«Was zählt, sind die Argumente»

Der Schweizer Roger Walther (41) lebt seit rund drei Jahren in Chile, wo er das Büro des Ingenieur-, Planungs- und Beratungsunternehmens Ernst Basler + Partner aufgebaut hat. Die Firma mit Hauptsitz in Zürich betreibt Büros in Potsdam, Sao Paulo, Santiago und seit Kurzem in Hong Kong. In Chile ist die Consulting-Firma hauptsächlich in den Themen erneuerbare Energien und Energieeffizienz, Umwelt- und Klimaschutz sowie Wasser tätig.

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Als er zum ersten Mal nach Coyhaique kam, fühlte sich Roger Walther gleich wie zuhause. Er ist in dem 50-Seelen-Dorf Grafschaft in der Region Goms in den Schweizer Alpen aufgewachsen. Eine Gegend, die heute vom Tourismus lebt, wo es verborgene Täler, lichtdurchflutete Lärchenwälder, kristallklare Bergseen und eine betörende Farbenpracht gibt. Als kleiner Junge hatte er einen Schulweg von zehn Kilometern; mit 15 kam er dann in ein Internat in die Stadt Brig im Oberwallis, wo er die Matura machte.
An der ETH Zürich studierte er Forstingenieurswesen, ging für ein Jahr in die USA und für ein weiteres nach Spanien und Bolivien. «Ich wollte immer in Südamerika leben», erzählt er. Ein Professor lud ihn ein, ein Forstpraktikum in Sucre, Bolivien zu machen. 25 Jahre alt war er, als er dort die Bolivianerin María kennenlernte und heiratete.
Bei EBP fand er eine Unternehmenskultur, die auf sein Wesen zugeschnitten zu sein scheint. «Wir sind ein typisches schweizerisches Familienunternehmen, gegründet von Ernst Basler im Jahr 1962. In der Unternehmung gilt die Hierarchie der Argumente. Wichtig ist nicht die Stellung der Person in der Unternehmung, sondern die Argumente der Sache. Das kann sehr anspruchsvoll sein. Jeder ist sein eigener Unternehmer im Unternehmen», beschreibt er den Arbeitsstil in einer dezentralen Organisationsstruktur, der ihn seit 2005 geprägt hat und ihm die Gelegenheit gab, an einem wegweisenden Projekt mitzuarbeiten: der Implementierung der ersten Energieregion Goms der Schweizer Alpen.

Cóndor: Was ist die Energieregion Goms?
Roger Walther: Eigenversorgung aus erneuerbaren Energien. Die Region Goms erzeugt ihren eigenen Strom und ihre eigene Wärme – aus den lokalen Ressourcen Biomasse, Sonne, Wasser, Wind und Geothermie. Mehr als 50 Prozent der Windenergieanlagen gehört den Einwohnern, ebenso mehr als 50 Prozent der Kleinwasserkraftanlagen. Die Autonomie der Gemeinden ist eine Schweizer Eigenheit. Mit diesem Eigentümer- und Betreibermodell bleibt die lokale Wertschöpfung in der Region, es werden Arbeitsplätze geschaffen und die lokalen Akteure beteiligen sich aktiv an den Energieanlagen. Die Energie ist der Motor für die regionale Entwicklung. Beispielsweise haben wir gemeinsam mit den lokalen Forstakteuren einen Holzschnitzelverbund im Goms aufgebaut. Sie produzieren aus der Biomasse der Region nicht nur qualitativ hochwertige Hackschnitzel, sondern verkaufen auch die Energie an die lokale Bevölkerung.

Wird diese Strategie nun in Coyhaique angewandt?
Wir passen unsere Strategien an die Bedingungen des Landes an. Coyhaique hat ein großes Problem der Luftverschmutzung. Deshalb haben wir mit vier lokalen Unternehmern in Coyhaique ein Vermarktungszentrum für Biomasse gegründet. Die produzieren heute hochwertiges Brennholz sowie Hackschnitzel. Zukünftig soll diese Forstunternehmung wie im Goms auch Energie produzieren und verkaufen. Damit leisten wir einen aktiven Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität in Coyhaique.

