«Die Zusammenarbeit hat sich sehr gut angelassen»

Im März 2010, kurz nach dem großen Erdbeben, kam sie nach Chile. Nun nähert sich ihre Dienstzeit in unserem Lande dem Ende zu. Anfang August, unmittelbar nach dem ihrem Nationalfeiertag, wird die Schweizer Botschafterin Chile verlassen.

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Als Yvonne Baumann in Santiago das Amt übernahm, war sie fünf Jahre Leiterin der Abteilung des Außenministeriums gewesen, die für Amerika zuständig ist. Dort betreute sie die bilateralen Beziehungen zu den verschiedenen Ländern des Kontinents. So war es relativ naheliegend, selbst nach Amerika zu gehen: «Ich hatte das Glück, dass zum richtigen Zeitpunkt der Botschafterposten in Chile frei wurde und das Privileg, dass ich ernannt wurde», erzählt sie.

Zuvor war sie auch bereits in den Schweizerischen Botschaften in Venezuela und in Mexiko im Einsatz. Nach den herausragenden Ereignissen während ihrer Amtszeit im Inland befragt, antwortet die Botschafterin, dass «aus bilateraler Sicht dies immer die hochrangigen Besuche sind. Ich hatte das Glück, gleich zwei Bundesrats-Besuche zu haben».

Sie meint zwei Mitglieder der Landesregierung (es sind insgesamt nur sieben), die in einem Abstand von anderthalb Jahren nach Chile kamen. 2011 besuchte der Wirtschaftsminister mit einer großen Unternehmerdelegation das Land, und im vergangenen Jahr kam im April der Außenminister, der damals auch Vizepräsident war, also eine Doppelfunktion innehatte. Dieser Besuch stellte einen Höhepunkt dar, da «wir bei dieser Gelegenheit offiziell die neue Zusammenarbeit zwischen Chile und der Schweiz im Bereich Klimawandel und Wasser lancieren konnten».

Im Rahmen der internationalen Verpflichtungen, die verschiedene Länder, darunter Chile, hinsichtlich der Klimaverhandlungen eingegangen sind, wurde die Schweiz angefragt, ob eine Zusammenarbeit mit Chile möglich wäre. Es ging um die Minderung des Klimawandels. Die Anfrage fiel auf fruchtbaren Boden, Chile wurde in das Regionalprogramm der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit integriert. «Die Zusammenarbeit hat sich sehr gut angelassen», versichert Botschafterin Baumann, «weil Chile in dieser Hinsicht quasi eine Pionierrolle gespielt und uns ein sehr attraktives Projekt im Bereich Forstwirtschaft vorgelegt hat».

 

Von Zürich nach Budapest

Yvonne Baumann ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Sie studierte Geschichte, deutsche Literatur und Philosophie, «was meinen sehr breiten Interessen entgegenkam», erinnert sie sich, «die vorher mich eigentlich daran gehindert haben, mich auf irgendetwas festlegen zu wollen». Als sie ihre Doktorarbeit über amerikanische Außenpolitik während der Kennedy-Verwaltung schrieb, kam ihrem Doktorvater die Idee, sie sollte doch die Diplomatenlaufbahn einschlagen. Das leuchtete der jungen Studentin ein. Sie wagte den Schritt und hat ihn bis heute nicht bereut.

Ihre erste Bestimmung noch während der zweijährigen Ausbildung war Budapest, die einmalig schöne ungarische Hauptstadt. Es war eine ungemein bewegte Zeit. Zu Beginn der 1990er Jahre war bekanntlich der Eiserne Vorhang gefallen, «ganz Mittel- und Osteuropa war im Umbruch und wir hatten in diesem Zusammenhang sehr viele Delegationen aus der Schweiz, haben neue Projekte der Ost-Zusammenarbeit ausgearbeitet und auch politische Besuche betreut. Ich musste bei allem Hand anlegen».

Diese Flexibilität im Denken und Handeln, die zum Beispiel einen breitgefächerten Aufgabenbereich beinhaltet, der bewältigt sein will, ist für die diplomatische Arbeit charakteristisch. So kam etwa im Inland zu den gebräuchlichen Aufgaben der ständige Kontakt mit der Schweizer Gemeinschaft, auf den sie während dieser vier Jahre besonderen Wert gelegt hat.

Die gemeinsamen Projekte mit den chilenischen Partnern entwickeln sich derweil in denkbar positiver Weise: «In der Zwischenzeit haben wir ein neues Abkommen für die Zusammenarbeit im Bereich Luftreinhaltung unterzeichnet», berichtet Botschafterin Baumann. «Gleichzeitig haben wir eine öffentlich-private-Zusammenarbeit mit größeren Unternehmen begonnen, da geht es um das Messen und Reduzieren des Wasserverbrauchs und um die Unterstützung von Projekten der umliegenden Gemeinschaften im Bereich Wasser, mit der Vision, einen nachhaltigen Verbrauch zu erzielen». In diesem Bereich wurden anlässlich des letzten Bundesratsbesuchs ebenfalls die ersten Abkommen unterzeichnet.

