SHS-Königreichs, dem Kroatien, Serbien und Slowenien angehörten, wurde Südkärnten zur neuen Hauptproblematik: Der Friedensvertrag von St. Germain führte zur Abtrennung knapp eines Zehntels der Landesfläche. Der restliche Teil des Südens durfte in einer Volksabstimmung darüber bestimmen, zu welchem Königreich er gehören wollte. Die Mehrzahl stimmte für Österreich und so haben sich die Grenzen Kärntens bis zum heutigen Tag nicht mehr verändert.

 

Der Nationalsozialismus und die Widerstandsbewegungen

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1938 wurde Kärnten schnell zu einer weiteren Hochburg der NS-Ideologie. In diese Zeit fällt auch der Beginn des ethnischen Konflikts mit der slowenischen Minderheit. Wurde zuvor an vielen Schulen zweisprachig unterrichtet und war Slowenisch Teil des kärntner Bewusstseins, sorgte die NS-Führung für eine «Arisierung» der Region und damit für die Verfolgung slowenischer Bürger. Die fliehende Minderheit suchte im benachbarten Jugoslawien Zuflucht, wo sich schnell Partisanengruppen bildeten, die es in den Jahren des Zweiten Weltkriegs immerhin schafften, einen Störfaktor für die Nationalsozialisten darzustellen.

Das Kriegsende verlief für Kärnten weitgehend glimpfig ab; zwar wurde Villach stark zerbombt, dennoch blieb das Land weitestgehend von alliierten Angriffen verschont. Im Mai 1945 wurde es durch die Briten befreit und konnte innerhalb kürzester Zeit eine eigenständige demokratische Regierung bilden. 1955 zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrags existierte in Kärnten ein funktionierendes Landesparlament.

Eine neue und alte Herausforderung bestand für das Land im leidenschaftlichen Kampf um die Anerkennung der Slowenen. Nach Jahrzehnten der Uneinigkeit über die Lösung der Slowenenfrage und insbesondere die zweisprachigen Ortsschilder verständigten sich Regierung und Vertreter der slowenischen Minderheit erst in diesem Jahr auf eine Lösung: Ende April 2011 wurde beschlossen, 164 zweisprachige Ortstafeln aufzustellen.

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