Zweimal 20 Jahre Wirrwarr

Es war an einem wunderschönen, regenarmen Sommer im Jahre 1959, als Klaus Zimmermann zusammen mit einem Freund eine Fahrradtour von Deutschland nach Tanger unternahm. Die Marschroute war nie vorher abgesteckt – die jungen Abenteurer ließen sich täglich überraschen. Sie lebten äußerst sparsam, die tägliche Kost bestand aus Weißbrot mit Ölsardinen.

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Von Walter Krumbach

Reis, Rotwein und Milch vervollkommneten die Kost. In Gibraltar gaben sie die Fahrräder zur Rücksendung bei der Post ab und setzten nun die Reise per Bus fort. Ernsten Gefahren waren sie während der langen Tour nicht ausgesetzt. In Lissabon waren sie allerdings von aufdringlichen Bettlern derart verstört, dass sie die Flucht ergriffen.
Klaus Zimmermann wertet diese fünfmonatige Reise Hamburg-Tanger-Ceuta-Hamburg als eine Art Therapie, «um sich die 20 Jahre Krieg und Nachkrieg abzustrampeln». Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Klaus sechs Jahre alt. Somit erlebte er ihn als Kind in all seiner Schrecklichkeit. Er wurde in Stettin geboren, sein Vater war Lebensmittelgroßhändler und wurde nicht eingezogen, weil er einen Betrieb leitete, der für das Wohl der Bevölkerung zu sorgen hatte. Allerdings musste er auf dem Dach seinen Flakdienst absolvieren, was bedeutete, meist nachts gegen die angreifenden Bomber zu schießen.
Zimmermann erinnert sich an die furchtbare Zeit «recht gut, vor allem an Stalingrad. Als ich mitbekam, was da passierte, meinte ich: das ist der Anfang vom Ende».
Im relativ außerhalb gelegenen Einfamilienhaus erlebten Zimmermanns die Bombenangriffe auf Stettin. Klaus wagte sich gelegentlich aus dem Luftschutzkeller hinaus, um den Flugzeugen und den Einschlägen zu lauschen, «was ich hochfaszinierend fand». Als 1943 die Luftangriffe zu gefährlich wurden, ließ sich die Familie evakuieren. Glücklicherweise besaßen Zimmermanns ein großes Segelboot, «in dem sechs Kojen waren, sodass meine Mutter, wir drei Kinder und eine Tante in einer abseitigen Bucht auf einer Insel nördlich von Stettin den Sommer verbracht haben».
Im Winter zogen sie auf einen Gutshof der Familie, der 50 Kilometer von Stettin entfernt, im nahen Hinterpommern lag. Dort besuchten sie die Schule. Die Sommerzeit auf dem Segelboot und die Winterzeit auf dem Gutshof waren für die Kinder ein Erlebnis.
Als die Rote Armee näher rückte, wurde die Lage für die Zivilisten jedoch bedenklich. Kurz vor der Kapitulation kam Zimmermanns Vater mit einem Lkw samt Anhänger, der mit Lebensmitteln vollgepackt war vorbei, holte die Familie ab, um zu versuchen nach Westdeutschland «zu den Engländern» durchzudringen. Es glückte nicht: «Die Russen haben uns den Weg abgeschnitten und haben uns unterwegs, auf einem Landgasthof, wo wir Zuflucht gefunden hatten, ausgeplündert. Meine Mutter habe ich vor einer Vergewaltigung retten können.»
Es hieß damals, dass Stettin zur freien Stadt erklärt werden sollte. So beschlossen die Eltern, in die Heimatstadt zurückzukehren. Von der Plünderung hatten sie lediglich ein 200-Liter-Fass Speiseöl behalten können: «Das haben wir nach Stralsund gerollt und von da aus mit Kähnen zurück nach Stettin». Kurz nach der Ankunft «kamen die Polen – und die waren noch schlimmer als die Russen, sodass wir bei den russischen Soldaten in der Kaserne Zuflucht suchten». Klaus musste nachts um drei Uhr nach Brot anstehen. Die politische Lage war damals für die umherirrenden Flüchtlinge unverständlich. Was war passiert? Später klärte sich der Stand der Dinge auf: «Die freie Stadt war abgeblasen, die Russen hatten den Polen fruchtbare Ostgebiete weggenommen und ihnen dafür fruchtbare deutsche Ostgebiete gegeben, darunter ganz Hinterpommern, das ja an Polen angrenzte, wo nur der Korridor dazwischen lag. Sie haben die Grenze nicht an der Oder entlanggezogen, sondern haben Stettin mit eingeschlossen. Damit war unser Familienhaus um einige Kilometer in Polen verblieben und nicht DDR geworden. Dadurch sind wir auch nie wiedervereinigt worden.»
