Weltbürger mit einem Faible für Chile

40 Kilometer Südwesten von Rancagua entfernt liegt Guacarhue in der VI Region. Es ist eine für Mittelchile typische malerische Ortschaft, deren Häuser größtenteils aus Lehmziegeln gebaut wurden. Während des großen Erdbebens am 27. Februar 2010 erlitten diese schmucken Bauten großen Schaden, unter ihnen das Haus von Ronny Goldschmieds Schwiegermutter.

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Noch schlimmer geschah es mit der Kirche des Dorfes, National Monument, welche nach den Bauplänen von Joaquín Toesca 1778 erbaut worden war. Auch sie war ein Lehmziegelbau und brach völlig zusammen. Bereits vor dem Erdbeben sollte sie renoviert werden – die Mittel dafür waren bereits genehmigt. Der Wiederaufbau nahm knapp vier Jahre in Anspruch. Kürzlich konnte das Gotteshaus, getreu nach den Originalplänen Toescas, wieder eingeweiht werden.

«Glücklicherweise hat der Bürgermeister Verständnis gehabt und dafür gesorgt, dass im Dorf nichts niedergerissen und zerstört wurde», stellt Goldschmied fest. Die Straßen mit den sorgfältig wiederaufgebauten beziehungsweise restaurierten Häusern in der Umgebung im Jahr 1991«typischen Bereich» erklärt worden. Um von staatlicher Seite die nötigen Subventionen zu bekommen, mussten sich Sachverständige verschiedener Gebiete an dem Projekt beteiligen: Architekten, das Sozialwohnamt, die Stadtverwaltung und eine Vertretung der Hauseigentümer.

Ronny Goldschmied arbeitet als Vorsitzender der Hausbesitzer an dem Projekt, seitdem es in die Wege geleitet wurde. Das bedeutete, zahlreiche Besprechungen mit staatlichen Instanzen zu führen, mit der Stadtverwaltung und mit Abgeordneten zu verhandeln, «was eine besondere Situation ist, denn die Ereignisse nehmen nicht so schnell ihren Lauf, wie man möchte», stellte er fest. «Außerdem hatte der chilenische Staat kein Konzept für diese öffentlichen Erbgüter, sodass wir keine Spenden von Unternehmen erhalten haben, da sie bisher nicht steuerlich absetzbar sind », bedauert Goldschmied.

Mit knappen Mitteln kam das Projekt langsam zum Tragen, «und heute müssen wir von insgesamt 17 Häusern nur noch vier fertig bauen». Zusätzlich wird ein Projekt erarbeitet, um Gehsteige, Lampen und Parkanlagen – alles im Kolonialstil – finanzieren und errichten zu können. «Wenn wir die Unterstützung vom Staat und damit die nötigen Mittel bekommen, sollte  2016 alles fertig sein», hofft er. Sobald das Werk vollendet ist, «könnten wir den Tourismus vorantreiben, denn es gibt dort vieles zu zeigen».

 

Gute Schulerinnerungen

Ronny Goldschmied ist gebürtiger Santiaguiner. Seine Eltern stammen aus Wien. Der Vater kam 1939, die Mutter 1944 nach Chile. Sie lernten sich in Chile kennen «und haben drei Monate später geheiratet», schmunzelt ihr Sohn.

Zunächst ging er in die Schule Nido de Águilas, «die war klein und fein, ich habe von der Zeit sehr gute Erinnerungen. Sie war damals nicht anerkannt, weshalb man staatliche Prüfungen ablegen musste». So kam es, dass Ronny später das Liceum Manuel de Salas besuchte, eine experimentelle  Schule der Universidad de Chile, «die ganz hervorragend war».

Nach dem Abschluss studierte er Chemie an der Universidad Católica. « «er hatte einen Lehrer, der ihm tüchtig motiviert hat». Dazu kam, dass Ronnys Vater Chemiker und als solcher Mitinhaber einer Gerberei war.

1970 war für Ronny Goldschmied ein Jahr bedeutsamer Ereignisse, «sowohl im chilenischen Leben als auch für mich. 1970 bin ich mit meinem Studium fertig geworden, habe geheiratet und bin nach Deutschland gereist». Sein Ziel war Ludwigshafen, wo er eine Stellung bei der Firma BASF antrat. Dieses Arbeitsverhältnis sollte 35 Jahre währen. Nach einer zweijährigen Bestimmung in Deutschland folgten Posten in Mexiko, wieder in Deutschland, Ecuador und die letzten 25 Jahre in Chile.

