Otto Hahn: Im Bann der Kernspaltung

20. Dezember 2013 von

Vor 75 Jah­ren am 17. Dezem­ber 1938 ent­deckte Otto Hahn (1879–1968) die Kern­spal­tung. Der «Vater der Kern­che­mie» gehört nicht nur zu den bedeu­tends­ten Wis­sen­schaft­lern des 20. Jahr­hun­derts, son­dern er ist auch einer der belieb­tes­ten.

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Das mag zunächst über­ra­schen, denn schließ­lich führte seine Ent­de­ckung der Kern­spal­tung die Mensch­heit in ein gro­ßes Dilemma. Zur Beliebt­heit Hahns tru­gen seine Zivil­cou­rage und sein Pazi­fis­mus bei. In sei­nen letz­ten Lebens­jahr­zehn­ten wid­mete sich der Nobel­preis­trä­ger dem Kampf gegen das ato­mare Wett­rüs­ten und wurde nicht müde, vor dem Ein­satz von Kern­waf­fen zu war­nen.

«Ich muss ein­fach sagen, dass er der bewun­derns­wer­teste Mensch ist, der mir unter den Wis­sen­schaft­lern bekannt ist. Seine cha­rak­ter­li­che Größe, seine Schärfe des Ver­stan­des und diese abso­lute Red­lich­keit und Zurück­set­zung sei­ner Per­son fin­det man so rasch nicht wie­der», sagte der deut­sche Kern­phy­si­ker Otto Haxel 1987 über Hahn. Carl Fried­rich von Weiz­sä­cker kannte Otto Hahns Sor­gen über die Nut­zung sei­ner Ent­de­ckung: «Die Mensch­heit kann nicht auf die Dauer zugleich mit der Kennt­nis der Kern­spal­tung und der Insti­tu­tion des Krie­ges leben. Die­ses Wis­sen beschat­tete die letz­ten Lebens­jahr­zehnte Otto Hahns. Es bewusst getra­gen zu haben, war sein Bei­trag zum uner­läss­li­chen Bewusst­seins­wan­del unse­rer Zeit. Es war sein Geschenk an die Mensch­heit.»

 

Ent­de­ckung radio­ak­ti­ver Ele­mente

Otto Hahn wurde 1879 in Frank­furt am Main als jüngs­ter von vier Brü­dern gebo­ren. Sein Vater Hein­rich Hahn war Gla­ser­meis­ter und Unter­neh­mer. Otto Hahn stellte sich vor, in der Che­mie­in­dus­trie tätig zu wer­den, und so begann er 1897 an der Uni­ver­si­tät Mar­burg Che­mie und Mine­ra­lo­gie zu stu­die­ren. Als Neben­fä­cher belegte er Phy­sik und Phi­lo­so­phie. Zwei Semes­ter stu­dierte er bei Adolf von Baeyer an der Uni­ver­si­tät Mün­chen und pro­mo­vierte 1901 in Mar­burg mit einer Dis­ser­ta­tion über Brom­de­ri­vate des Iso­eu­ge­nols.

1904 ging Hahn an das Uni­ver­sity Col­lege in Lon­don und arbei­tete dort mit dem Ent­de­cker der Edel­gase, Wil­liam Ram­say. Hahn beginnt hier, sich mit dem neuen Gebiet der Radio­che­mie zu beschäf­ti­gen. 1905 wech­selte er nach Mon­treal, Kanada, wo er bei Ernest Rut­her­ford tätig wurde und die radio­ak­ti­ven che­mi­schen Ele­mente Tho­rium C, Radium D und Radioac­tinium ent­deckte, die nach heu­ti­gen Kennt­nis­sen als Iso­tope ein­ge­stuft wer­den.

Im Jahr 1906 kehrte Hahn nach Deutsch­land zurück und wurde Mit­ar­bei­ter des Che­mi­schen Insti­tuts der Friedrich-Wilhelm-Universität Ber­lin, wo er das Meso­t­ho­rium I, das Meso­t­ho­rium II und die Mut­ter­sub­stanz des Radi­ums, das Ionium ent­deckte. Ähn­lich wie das Radi­um­iso­top von Marie Curie (226Ra) eig­nete sich das Meso­t­ho­rium I für die medi­zi­ni­sche Strah­len­the­ra­pie, hatte aber den Vor­teil, dass es bedeu­tend güns­ti­ger her­ge­stellt wer­den konnte.

