Vom Wandern und Auswandern

Beim Deutschen Andenverein Santiago gilt Christian Schröter als Urgestein. Der Weg in die Berge führte den heute 78-Jährigen von seinem sächsischen Heimatstädtchen über die DDR-Grenze hin zur weltbekannten Optikfirma Carl Zeiss.

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Eigentlich könnte Christian Schröter ein kleines Eintrittsgeld für sein Haus verlangen, denn das hat dem Besucher einiges zu bieten. Schon der Anfahrtsweg ist beeindruckend: Mitten in der Santiaguiner Gemeinde Las Condes schlängelt sich der Camino del Observatorio auf den 867 Meter hohen Berg Calán, auf dem eine Sternwarte steht. Über dieser leuchtet und funkelt es zu Silvester besonders stark, wenn das Feuerwerk in den Himmel steigt, das auch Christian Schröter gerne vom Garten seines benachbarten Hauses aus bestaunt. Die anderen Tage im Jahr eröffnet sich ihm ein fantastischer Blick auf die Sierra San Ramón und den mächtigen Berg Plomo.

Doch Christian Schröter guckt nicht nur in die weite Ferne, sondern auch ins kleinste Detail. In seinen fast 60 Berufsjahren als Techniker für das Optik-Unternehmen Zeiss hat er bis zu 100 Mikroskope gesammelt, darunter viele alte Geräte, mit denen vielleicht schon Alexander von Humboldt geforscht haben könnte. Das älteste Fabrikat datiert aus dem 19. Jahrhundert, die Instrumente stammen aus Italien, Frankreich und anderer Herren Länder. Alleine das wäre mal eine Ausstellung wert, findet seine Ehefrau Amanda. Doch der Gatte sei einfach zu bescheiden, um mit diesem Fundus ins Rampenlicht zu gehen. Und tatsächlich: Christian Schröter verlangt kein Eintrittsgeld für die Besichtigung seiner Sammlung. Er spendiert dem Besucher lieber ein Kunstmann-Bier.

Eine Sehenswürdigkeit ist aber auch der VW-Käfer aus dem Jahr 1963, mit dem sein Besitzer noch heute zu den Donnerstagstreffen des Deutschen Andenvereins in Santiago braust. In der Garage befinden sich viele kleine Kisten mit Ersatzteilen, alle fein säuberlich auf Deutsch beschriftet. Und damit ist klar, dass der technische Tüftler in seinem Leben nicht nur an feinmechanischen-optischen Kameras herumgefummelt hat.

Mit dem danebenstehenden VW-Kleinbus – ebenfalls museumsreif – sei die Familie schon vom nördlichen Arica bis zur Carretera Austral gereist. Und wie er sein altes Gefährt nach diesen ganzen Touren noch heute erfolgreich durch die technische Revision bekommt? Christian Schröter grinst schelmisch. Schon zu lange lebt er in Chile, um nicht einige Zaubertricks zu kennen.

 

Nachkriegszeit und Flucht

Christian Schröter wurde 1935 in Meerane geboren, einer Kleinstadt im sächsischen Landkreis Zwickau. An seinen zehnten Geburtstag kann sich das Einzelkind noch sehr gut erinnern, denn das war eine Woche vor Kriegsende. «Vater geriet in englische Gefangenschaft und für mich begann ein neuer Lebensabschnitt. Wir mussten auf den Feldern Kartoffeln und Ähren ernten, um etwas zum Essen zu haben. Die Molke, die früher nach der Käseherstellung einfach weggeschmissen wurde, kam nun auch auf den Speiseplan.»

Nach seiner Konfirmation 1949 und dem Schulabschluss begann Christian Schröter eine Lehre zum Feinmechaniker. Der Vater hätte anstatt der Berufsschule in Zwickau lieber ein Universitätsstudium für den Sohn vorgesehen. «Doch die Eisenbahn aus Kindheitstagen hatte in mir den Wunsch geweckt, so etwas einmal selbst zu bauen.»

Unterdessen wurde ihm die Lage in der DDR immer unerträglicher. Dass er 1952 nach Westberlin reisen musste, nur um Schuhe zu kaufen, war der Anfang vom Ende. «Es gab ja nichts in der DDR. Irgendwann sagte ich zu meinen Eltern: Ich will abhauen. Und sie zeigten dafür Verständnis.» Im Jahr 1953 floh Christian Schröter per Zug nach Westdeutschland.

Dort im Taunus arbeitete er zunächst weiter und schickte von seinem Gehalt Lebensmittelpakete zu seinen Eltern. Über eine Gewerkschaftszeitung erfuhr er von der Firma Zeiss, die ihren Gründungsstandort zwar in Jena in Thüringen hatte. Doch zahlreiche Spezialisten sowie die Geschäftsführung hatten die Ostzone verlassen und im baden-württembergischen Oberkochen einen neuen Produktionsstandort aufgebaut. Dort in der Optikherstellung für Industrie- und Fotografieanwendungen begann Christian Schröter einen Technikerkursus. «Ich habe damals viel dazu gelernt.»

Als das Zeiss-Unternehmen einen Techniker für die Geschäftstätigkeiten in Chile suchte, sagte Christian Schröter zu. Per Frachtschiff ging es von Bremen aus auf eine 49-tägige Reise nach Corral, wo er am 1. Februar 1962 eintraf. In Santiago baute der Deutsche dann den Service für die Firma Reichmann, die Zeiss-Vertretung vor Ort, auf. Und auch heute noch, mit 78 Jahren, übernimmt Christian Schröter dreimal in der Woche ganztags Arbeiten für Zeiss.

