Das Burgenland – Tor zwischen West- und Osteuropa
Gemessen an der Einwohnerzahl ist das Burgenland das kleinste aller österreichischen Bundesländer. Im äußersten Osten des Landes gelegen, ist das Weinbaugebiet die Schnittstelle Österreichs zu seinen osteuropäischen Nachbarstaaten Ungarn, Slowenien und Slowakei. Das jüngste aller Bundesländer galt lange Zeit als wirtschaftlich unterentwickelt. Doch dank europäischer Fördergelder und moderner Windkraftwerke begann der Aufstieg des Burgenlandes zum Vorreitermodel.
Rund 285.000 Menschen leben derzeit im Burgenland. Damit ist das östlichste aller österreichischen Bundesländer auch das – gemessen an der Einwohnerzahl – mit Abstand kleinste unter den neun bundesstaatlichen Verwaltungseinheiten des Landes.
Doch auch in anderer Hinsicht ist das kleine Bundesland so etwas wie der Nachzügler. Erst 1921 wurde das Burgenland gesetzlich als gleichberechtigtes Bundesland in die österreichische Republik aufgenommen, als damals wirtschaftlich schwächste Region des Landes.
Doch aus dem einstigen Nesthäkchen ist auch dank europäischer Investitionen mittlerweile eine aufstrebende, moderne Region mit Vorbildcharakter in Mittel- und Osteuropa geworden. Das neben Niederösterreich bedeutendste Weinbaugebiet des Landes ist heute Vorreiter im Bereich der alternativen Energieerzeugung. Kamen zur Jahrtausendwende noch rund drei Prozent des im Land produzierten und konsumierten Stroms aus Windkraft, so ist es derzeit schon rund die Hälfte der insgesamt erzeugten Energiemenge. Doch die Ambitionen der Burgenländer gehen weit darüber hinaus. Bis 2013 soll der komplette Energiebedarf des Bundeslandes auf diese umweltverträgliche Weise entstehen.
Der technische und damit verbundene wirtschaftliche Aufschwung führt dazu, dass die Burgenländer, ihrerseits der Inbegriff der österreichischen Wirtschaftspendler, immer seltener aus Berufsgründen über die Landesgrenzen bis nach Wien pendeln müssen. Doch die über Jahrzehnte entstandenen ökonomischen Ungleichheiten im Land lassen sich nur langsam überwinden. Noch immer reisen rund acht Prozent der Burgenländer täglich oder im Wochenrhythmus zur Arbeit in die Hauptstadt.
Drei ungarische Grafschaften
Seinen namentlichen Ursprung hat das Burgenland seiner geographischen Lage und seiner historischen Verbindung zum heutigen Nachbarstaat Ungarn zu verdanken. Im Jahr 900 wurde das Gebiet erstmalig von den Magyaren in Besitz genommen. In einer in herrschaftlicher Hinsicht sehr wechselvollen Historie überdauerte die Verbindung mit der ungarischen Monarchie rund ein Jahrtausend. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und der Auflösung Österreich-Ungarns begann die eigenständige Geschichte des nunmehr alleinig zu Österreich zählenden Bundeslandes.
Im seinem Namen wird daran erinnert, dass das Burgenland heute aus drei ehemaligen ungarischen Grafschaften zusammengesetzt ist. Wieselburg (Moson), Ödenburg (Sopron) und Eisenburg (Vas) gehörten einst zum ungarischen Königreich.
Ursprünglich war dem Land sogar ein viertes Gebiet, das ehemalige Pressburg (Bratislava), angeschlossen, weshalb einst auch der Name Vierburgenland im Raum stand. In den bis 1919 andauernden Friedensverhandlungen wurde jedoch beschlossen, dass Pressburg an das Hoheitsgebiet der ehemaligen Tschechoslowakei fallen sollte.
Eisenerz als Zugpferd
Erste Siedlungsspuren im heutigen Burgenland gehen auf Funde aus dem Beginn der Jungsteinzeit vor rund 8.000 Jahren zurück. Seither ist das Gebiet kontinuierlich bewohnt. Bedeutende Siedlungsepochen wurden durch den Zuzug der Kelten während der jüngeren Eisenzeit und der Eingliederung in das Römische Reich als Teil der Provinz Pannonien markiert.