 

Lebens­lange Freund­schaft mit Lise Meit­ner

Nach­dem Otto Hahn 1907 an der Uni­ver­si­tät Ber­lin habi­li­tierte, lernte er die öster­rei­chi­sche Phy­si­ke­rin Lise Meit­ner ken­nen. Es ent­wi­ckelte sich eine lebens­lange Freund­schaft, und mit ihr zusam­men sollte er bald seine bedeu­tendste Ent­de­ckung machen. Schon 1909, als die Wis­sen­schaft noch nichts vom Atom­kern wusste, inter­pre­tie­ren sie den radio­ak­ti­ven Rück­stoß, was einen wich­ti­gen Schritt auf dem Weg zur Klä­rung der radio­ak­ti­ven Umwand­lung dar­stellte.

Bald dar­auf über­nahm Hahn die radio­che­mi­sche Abtei­lung im neu geschaf­fe­nen Kaiser-Wilhelm-Institut für Che­mie in Berlin-Dahlem. Von 1928 bis 1946 sollte er es als Direk­tor lei­ten. Vor­her wird er jedoch im Ers­ten Welt­krieg zum Mili­tär ein­ge­zo­gen. Als Offi­zier wurde er für die Spe­zi­al­ein­heit für che­mi­sche Kriegs­füh­rung ein­ge­setzt, die Gift­gas ent­wi­ckelte und pro­du­zierte. Hahn wurde mit dem Eiser­nen Kreuz 1. und 2. Klasse und dem Rit­ter­kreuz des König­li­chen Haus­or­dens von Hohen­zol­lern aus­ge­zeich­net.

Noch 1916 kann er an das Insti­tut in Ber­lin zurück­keh­ren und iso­liert dort zusam­men mit Lise Meit­ner eine lang­le­bige Akti­vi­tät, die sie Ele­ment Proto-Actinium nann­ten (heute Prot­ac­tinium), ein radio­ak­ti­ves Zer­falls­pro­dukt des Urans.

Am 17. Dezem­ber 1938 gelingt ihm zusam­men mit sei­nem Assis­ten­ten Fritz Strass­mann mit­tels radio­che­mi­scher Metho­den die Spal­tung des Uran­kerns durch Neu­tro­nen. Lise Meit­ner hatte bei der Vor­be­rei­tung die­ser Ent­de­ckung maß­geb­lich mit­ge­wirkt. Auf­grund ihrer jüdi­schen Abstam­mung war sie jedoch kurz vor­her mit Hilfe von Hahn ille­gal über Hol­land nach Schwe­den emi­griert.

So unter­rich­tete Hahn seine Kol­le­gin per Brief und fragte sie: «Wäre es mög­lich, dass das Uran 239 zer­platzt in ein Ba und ein Ma? Es würde mich natür­lich sehr inter­es­sie­ren, dein Urteil zu hören. Even­tu­ell könn­test du etwas aus­rech­nen und publi­zie­ren.» Das konnte sie: Zusam­men mit ihrem Nef­fen Otto Frisch lie­ferte sie im Januar 1939 die erste physikalisch-theoretische Erklä­rung der Kern­spal­tung. Hahns Beschrei­bung vom «Zer­plat­zen» des Uran­kerns ging unter­des­sen als Anek­dote in die Geschichte ein.

Wäh­rend des Krie­ges arbei­tete Otto Hahn wei­ter an den Spalt­re­ak­tio­nen des Urans und stellte bis 1945 eine Liste von 25 Ele­men­ten und 100 Iso­to­pen auf. Schon 1934 war er aus Pro­test gegen die Ent­las­sung jüdi­scher Kol­le­gen aus dem Lehr­kör­per der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät aus­ge­tre­ten. Durch sein ent­schlos­se­nes Auf­tre­ten konnte Hahn, der immer ein Geg­ner der Nazi-Diktatur war, zusam­men mit sei­ner cou­ra­gier­ten Frau Edith zahl­rei­chen gefähr­de­ten oder ver­folg­ten Insti­tutsan­ge­hö­ri­gen bei­ste­hen und sie vor Front­ein­satz oder gar der Depor­ta­tion in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger bewah­ren.