 

Flugeinsatz und Gletschersturz

Natürlich gibt es aus so einem langen Berufsleben Anekdoten. Zum Beispiel diese: Für die chilenische Luftwaffe sollte einmal eine Kamera in einem B-28-Bomber repariert werden. Die Justierung hatte während eines Fluges zu erfolgen. «Ich musste mitfliegen und wurde aufgefordert, einen Rucksack mit Fallschirm anziehen. Ich dachte, dass sei nur ein Spaß. Aber dann sagte man mir: `Falls etwas passiert, rausspringen, bis drei zählen und dann die Reißleine ziehen´.»

Auch mit dem Deutschen Andenverein (DAV) in Santiago hat Christian Schröter so einige Abenteuer erlebt. Schon drei Monate nach seiner Ankunft in Chile begab er sich zum Club und machte Ausflüge in die Berge mit. Bereits Ende des gleichen Jahres stieg er gemeinsam mit Wolfgang Förster und Peter Gebhardt zum 6.100 Meter hohen Marmolejo auf. Zusammen mit den beiden Bergsteigern Erich Steuer – einem Landsmann aus Dresden – und Wolfgang Förster nannte man sie «die drei Verrückten». Und das nicht ohne Grund.

Bei einem Aufstieg Ende 1963 zum über 6.000 Meter hohen Juncal-Gipfel musste ein Gletscher passiert werden. Zwar war Christian Schröter schon in Oberkochen sieben Jahre lang Mitglied im Alpenverein gewesen – «doch so viel Erfahrung im Hochgebirge hatte ich dann doch nicht.» Er stürzte sieben Meter tief in eine Spalte. Die zwei Begleiter wollten den Verunglückten per Seil schon wieder herausziehen, doch dieser verlangte vielmehr seine Fotokamera. «Der Blick durch das Eisloch auf den blauen Himmel war einfach toll. Das musste aufs Foto. Meine Kumpels riefen aber nur, dass ich verrückt sei. Nun ja, es war wohl tatsächlich gefährlich», erzählt Christian Schröter und muss trotzdem lachen.

Insgesamt hat der Deutsche nicht nur viel Zeit auf Vereinsausflügen und Wanderungen verbracht, sondern packte auch tatkräftig bei Arbeiten an der Berghütte Lo Valdés im Cajón del Maipo mit an. «Ich hänge wirklich sehr an der Hütte und hoffe, dass ich nach der geplanten Renovierung noch einmal dort eine schöne, erholsame Zeit mit meiner Familie verbringen kann.»

Auf einer der DAV-Skitouren lernte er damals seine zukünftige Frau kennen. Drei Jahre und viele Ausflüge später heiratete das Paar. Im Jahr 1974 wurde der Sohn Martin geboren, 1975 ging die Familie für ein halbes Jahr nach Deutschland. Schließlich kamen 1976 die Tochter Carolina und 1979 der zweite Sohn Tomas zur Welt. Das Grundstück auf dem Cerro Calán kauften sie bereits 1977, doch erst 1985 zog die Familie in das selbst gebaute Haus ein.

 

In Chile hängen geblieben

Die alte Standuhr seiner Eltern sowie Karten von Sachsen erinnern an die alte Heimat. Doch Nostalgie will Christian Schröter nicht aufkommen lassen, vielmehr Verärgerung. «Ich habe damals so viele Probleme gehabt, ein Visum zu bekommen, um meine Eltern in den DDR zu besuchen.» Die Einreise zum todkranken Vater wurde ihm 1985 sogar verweigert, nachdem Christian Schröter erklärt hatte, dass er aus Chile ankommen würde.

«Als mein Vater 14 Tage später starb, durfte ich sofort ins `sozialistische Paradies´ einreisen, um die Beerdigung zu bezahalen.» Aus seinen politischen Präferenzen macht Christian Schröter keinen Hehl: «Dieses sozialistische System war heuchlerisch und hat die Menschen ausgenutzt.»

Eine Art Versöhnung gab es aber dann doch noch: Die Feier der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 erlebte er im Restaurant des Berliner Funkturms, hoch über der deutschen Hauptstadt.

Dass das Unternehmen Zeiss immer wieder die Arbeitsverträge verlängert hat und er somit in Chile «hängen geblieben» ist, wie Christian Schröter sagt, sei ein Schicksal, das er nie bereut habe. Das Leben sei zu kurz, um ständig zwischen mehreren Länder hin- und her zu pendeln. Mit Chile verbindet Christian Schröter viele schöne Erinnerungen, aber sicherlich auch eine sehr schmerzhafte: Sohn Martin starb 1996 mit 22 Jahren an Leukämie. Und Ehefrau Amanda betont, dass das wohl auch mit ein Grund dafür war, weshalb ihr Ehemann wohl definitiv hier bleiben wollte.

Die Großeltern haben fünf Enkelkinder: Simon, Martin, Agustin, Anton und Emil. Und für den Bastler Christian gibt es somit eine Menge zu tun. Derzeit ist er dabei, eine Elektroeisenbahn für die Kleinen zu bauen. Damit zu spielen macht Spaß. Das weiß Christian Schröter aus seiner eigenen Kindheit ganz genau.

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