Wer verschiedene Länder nicht als Tourist, sondern als ortsansässiger Bürger erlebt, lernt sie bekanntlich viel besser kennen. Goldschmied hat von sämtlichen Ländern, in denen er und seine Familie gelebt haben, die besten Erinnerungen: «Glücklicherweise konnten wir alle Länder genießen, hatten einen breiten Freundeskreis, der heute noch besteht. Jedes Land für sich besaß seinen Reiz. Sowohl ein entwickeltes Land wie Deutschland als auch ein Entwicklungsland wie Ecuador – beide haben uns hervorragende Erlebnisse beschert. Wir haben nirgends negative Erfahrungen gehabt, sowohl beruflich als auch im privaten Bereich».

Als Familie Goldschmied in Guayaquil lebte, «war es vielleicht nicht die schönste Stadt, aber die Menschen dort sind etwas Besonderes, und wenn man in dieser Stadt einen Freundeskreis aufbauen kann, dann ist es eine Pracht». Auch kulturell war Ecuador unvergesslich: Schon allein eine Reise, die sie auf die Galapagos-Inseln unternahmen oder der besuch des Amazonas gebiet, ist ihnen unvergesslich geblieben.

Überhaupt macht Ronny Goldschmied und seiner Frau das Reisen einen besonderen Spaß. Was ist dabei das Interessanteste? «Die Menschen», versichert er, «denn man ist in einem realen Land». Damit meint er, dass im Gegensatz zu einem Besuch touristischer Art «man zur Arbeit geht, die Kinder zur Schule schickt und mit den Behörden zu tun hat. So erlebt man die Menschen, wie sie im Alltag reagieren. Man muss die Fähigkeit haben, sich anzupassen», fügt er hinzu, «und das war gar nicht so schwer. Man muss ja im Grunde das Land nehmen, wie es ist, und nicht etwa erwarten, dass das Land sich an einen anpasst».

In Deutschland war es ebenso einfach, da er zwar in Chile geboren, aber eben doch mit einer weltoffenen, europäisch beeinflussten Mentalität erzogen worden war.

 

Generationswechsel ante portas

Als Ronny Goldschmied vor einigen Jahren in Pension ging, waren verschiedene Persönlichkeiten um den damaligen österreichischen Botschafter Wolfgang Angerholzer darum bemüht, den Österreichischen Verein in Santiago wieder aufleben zu lassen. Goldschmied ließ sich in den Vorstand wählen. Noch heute geht er dieser Tätigkeit nach, «allerdings ist es Zeit, dass jetzt eine neue Generation die Sache übernimmt. Das geschieht bereits, und wir ändern gerade die Statuten, um den Übergang zu erleichtern». Der Verein ließ sich erfreulicherweise ankurbeln, er läuft wieder, und es scheint in der Tat an der Zeit zu sein, dass der Generationswechsel eintritt.

Goldschmieds Hobby ist fotografieren. Dieses Steckenpferd bedeutete ihm schon immer weit mehr als ein Zeitvertreib, weshalb er an mehreren Fotokursen teilnahm, darunter an einen mit dem unvergessenen Bob Borowicz. Seine Lieblingsmotive sind Landschaften. Heute hat er mehr als 10.000 Diapositive im Archiv, von denen allerdings ein Teil «wegen der Feuchtigkeit in Guayaquil einen Totalschaden erlitt».

Ronny Goldschmied nahm – wie er es immer auf seinen Reisen tut – auf der Antarktis die Gelegenheit wahr, die grandiose Naturkulisse abzulichten. So beeindruckend das Erlebnis war, muss er zugeben: «Man kann es fotografisch nicht darstellen, man muss es erleben! Die Fotos können noch so schön und gut sein, es ist bei Weitem nicht das Gleiche».

Wer viel reist, lernt einiges von der internationalen Gastronomie kennen und lieben. «Die mexikanische Küche ist exzellent», versichert er, und beginnt, von den verschiedenen Tacos- und Tortilla-Arten zu schwärmen. In Chile ein gutes Pastel de Choclo oder Empanadas de queso-ostión sind einmalig. Trotz seiner Vorliebe für fremde Länder ist Ronny Goldschmied jedoch der Wiener Küche seiner Vorfahren treu geblieben, und hebt an, seine Leibgerichte, welche seine Frau heute hervorragend kocht ,aufzuzählen: «Malakoff Torte, , Marillenknödel, Salzburger Nockerln, Topfennudeln, Powidltatschkerln ach, da kann man zig Speisen nennen!», seufzt er.

 

Von Walter Krumbach

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