«Wir wollen Überzeugungstäter»

4209_p16_1Seit zwei Jahren bildet das Lehrerbildungsinstitut Wilhelm von Humboldt (LBI) nicht nur bilinguale deutschsprachige Grundschullehrer aus, sondern auch Lehrkräfte für die Oberstufe. Alexander Lemke (46) ist als Koordinator des neuen Studienganges im August 2014 nach Chile entsandt worden.

Von Petra Wilken

Gerade ist er mit Studierenden von einer einwöchigen Theater-Chor-Reise durch den Süden zurückgekommen und steckt noch voller Begeisterung über die Erfahrungen, die die angehenden Lehrer und Lehrerinnen dabei sammelten. An den deutschen Schulen in Chillán, Los Angeles, Concepción, Temuco, Villarrica und auf dem Campus Linares der Universität Talca konnten die zukünftigen Pädagogen ihre Geschicklichkeit darin üben, wie sie mit den Schülern in Kontakt kommen. Dazu hatten sie vorher am LBI ein Theaterstück mit Choreinlagen einstudiert.

«Ein Klassenzimmer ist ja auch ein bisschen so etwas wie eine Bühne, die Akteure im Stück sind die Schülerinnen und Schüler, die Lehrer geben die Impulse», meint Alexander Lemke. «Die Frage ist, wie bildest du gute Lehrer aus. Im Laufe ihres Studiums sollen sie auch ihre Persönlichkeit entwickeln können», erklärt er das pädagogische Ziel des Theater-Chor-Projektes.

«Vor Kurzem ist eine Studie in Deutschland veröffentlicht worden, nach der Eltern mit ihren Kindern im Durchschnitt 50 Minuten aktive Zeit pro Tag verbringen. Und das war eine gute Nachricht, denn davor waren es nur 40 Minuten gewesen. Lehrer verbringen mehr aktive Zeit mit den Kindern als die eigenen Eltern. Deshalb ist es so wichtig, dass die zukünftigen Pädagogen bei uns den Raum finden, sich als Persönlichkeiten weiter zu entwickeln und nicht nur aktuelles Fachwissen bekommen.»

Gut ausgebildete Lehrer heißt für ihn nicht nur, dass der Lehrer viel weiß. «An Schulen und an den Universitäten werden Wissensstände vermittelt. Aber ein Lehrer, der viel weiß, ist deshalb noch kein guter Lehrer. Das reicht nicht aus. Jemand, der viel über das Wasser weiß, kann deswegen noch nicht schwimmen.»

Dem LBI kommt es vor allem auch auf die Entwicklung einer Haltung und auf das Berufsethos an. «Vieles kann man als Handwerkszeug bei uns am LBI lernen, aber es gibt Grundvoraussetzungen, die müssen die angehenden Lehrer mitbringen: Sie müssen Kinder und Jugendliche mögen, ihnen eine herzliche Zuneigung entgegenbringen. Sie müssen neugierig sein und Lust haben zu verstehen, wie andere denken und fühlen.»  

Wenn jetzt die vorläufige Immatrikulation für das Studienjahr 2017 beginnt, hofft Lemke auf viele Bewerber und Bewerberinnen, die diese Einstellung teilen. «Wir wollen Überzeugungstäter», sagt er. In den vergangenen Jahren hätten sich die Qualifikation und Einstiegsvoraussetzungen der Bewerberinnen und Bewerber stetig verbessert. Die Bemühungen der Regierung um die Aufwertung des Lehrerberufes machen sich bemerkbar. Die Anhebung der Punktzahl in der PSU mit dem Ziel, den Beruf attraktiver zu machen und höher qualifizierte Schulabgänger dafür zu begeistern, trage bereits Früchte.

