«Wenn Interesse vorhanden ist, geht alles»

Agilolf Reisenegger ist in Concepción kein Unbekannter. Nicht nur in der deutsch-chilenischen Gemeinschaft, in der sich der 76-Jährige stark engagiert hat. Und auch nicht im Stadtleben, wo er als Mitinhaber und Geschäftsführer Juweliergeschäfte und Cafés aufgebaut hat. Wie das geht? – «Wenn Interesse vorhanden ist, geht alles.»

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Dieser Satz zeugt von Antriebswillen, Einsatzbereitschaft und Mut. Und diese Mischung war auch mehrmals notwendig, um die Herausforderungen im Leben angehen zu können. Zum Beispiel Mitte der 60er Jahre, als Agilolf Reisenegger anfing, im Juweliergeschäft seines Schwiegervaters zu arbeiten – eine für ihn berufsfremde Branche, denn er hatte eine Ausbildung zum technischen Mechaniker in Santiago gemacht. «Doch mein Schwiegervater brachte mir das Wichtigste bei. Und an der Ladentheke lernte ich, wie ich Kunden zu bedienen hatte.»
Zugegeben, der Schritt von Schmiede-, Schlosser- und Schweißerarbeiten an schweren Maschinen hin zu feinen Goldringen und Diamanteneinfassungen erscheint auf den ersten Blick enorm weit. Doch immerhin ticken heute im zweiten Stock des Juweliergeschäftes an der Plaza de Armas von Concepción auch aus Deutschland importierte Kuckucksuhren, und zwar rein mechanisch betrieben, was wiederum für Agilolf kein unbekanntes Terrain darstellt. Allerdings der Vorschlag, den er dann seinem Schwiegervater unterbreitete, war denn doch etwas gewagt.
«Was? Ich habe fast 40 Jahre lang Schmuck verkauft und jetzt willst du Schokolade und Bonbons anbieten? Bist du verrückt?», war die Antwort. Doch der geschäftstüchtige Schwiegersohn ließ sich nicht beirren und übernahm die Vertretung der Firma Hucke im eigenen Lokal in der Stadt am Biobio-Fluss. Mit der Zeit wurde sogar die eigene Herstellung von Speiseeis aufgenommen und ein Café eröffnet. «Wir hatten wirklich einen tollen Erfolg. Und mein Schwiegervater wurde dank Schokolade und Eis der beste Kunde.»
Inzwischen hat sich das Unternehmen durch den Einsatz der Tochter Astrid und deren Verwaltung auf fünf Cafés erweitert. Hinzu kommen zwei Juweliergeschäfte, eine Immobiliengesellschaft sowie das sechsstöckige «Hotel Germania» im Stadtzentrum von Concepción, welches der Sohn Mathias leitet.
«Wenn man Sachen aufbaut im Leben, dann muss man sich auch fragen, wie es damit weitergehen soll. Denn schließlich wird man älter, und eines Tages muss man von dieser Welt gehen», gibt Agilolf das generelle Nachfolgeproblem bei Familienunternehmen zu Bedenken. Daher haben seine Frau Rosemarie und er ihrem Nachwuchs bereits im Kindesalter Firmenanteile übertragen. Doch trotz dieser Arbeitsaufteilung sind die Großeltern Reisenegger-Rometsch immer noch im Stress: Den acht Enkelkindern gilt es Aufmerksamkeit zu schenken.

Bayerische Vornamen
Sieben Kinder waren es, die das Ehepaar Kurt Reisenegger Pauli und Hanna Ewerbeck Wach in Santiago zur Welt brachten. Und einige tragen bayerische Namen, wie es der gebürtige Augsburger damals so wollte: Ruprecht, Ilse, Luitpold, Tassilo, Luitgard, Günther und Agilolf. Der Name Agilolf geht übrigens von dem bayerischen Herrschergeschlecht der Agilolfinger aus dem 7. Jahrhundert zurück und setzt sich aus den althochdeutschen Wörtern agil (Schwertspitze, Schneide) und Wolf zusammen. Ein Namensträger war der Bischof Agilolf von Köln aus dem 8. Jahrhundert. Im Dom sind heute der Agilolf-Altar und -schrein zu bewundern.
Und auch Agilolf Reisenegger, geboren 1938, hat eine interessante Vorgeschichte aufzuweisen. Sein Großvater väterlicherseits hatte in Venezuela gearbeitet, bevor er schließlich nach Chile kam und hier ein Trockendock für die Schiffswerft Asmar (Talcahuano) baute. Ab 1938 ließ er Eisenbahnbrücken in Südchile verstärken, so unter anderem die Eisenbahnbrücke Biobio sowie den Malleco-Viadukt – eine deutsche Wertarbeit, auf die der Enkel stolz ist: «Die Brücken stehen heute noch!»
Agilolfs Vater kam 1920 nach Chile, war Chemie-Professor und arbeitete auf diesem Gebiet. Drei Jahre später lernte er Hanna Ewerbeck kennen und heiratete die gebürtige Österreicherin. Das Ehepaar lebte mit den gemeinsamen Kindern auf einem Grundstück im Santiaguiner Stadtteil Ñuñoa, das Hannas Vater 1906 gekauft hatte und für heutige Verhältnisse gigantische Ausmaße aufwies: einen gesamten Häuserblock groß. «Es war schön dort. Wir hatten einen Hühnerstall, es wurde Gemüse angepflanzt, es gab viele Bäume.» Agilolf Reisenegger bezeichnet sich als Naturfreund und lebt heute mit seiner Frau an der idyllisch gelegenen Laguna Grande in San Pedro de la Paz bei Concepción.