 

Am Rande der Ver­zweif­lung

Bei Kriegs­ende wurde Otto Hahn von den Alli­ier­ten mit neun deut­schen Phy­si­kern in der Nähe von Cam­bridge inter­niert. Dort erfuh­ren sie vom Abwurf der Atom­bom­ben auf Hiro­shima und Naga­saki. Otto Hahn war am Rande der Ver­zweif­lung und soll dem Sui­zid nahe gewe­sen sein, da er sich als Ent­de­cker der Kern­spal­tung mit­ver­ant­wort­lich fühlte für den Tod und das Lei­den hun­dert­tau­sen­der japa­ni­scher Zivi­lis­ten. In die­ser Zeit wuchs sein pazi­fis­ti­sches Enga­ge­ment, das ihn zu einem der bedeu­tends­ten Vor­kämp­fer für den glo­ba­len Frie­den wer­den ließ.

Im Januar 1946 kehrte die Gruppe wie­der nach Deutsch­land zurück. Otto Hahn konnte nun den Nobel­preis für Che­mie ent­ge­gen­neh­men, der ihm bereits 1944 für die Ent­de­ckung der Kern­spal­tung aner­kannt wor­den war. In sei­ner Dan­kes­rede warnte er vor der Ver­brei­tung und Wei­ter­ent­wick­lung von Kern­waf­fen, womit er poli­tisch bri­san­tes Ter­rain betrat.

Von 1948 bis 1960 war Otto Hahn Prä­si­dent der Max-Planck-Gesellschaft zur För­de­rung der Wis­sen­schaf­ten, der Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion des Kaiser-Wilhelm-Institutes. In die­ser Eigen­schaft for­derte er immer wie­der ein Atom­waf­fen­ver­bot. 1957 unter­zeich­nete er gemein­sam mit 16 wei­te­ren inter­na­tio­nal bekann­ten Atom­wis­sen­schaft­lern die soge­nannte Göt­tin­ger Erklä­rung. Zu den Unter­zeich­nern gehör­ten auch Max Born, Wer­ner Hei­sen­berg und Carl-Friedrich von Weiz­sä­cker. Der dama­lige Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Franz Josef Strauß, der die nukleare Auf­rüs­tung vor­an­trieb, äußerte sich dar­auf­hin vor Jour­na­lis­ten belei­di­gend über Hahn: «Ein alter Trot­tel, der die Trä­nen nicht hal­ten und nachts nicht schla­fen kann, wenn er an Hiro­shima denkt.»

Otto Hahn wurde bis zu sei­nem Tod 1968 nicht müde, immer wie­der vor den Gefah­ren des nuklea­ren Wett­rüs­tens der Groß­mächte und einer radio­ak­ti­ven Ver­seu­chung der Erde zu war­nen. So unter­zeich­nete er 1958 zusam­men mit Albert Schwei­zer den «Pauling-Appell an die Ver­ein­ten Natio­nen» in New York zum «sofor­ti­gen Abschluss eines inter­na­tio­na­len Abkom­mens zur welt­wei­ten Ein­stel­lung der Kern­waf­fen­ver­su­che» und im Okto­ber das «Abkom­men, eine Ver­samm­lung zur Aus­ar­bei­tung einer Welt­ver­fas­sung» ein­zu­be­ru­fen.

Aus der Ehe von Otto Hahn mit Edith Jung­hans ging 1922 der Sohn Hanno Hahn her­vor. 1960 ver­un­glückte der Kunst­his­to­ri­ker und Archi­tek­tur­for­scher zusam­men mit sei­ner Frau und Assis­ten­tin Ilse Hahn töd­lich auf einer Stu­di­en­reise in Frank­reich. Sie hin­ter­lie­ßen den damals 14-jährigen Diet­rich Hahn, der sich spä­ter als Jour­na­list und Publi­zist dem Lebens­werk sei­nes berühm­ten Groß­va­ters gewid­met hat.

 

Von Petra Wil­ken

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