Welchen Beitrag hat Basler + Partner dabei geleistet?
Wir sind verantwortlich für den Wissens- und Erfahrungstransfer von der Schweiz nach Chile, wir haben das Konzept erarbeitet und waren verantwortlich für die Planung, den Aufbau der Forstunternehmung sowie für die Inbetriebnahme. EBP beteiligt sich aber nicht finanziell an der Forstunternehmung. Die Implementierung übernimmt ein privates Unternehmen. Das Vermarktungszentrum für Biomasse in Coyhaique zum Beispiel ist von vier lokalen Firmen gegründet worden. Wir arbeiten partizipativ und integriert.

Was meint partizipativ und integriert?
In allen unseren Projekten arbeiten wir eng mit unterschiedlichen Akteuren aus der Privatwirtschaft, dem öffentlichem Sektor sowie der Gesellschaft zusammen. Ein Partizipationsprozess ist nur möglich, wenn mit Respekt die verschiedenen Akteure in den Planungsprozess integriert werden. Partizipation hat mit Vertrauen und klaren Regeln zu tun. Wir kennen das so in der Schweiz. Wir sind ein föderalistisches System. Im Partizipationsprozess ist eigentlich egal, ob jemand Putzfrau oder Präsident ist. Integriert ist, wenn wir neben der Verbesserung des Brennholzes auch den Wärmekomfort der Häuser anschauen. Wie kann es sein, dass eine arme Familie in Coyhaique achtmal mehr Holz kaufen muss als eine reiche Familie in der Schweiz? Die Häuser sind schlecht isoliert. Temuco haben wir ein Projekt mit der Schweizer Botschaft und Avina, wo wir die Häuser von 20 armen Familien auf Strom- und Wärmeversorgung untersuchen und die Frauen als Leader darin ausbilden, wie sie Zugang zu erneuerbaren Energien erhalten. Sie bilden wiederum andere Frauen aus. Partizipativ geht nur mit Vertrauen, Respekt und klaren Regeln.

Funktioniert das in Chile?
Ich lebe seit drei Jahren in Chile und habe bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich sage, was ich denke und versuche konkrete Argumente zu liefern. Wir sind ein kleines Team mit acht Mitarbeitern. Die jungen Leute suchen sinnvolle Arbeit, Offenheit, Transparenz und interessante, nachhaltige Projekte. Die Themen der Nachhaltigkeit motivieren sie sehr, und unsere flache Hierarchie in der Unternehmung funktioniert sehr gut. Es gibt hier überall gute Leute – in den öffentlichen Einrichtungen, in den Firmen, in der Bevölkerung. Man muss die Bevölkerung mit einbeziehen, vor allem in die Energieprojekte. Dann funktioniert es.

Worum geht es bei dem Projekt Vitacura Solar Techo 30+?
Die Initiative 30/30 der Gemeindeverwaltung Vitacura sieht vor, dass der Stadtteil im Jahr 2030 ganze 30 Prozent des Energiebedarfs auf der Basis von erneuerbaren lokalen Energien deckt. Außerdem soll der Energiekonsum der Gemeinde bis dahin um 30 Prozent gesenkt werden.
Wir haben in Zusammenarbeit mit der Fundación Chile die Energiekonzepte und -strategien dazu entwickelt. Es ist ganz wichtig, möglichst schnell in die Implementierungsphase zu gehen, um zu zeigen, was alles möglich ist. So läuft zur Zeit das Projekt Techo 30+, bei dem wir mindestens 30 Dächer in Vitacura suchen, die Solarpanels zur Stromerzeugung installieren.

Wie bewerten Sie den chilenischen Markt?
Chile ist ein guter Markt für eneuerbare Energien, Energieeffizienz, Klimaschutz und andere Umweltthemen. Wenn man es schafft, die Leute zusammenzubekommen, kann man hier erfolgreich arbeiten. Dies ist bisher ein Nischenmarkt, der in den nächsten Jahren stark wachsen wird.

Welche kulturellen Unterschiede sehen Sie?
In der Schweiz bedeutet kurzfristig zehn Jahre, mittelfristig 30 Jahre und langfristig 50 Jahre. In Chile sind es ein, drei und fünf Jahre. Der Chilene sucht kurzfristig ökonomischen Nutzen. Da musst du mit Zahlen überzeugen. Wir wollen aber auf unsere Projekte auch in zehn Jahren mit Stolz zurückblicken können. Deshalb ist eine integrative und partizipative Arbeitsweise wichtig.

Herr Walther, wir bedanken uns für das Gespräch.
Das Interview führte Petra Wilken.

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