Wie wichtig die Motivation für erfolgreiches Lernen ist, hat Alexander Lemke in Sofia, Bulgarien, gelernt, wo er vier Jahre an einer bilingualen staatlichen Schule als Lehrer gearbeitet hat. «Ich hoffe, dass niemand aus Bulgarien dies liest, aber die Infrastruktur glich eher einem Jugendgefängnis als einer Schule. Aber die Schüler hatten ein super Niveau. Es waren leistungsstarke, kluge Kinder. Wie haben sie das geschafft? Die Schule hatte Seele, die Lehrer hatten einen großen Idealismus, und die Motivation entwickelte eine Eigendynamik».

Für die Studierenden am LBI sieht Alexander Lemke die besten Voraussetzungen, schon allein deshalb, weil ihre Ausbildung sehr praktisch ausgerichtet ist. Mit den 23 deutschen Schulen in ganz Chile, für die das LBI seit 1988 den Nachwuchs an deutschsprachigen bilingualen Erzieher/innen und Lehrer/innen ausbildet, besteht ein «dankbares Netzwerk» wie Lemke sagt.

«Die Studierenden haben bei uns von Anfang an die Möglichkeit, zahlreiche Praktika zu machen. Dabei dürfen sie Fehler machen, sie sollen vielleicht sogar Fehler machen, um zu verstehen, was nicht funktioniert – aber wenn sie dann vor ihrer Klasse stehen, sollen sie eine eigene Überzeugung gewonnen haben, wie echtes Lernen funktioniert.»

Seit 2015 werden am LBI auch Lehrkräfte für die Oberstufe ausgebildet. Das wurde durch die Kooperation mit der Universität Talca möglich, mit der das LBI zum Campus Santiago der Fakultät für Erziehungswissenschaften der staatlichen Hochschule aus der Region Maule geworden ist. Und seit März diesen Jahres gibt es eine weitere Neuheit, für die Alexander Lemke zuständig ist: In einem zwölfmonatigen Studiengang können Lehrkräfte den chilenischen akademischen Titel als Pädagogen erwerben. Der berufsbegleitende Studiengang wendet sich an Personen, die keinen in Chile gültigen Abschluss als Lehrkraft haben. Zugangsvoraussetzung sind unter anderem 1.200 Stunden Berufserfahrung im Unterrichten.

Alexander Lemke, der aus Dülmen im Münsterland stammt, hat in Hamburg Deutsch und Englisch für die Sekundarstufe II sowie Sprachwissenschaften studiert. Dort lernte er seine Frau kennen. Mit ihr und zwei Söhnen ging er nach Sofia. Dort wurden im Jahr 2006 Zwillinge geboren, zwei Mädchen. Nach vier Jahren in Bulgarien landete die Familie in der nördlichsten Stadt Deutschlands – Glücksburg an der Ostsee. Die Kleinstadt liegt direkt neben Flensburg, und Lemke schätzte es, dass seine Kinder in dem beschaulichen Umfeld aufwachsen konnten. Er unterrichtete Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in Flensburg, während seine Kinder auf eine dänische Schule gingen.  

Die beiden Jungen waren 18 und 20 Jahre alt, als sich die Familie für das Angebot in Chile entschied. «Der jüngere musste schnell groß werden, denn er hat das letzte Schuljahr alleine gemacht». Er hat es gut gemeistert. Inzwischen studiert der älteste Sohn in Birmingham und der jüngere in Hamburg.

«An der Ostsee kann man Kinder gut großziehen, aber ich war doch froh, aus der Provinz herauszukommen», erzählt er. Nach zwei Jahren haben er, seine Frau und die beiden Töchter sich in Chile gut eingelebt. Auch wenn Lemke Santiago mag, so ist er doch glücklich darüber, dass sie ein kleines Haus in Tunquén in der Region von Valparaíso gefunden haben, wo die Töchter am Wochenende Baumhäuser bauen, Muscheln sammeln und am Strand spazieren, «Ich brauche einfach das Meer», meint er. Schließlich sei er das totale Nordlicht.

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