Einstieg bei Mercedes-Kaufmann
Nach dem Besuch der Deutschen Schule und seiner Ausbildung zum technischen Mechaniker begann Agilolf Reisenegger ein Ingenieursstudium. «Aber ich habe nicht weitergemacht. Vielleicht war ich zu faul?» Sein Metier gefiel ihm zwar, man konnte zeichnen, entwerfen, berechnen sowie manuell und technisch tätig sein. Und noch heute widmet sich Agilolf hobbymäßig in seiner Werkstatt der Reparatur seiner Oldtimerwagen – «viel Spaß, viel Ärger, ausreichend Genugtuung» –, mit denen er ausgedehnte Touren durch Chile und Argentinien unternimmt.
Doch damals war Pragmatismus angesagt. Sein Vater wurde im Zuge des Zweiten Weltkriegs auf die sogenannte Schwarze Liste gesetzt, mit der deutsche Firmen und Personen benachteiligt werden sollten. Er verlor seinen Job. Und nach dem Krieg galt es, die vielköpfige Familie zu versorgen. «Eigenes Geld zu verdienen spielte also eine große Rolle, und ich wollte arbeiten.»
Firmengründer Walter Kaufmann stellte den jungen Mann schließlich in seinem Mercedes-Unternehmen ein und schickte ihn zur Weiterbildung nach Deutschland, wo Agilolf die verschiedenen Werke besuchte. Anderthalb Jahre blieb er dort, und vielleicht wäre es für immer gewesen, denn ihm gefiel es gut dort und ein Job-Angebot lockte ebenfalls. Doch Agilolf Reisenegger fühlte sich nicht nur seinem Vertrag in Chile, sondern auch Walter Kaufmann verpflichtet und kehrte zurück.
Eine Anekdote am Rande: Walter Kaufmann vertraute ihm sogar seine beiden Söhne Michael und Christoph an, die bei Agilolf lernen mussten, wie ein Ölwechsel bei einem Lastwagen vorgenommen wird.
Schließlich sollte Agilolf den Service für die Mercedes-Lastwagensparte in Concepción verbessern und weiter aufbauen. Dass seine Mutter mit ihm nach Concepción zog, sollte indirekt familiär wegbestimmend werden: Über eine Freundin der Mutter lernte er seine zukünftige Gattin Rosemarie Rometsch kennen. Das war im März 1963; im April 1964 heirateten sie und haben bereits Goldene Hochzeit gefeiert. Im Anschluss an die Trauung fuhren die frisch Vermählten damals für fünf Monate nach Deutschland, wo Agilolf Reisenegger beruflich nicht nur die Neuerungen in der Automobilindustrie kennenlernte, sondern das Paar auch Zeit fand, in einem VW-Käfer durch Deutschland zu fahren.

Soziales Engagement
Aber es sind selbstverständlich nicht nur Schwarzwälder Kuckucksuhren, die er heutzutage unter anderem verkauft und die von einer Beziehung zu Deutschland zeugen. Nein, Agilolf war von 1971 bis 1974 erster Vorsitzender des Deutschen Sportvereins. In dieser Zeit wurde auf einem benachbarten Grundstück der Schule eine neue Sporthalle gebaut (Calle Castellón 37).
Wiederum war Agilolf erster Vorsitzender ab Dezember 2003 bis September 2006. Im Mai des gleichen Jahres verkaufte der Sportverein vier Hektar Fläche an die Deutsche Schule, auf der sie neu aufgebaut wurde.
Im Jahr 1990 trat er zudem in die 7. Deutsche Feuerwehrkompanie ein. Als Direktor ließ Agilolf die Nachtwache vergrößern und engagierte sich sogar in der Oberverwaltung der Freiwilligen Feuerwehren von Concepción (Superintendencia de Cuerpo de Bomberos de Concepción), die ihn auch beauftragte, die gleiche Institution in San Pedro de la Paz einzurichten. Zudem war Agilolf in Santiago Mitglied 15. Deutschen Feuerwehrkompanie.
Dreizehn Jahre lang war er außerdem als Ortsvertreter des Deutsch-Chilenischen Bundes tätig, im Jahr 2003 verlieh ihm der DCB für sein Engagement die Anwandter-Medaille.
Deutschland, wo er häufig geschäftlich sowie touristisch unterwegs war und ist, betrachtet er wie eine zweite Heimat. «Wir haben dort immer sehr gute Freunde gewonnen und gute Erfahrungen gemacht, sind aber selbstverständlich auch glücklich und zufrieden im schönen Chile.»
Glücklich und zufrieden sollen übrigens auch seine Arbeitnehmer sein, das ist zumindest sein Anspruch. «Ich glaube, wir hatten im Allgemeinen gute Beziehungen zu unserem Personal. Und ein Arbeitgeber sollte seinen Mitarbeitern auch einmal helfen und in die eigene Tasche greifen, wenn ein kleiner Kredit benötigt wird.» Er betont, dass es wichtig sei, den Menschen auf gleichem Niveau zu begegnen, sie also nicht herablassend zu behandeln und auch nicht zu vergessen «bitte» und «danke» zu sagen.
Vielleicht liegt in diesem menschlichen Umgang der Grund dafür, weshalb einige Angestellte schon seit 40 Jahren im Juweliergeschäft arbeiten. Agilolf: «Man arbeitet das Personal ein, man schult sie. Und wenn Interesse vorhanden ist, dann ist alles möglich.» Und falls der Arbeitsstress doch mal zu groß sein sollte? Dann hört Agilolf zur Entspannung gerne klassische Musik, vor allem Mozart, sein Lieblingskomponist. «Doch ein schöner Schlager tut es auch.»

Arne Dettmann

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