Gern erinnert sich Botschafterin Baumann an die Feiern der 200-Jahrfeier der chilenischen Unabhängigkeit: «Wir haben ein Programm mit verschiedenen Veranstaltungen organisiert, darunter eine Präsentation über den längsten Eisenbahntunnel der Welt, der im Moment in der Schweiz im Bau ist, der Gotthard-Basis-Tunnel». Dieses 57 Kilometer lange Bauwerk soll ab 2017 die Fahrt zwischen Zürich und Mailand um eine Stunde verkürzen, womit insbesondere auch starke Anreize geschaffen werden, um den Güterschwerverkehr auf die Eisenbahn zu verlagern.

Eine hochkarätige chilenische Delegation konnte übrigens den Tunnel letztes Jahr besuchen. Sie interessierte sich dabei vor allem für die Frage, wie die betroffene Bevölkerung und all die Interessengruppen bei solchen Infrastruktur-Großprojekten konsultiert und frühzeitig in die Entscheidungsfindung einbezogen werden – eine in Chile sehr aktuelle Frage.

Von den Bicentenario-Feierlichkeiten ist ein Museum auf Feuerland geblieben: «Wir haben mit chilenischen und schweizerischen Mitteln das Hauptgebäude eines Sägewerks restauriert, welches vor über 100 Jahren der Schweizer Alberto Baeriswyl gründete und das am zerfallen war, als der Beschluss gefasst wurde, es zu retten». Ende November dieses Jahres öffnet dieses Museum voraussichtlich seine Pforten.

 

Positive Bilanz

In den nächsten Tagen ist Yvonne Baumanns Mission in Chile beendet. Nach vier Jahren intensiver und erfolgreicher Arbeit ist die Bilanz durchaus positiv. «Grundsätzlich finde ich wichtig, dass sich die Zusammenarbeit mit den chilenischen offiziellen Stellen gut entwickelt hat», hebt sie hervor, «wir haben sowohl einen Mechanismus der regelmäßigen politischen Konsultationen zwischen den Außenministerien eingeführt, als auch einen regelmäßigen Wirtschaftsdialog, unter Einbezug der Vertreter der Schweizer Firmen». Auch zum chilenischen «Jahr der Innovation» konnten wir als innovationsstarkes Land 2013 namhafte Beiträge leisten.

Besonders dienlich – übrigens nicht nur für die beiden involvierten Staaten – schätzt sie ein zwischen Chile und der Schweiz unterzeichnetes Abkommen, «dass man die Erfahrungen, die wir in der bilateralen Zusammenarbeit Schweiz-Chile machen, zum Beispiel im Bereich Klimawandel, in anderen Ländern der Region replizieren und damit von dieser Erfahrung profitieren kann».

 

Die Anden vor der Haustür

Die Schweiz ist bekanntlich ein von Touristen aus aller Welt hochgeschätztes Land. Und wie beurteilt eine Person aus diesem Land die Möglichkeiten Chiles in Bezug auf Freizeitgestaltung? «Chile hat ein sehr großes Potential für Freizeitaktivitäten, von denen ich Gebrauch gemacht habe», antwortet Botschafterin Baumann auf unsere Frage, «man hat hier die Anden vor der Haustür, das Meer ist in der Nähe, und Chile bietet äußerst attraktive Landschaften. Meine Leidenschaft ist Reisen und Lesen, das habe ich hier sehr genossen. Ich habe zehn Länder der Region besucht, einige davon mehrmals. Und bei dem wunderbaren Wetter, das in Chile herrscht, wo es fast immer sonnig ist, gehörte es zu meinen schönsten Freizeitvergnügen, im Garten oder auf der Terrasse zu lesen. Und wenn man Lesen mit Reisen verbinden kann, dann ist es natürlich das perfekte Glück».

In den letzten Jahren «habe ich vor allem lateinamerikanische und chilenische Autoren gelesen, aber auch Sachbücher, was logischerweise zu meinem Beruf gehört», wie zum Beispiel Werke über die chilenischen Staatspräsidenten Bachelet, Piñera und Lagos. Ihre «ganz große Passion», verrät sie, «sind die Zeitungen – alles was mir in die Hand kommt, wird gelesen», lacht sie.

Ihre nächste Bestimmung ist Indonesien. Demnächst bricht sie nach Jakarta auf: «Ich freue mich darauf – es ist ein großer, radikaler Wechsel, es ist eine andere Region, ein anderes kulturelles Umfeld, ein riesiges, sehr vielfältiges Land. Ich war lange Jahre mit großer Leidenschaft und viel Interesse auf dem amerikanischen Kontinent, in Caracas, Mexiko und in Chile. Das macht, mit Unterbrechungen, insgesamt über zehn Jahre aus. Ich habe gewünscht und es wurde mir gewährt, nach Indonesien zu gehen, weil ich gedacht habe, es ist jetzt an der Zeit, einmal einen radikalen Perspektiven- und Horizontwechsel vorzunehmen».

Walter Krumbach

 

 

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Foto: Walter Krumbach

 

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