Zimmermanns blieben noch ein Jahr in ihrer Stadt, allerdings «unter schwierigsten Verhältnissen, arm wie die Kirchenmäuse. Wir lebten von Maisbrot und Wassersuppe». Ihre Rettung war das verbliebene Öl aus dem Fass. Der Vater spielte in Bars Klavier für die Besetzer und Klaus sammelte Knochen für einen Onkel, der daraus Seife kochte.
Eines guten Tages kam die Genehmigung auszureisen, die die Zimmermanns sogleich wahrnahmen. Sie dampften im Juni 1946 über die Ostsee bis Travemünde und kamen bei einem reichen Mühlenbesitzer behelfsmäßig unter. Klaus‘ Vater sah sich in Hamburg nach einer Berufsbetätigung um und konnte bald eine neue Existenz als Kaffeeröster aufbauen.
In Hamburg beendete Klaus Zimmermann seine Schulausbildung. Später arbeitete er als Angestellter im vierten Stock, im Bug des Chile-Hauses. Damals konnte er nicht ahnen, dass er vier Jahre später in das ferne Land gleichen Namens auswandern würde.
«Wir waren von dem Krieg und der Nachkriegszeit derartig heimgesucht, in so schlechten, ärmlichen bitteren Verhältnissen, dass wir den großen Wunsch hatten, aus Deutschland wegzukommen». Es kam ein Kontakt mit der Tecna zustande, der Vertretung des Automobilherstellers Borgward in Chile, sodass Klaus und sein Bruder Uwe unter Vertrag genommen wurden, um in Santiago zu arbeiten.
Nach anderthalb Jahren meldete Borgward Konkurs an – und die Tecna mit ihr: «Wir hatten noch nicht unseren Zweijahreskontrakt abgedient und waren bereits auf der Straße», erinnert sich Zimmermann. Er und sein Bruder wurden nun gezwungenermaßen unabhängig. Zusammen mit einem Stettiner Freund gründeten sie eine neue Firma, die Ersatzteile für deutsche Fahrzeuge importierte. Das ging zunächst gut, «aber dann sind wir in die politische Problematik mit Herrn Frei und Herrn Allende hineingerast. Mit Allende hörte alles auf – ich gab der Zukunft keinen Heller mehr».
1972 verkauften Zimmermanns ihren Anteil an den Geschäftspartner, Klaus‘ Bruder «segelte auf seinem 11-Meter-Boot mit ein paar Freunden in Richtung Mittelmeer ab, bis er auf den Kanarischen Inseln sesshaft wurde».
Klaus Zimmermann blieb im Land und gab seinem Beruf eine neue Orientierung. Mittlerweile war sein Sohn ins Geschäft eingestiegen, mit dem er nun die Immobiliensparte wahrnahm.
Nachdem sie wiederholt ihre Ferienzeit in Pucón verbracht hatten, entschlossen sie sich, in dieser schönen Urlaubsstadt am Villarrica-See wohnhaft zu werden. Klaus Zimmermann lebt dort bis heute.
In der Zwischenzeit brachte der nimmermüde Unternehmer noch weitere Projekte ins Rollen, so zum Beispiel ein Gut nahe der Landstraße zwischen Santiago und Valparaíso, «kurz vor dem Zapata-Tunnel, wo wir Tunas (eine Feigenkaktusfrucht, Anm. d. Red.) anbauten». Sie verkauften nicht nur die Früchte, sondern stellten auch Tuna-Saft her, «der bei den Leuten sehr gut ankam».
Rückblickend meint Klaus Zimmermann: «Mein Leben hat mich zweimal 20 Jahre Wirrwarr gekostet. Zunächst von 1939, dem Kriegsbeginn, bis 1959, zu Beginn des Wirtschaftswunders, hatte ich die schwierigsten Jahre meines Lebens, zum Teil unter Todesgefahr. In Chile erlebte ich die ersten Jahre unter Alessandri in Freiheit, um dann wieder 20 Jahre Wirrnis durchzumachen, von 1969 bis 1989. Diese 40 Jahre haben einen doch irgendwie geprägt». Dabei hat sich Zimmermann nach innen gewandt, «habe sehr an mir gearbeitet, um mit dieser Problematik fertigzuwerden».
Heute fühlt er, dass er sich «von diesen alten Dingen befreit» hat «und mich nicht habe davon niedermachen lassen. So kann ich eine positive Bilanz ziehen».

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