Ein Stück Chile in Hamburg

25. November 2011 von

Nicht nur in Chile sind die beeindruckenden Araukariengewächse beheimatet. Cóndor-Leser Rainer Dettmann machte sich in Hamburg auf die Suche – und fand zahlreiche Exemplare der Schmucktanne.

Eine wahrscheinlich neun bis zehn Jahre alte Araukarie (Foto links) im Jenfelder Kleingarten sowie eine vielleicht 30 Jahre alte Araukarie (rechts) in der Schlossstraße in Hamburg.

 

Das war kein leichter Recherche-Auftrag. «Guck doch mal, ob es auch Araukarien in Deutschland gibt. Du weißt schon: Diese tollen riesigen, archaisch anmutenden Tannen, die du auch in Südchile gesehen hast», sagte mein Sohn Arne am Telefon. «Wenn du fündig wirst, machen wir darüber eine Geschichte im Cóndor.»

Klar, ich kannte die Bäume aus Chile, denn meine Frau und ich haben unseren Sohn schon mehrmals besucht und das Land von der Atacama-Wüste bis Punta Arenas bereist. Doch im Freundeskreis in Hamburg wusste niemand, was eine Araukarie ist.

Also zwecks Aufklärung zunächst ein Griff zum Lexikon sowie Stöbern in einem Botanik-Buch und ein Blick ins Internet. Dabei wird man schon schlauer: Die Araukarien gehören zu den Koniferen und stellen eine sehr alte Pflanzenfamilie dar. Im Jura vor 200 bis 150 Millionen Jahren sowie in der Kreidezeit bis vor 65 Millionen Jahren waren die Araukariengewächse weltweit, genauer gesagt auf dem Gondwana-Kontinent verbreitet. Nach dem Auseinanderdriften der Kontinente weisen sie nunmehr ein räumlich getrenntes Areal auf. Auf der Nordhalbkugel sowie in Afrika sind alle Vertreter ausgestorben. Auf der Südhalbkugel haben insgesamt 41 Arten dieser Pflanzenfamilie ihre Verbreitung auf der Inselgruppe Neukaledonien, Neuseeland, Australien, Malaysia sowie in Südamerika in Brasilien, Paraguay, Argentinien und natürlich Chile.

Ausgestorben auf der Nordhalbkugel? Es scheint, dass ich mich erst gar nicht auf die Suche begeben muss. – Doch halt! «Einige Arten wie die Chilenische Araukarie werden als Parkbäume weltweit angepflanzt», heißt es im Internet.

Ich schwinge mich also aufs Fahrrad und radel durch den Stadtteil Wandsbek, immer links und rechts Ausschau haltend nach Araukarien. Und – oh Wunder! – tatsächlich werde ich fündig und entdecke einige wenige dieser Bäume, die in Vorgärten stehen und im Vergleich zu ihren chilenischen Brüdern und Schwestern nicht sehr hoch waren.

Auf den ersten Blick und aus der Ferne betrachtet sehen diese Araukarien aus wie norddeutsche Tannen und Kiefern. Vielleicht wird man deshalb nicht sofort auf sie aufmerksam. Doch im Gegensatz zu Tannen haben Araukarien keine Nadeln, sondern zusammengerollte, harte und spitz zulaufende Blätter.

Alle Besitzer sagen mir, dass ihre Araukarien Züchtungen aus Baumschulen seien, nur sehr langsam wachsen und lange Frostperioden nicht gut aushielten. Daher sei es ratsam, die jungen Bäume mit Tannenzweigen und übergestülpten Jutesäcken gegen Frost zu schützen. Denn braun gefärbte, erfrorene Äste würden nie wieder grün werden. Erstaunt war ich darüber, dass alle Besitzer wussten, wie alte ihre Bäume sind und dass die Andentanne in Chile beheimatet ist. Zur Ermittlung des Alters gilt die Faustregel: Anzahl der «Etagen» = Jahre. Entsprechend dieser «Stockwerke»-Ästeverzweigungen müssen alles Araukarien, die ich in Hamburg gesehen habe, zwischen neun bis 30 Jahre alt gewesen sein. Ganz anders als voll ausgewachsene, 30 bis 40 Meter hohe Araukarien in Chile, von denen einige ein stolzes Alter von 1.300 bis 2.000 Jahre aufweisen sollen.

So lange können meine Frau und ich zwar nicht mehr warten. Trotzdem haben wir uns nun in einer Baumschule in Itzehoe bei Hamburg ebenfalls eine kleine Araukarie zugelegt. Dort wird nicht in Metern gerechnet, sondern in Zentimetern, so dass wir für ein 42 Zentimeter hohes Gewächs entsprechend 42 Euro bezahlten. Und die steht jetzt in unserem Garten. Ein Stück Chile in Hamburg.

 

 

 

 

Chilenische Schmucktanne

Zu den eigentümlichsten Nadelgehölzen im Botanischen Garten in Hamburg zählt die Chilenische Schmucktanne, auch Anden-Tanne oder «monkey puzzling tree» genannt. Ausschlaggebend für den fremdartigen Eindruck der Bäume sind die quirlig stehenden Äste, die mit sehr starren, stachelspitzigen Blättern bedeckt sind. Diese sind ungewöhnlich hart und offenbar auch recht dauerhaft, denn sie sollen etwa 10 bis 15 Jahre an der Pflanze verbleiben.

Während jüngere Pflanzen durch einen regelmäßigen, pyramidalen Wuchs charakterisiert sind, zeichnen sich ältere Exemplare durch einen völlig kahlen Stamm aus, der mit einer breiten schirmförmigen Krone abschließt. Diese adulte Wuchsform wird allerdings nur in den chilenisch-argentinischen Heimatregionen erreicht, in denen die Araukarien in geschlossenen Beständen wachsen und Höhen von 50 Meter erreichen können.

Eine weitere Besonderheit der Araukarien besteht darin, dass sie zweihäusig sind. Dies bedeutet, dass ihre Blütenzapfen steht nur aus männlichen oder weiblichen Blüten bestehen, die auf verschiedenen, also rein männlichen oder rein weiblichen Bäumen vorkommen. Auch die Araukarien im Botanischen Garten blühen und fruchten seit einigen Jahren, und wer genau hinschaut, kann bei einigen Exemplaren die nahezu kopfgroßen, fast kugelrunden weiblichen Zapfen und die deutlich kleineren männlichen Zapfen erkennen.

Die Samen sind übrigens sehr stärkehaltig und waren roh, gekocht oder geröstet ein wichtiges Nahrungsmittel der chilenischen Indianer. Auf Mapudungun heißt der Baum pewen, in hispanisierter Schreibweise Pehuén. Der Mapuchestamm der Pehuenchen, dessen essen Bezeichnung sich vom Namen des Baumes herleitet, haben durch Ernte und Lagerung dieser piñones als ihrem praktisch alleinigen Nahrungsmittel die Winter in den Bergen überlebt. Gekocht kann ihnen die Schale abgezogen werden, ähnlich wie bei einer Mandel; sie schmecken nach einer Mischung aus Mandel, Kartoffel und Erdnuss.

Der «Araukarienwald» im Botanischen Garten setzt sich aus Pflanzen unterschiedlichen Alters zusammen. Die ältesten Exemplare wurden aus Saat herangezogen, die 1972 am Naturstandort in der chilenischen Cordillera de Lonquimay gesammelt wurde. Dies nunmehr 30-jährigen Pflanzen blühen und fruchten seit 1992 regelmäßig, so dass eine eigne Nachzucht aus dem Wäldchen möglich ist.

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