Sowohl Kelten als auch Römer beuteten die großen Eisenerzvorkommen der Region aus, die zum einen dem Handel als auch dem eigenen Rüstungsbau zu Gute kamen. Zahlreiche Rüstungs- und Werkzeugfunde belegen heute die Blütezeiten dieser auf Eisen beruhenden Siedlungskulturen.
Einer der bedeutendsten archäologischen Funde aus der Region stammt jedoch bereits aus der vorangegangenen Kupferzeit. In einer Grube im Zillingtal wurde der Schädel eines Mannes gefunden, dem ein rundliches Knochenstück entnommen wurde. Sogenannte Trepanationen waren bei zahlreichen frühzeitlichen Kulturen in Afrika, Südamerika und Europa verbreitet. Lange wurde angenommen, dass die Schädel erst nach dem Tod geöffnet und manipuliert wurden. Doch an dem im Zillingtal gefundenen Artefakt konnten Heilungsspuren festgestellt werden. Ein Hinweis darauf, dass die Person den massiven Eingriff überlebt haben musste.
Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches zur zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts fiel das heutige Burgenland zunächst unter die Kontrolle der Ostgoten und Awaren. Später wurde es Teil des Frankenreiches unter Karl dem Großen. Bevor das Gebiet im 9. Jahrhundert von den Magyaren beansprucht wurde und die rund tausendjährige ungarische Dominanz über das spätere Burgenland entstand, war die Region bereits unter slawischen Einfluss geraten.
Langwieriger Grenzstreit
In dieser Zeit kamen erstmals deutsche Einwanderer in die Region, um sich hier niederzulassen. Eine zweite Einwanderungswelle bayerischer Bauern datiert aus dem 11. Jahrhundert. Der zunehmende deutsche Einfluss auf das Gebiet schlug sich auch in seiner namentlichen Bezeichnung als Deutsch-Westungarn oder Heinzenland nieder.
Im Mittelalter schwankte der Besitz- und Regierungsanspruch mehrmals zwischen ungarischer Krone und dem Adelsgeschlechte der Habsburger hin und her. Beide Seiten trachteten danach, das Land dauerhaft ihrem jeweiligen Machtbereich zu unterstellen.
Aufgelöst wurde der Grenzkonflikt erst 1526. Die Habsburger erbten die ungarische Krone und durften sich nun die Herren beider Reiche nennen. Doch der Burgfriede währte nicht lange. Während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683, den verhängnisvollen Bauernaufständen zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der Napoleonischen Kriege wurde das heutige Burgenland jedes Mal aufs Neue schwer getroffen und verwüstet.
Auch als auf der Siegerkonferenz nach dem Ersten Weltkrieg der endgültige Anschluss Deutsch-Westungarns an Österreich beschlossen wurde, kehrte längst noch keine friedvolle Kontinuität im Burgenland ein. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 13. März 1938 wurde das Burgenland zunächst wieder aufgelöst. Während des Zweiten Weltkrieges und besonders zum Ende hin war das Gebiet Schauplatz zahlreicher Gräueltaten an jüdischen KZ-Häftlingen. Im Frühjahr 1945 marschierten von hier aus erstmals Soldaten der Roten Armee in Österreich ein.
Nach dem Krieg wieder als eigenständiges Bundesland eingesetzt, blieb die historisch gewachsene, bedeutungsvolle Verbindung zum Nachbarland Ungarn auch weiter bestehen. 1956 flüchteten tausende Ungarn nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes über die Grenze nach Österreich. Auch die aufsehenerregende Flucht hunderte ehemaliger DDR-Bürger über Ungarn und Österreich nach Westdeutschland ist bis heute unvergessen. Ereignisse wie diese festigten den historischen Ruf des Burgenlandes als Tor und Brücke zwischen West- und Osteuropa.








