Die interkulturelle Erfahrung mit Fahrrädern

Valer Schulte-Fischedick, ehemaliger Rektor der Deutschen Schule Valparaíso

Valer Schulte-Fischedick
Valer Schulte-Fischedick war bis vor Kurzem Leiter der Deutschen Schule Valparaíso.

Rheinländer oder Westfale? Pendler oder Nomade? Oder doch Kölner? Zum Jahresende verließ Valer Schulte-Fischedick die Deutsche Schule Valparaíso. Der Cóndor sprach mit ihm über seine Erfahrungen in Chile.

Von Thomas Magosch

Er war im Winter für Inge Berger als Schulleiter eingesprungen, die aus Gründen, die den Rahmen hier sprengen würden, die Schule verlassen hat. Inge Berger hat eine große Lücke an der Schule hinterlassen. Valer Schulte-Fischedick hat diese Lücke bravourös geschlossen und reißt jetzt eine neue. Aber sein Weggang war lange Zeit klar und kam nicht überraschend. Widmen wir dem Mann, der als erster Schulleiter fast täglich mit dem Fahrrad kam, ein paar biografische Zeilen zum Abschied.

Und wir beginnen sehr vereinfachend, aber hilfreich, denn der Doppelnachname Schulte-Fischedick stellte nicht nur viele chilenische Eltern vor Ausspracheprobleme. Im Folgenden wird der Text quasi «per Du», damit spart er Zeichen für wichtigere Informationen und wir kommen Valer Schulte-Fischedick auch formal ein wenig näher, was ihm wahrscheinlich gefiele.

Valer würde sich als Rheinländer bezeichnen, sagt er. Aufgewachsen zwar zwischen Düsseldorf und Wuppertal in Hochdahl, einer «idealen Stadt zum Aufwachsen, da es viele junge Familien und viele Baustellen zum Spielen gab». Nach der Schule geht er sofort nach Köln, den Ort, den er heute als Heimat bezeichnen würde.

Abitur, dann Zivildienst, der damals noch 20 Monate dauerte, aber im Krankenhaus und in der mobilen Altenpflege habe er viel gelernt, Erfahrungen mit Menschen und welche anderen «Parallel-Realitäten» noch so existieren können. Es folgt ein Medizinstudium, das Valer bis zum Physikum fortführt. Er bezeichnet sich scherzhaft als «homozygotes Lehrerkind», beide Elternteile sind Lehrer, die Mutter mit der Fächerkombination Englisch und Deutsch, der Vater mit den Fächern Deutsch, Musik und Philosophie.

Deshalb lehnt er es anfangs ab, auch auf Lehramt zu studieren. Aber die Zweifel an der Medizin wachsen und zur Famulatur in der Ruhe und Abgeschiedenheit der schottischen Stadt Inverness beschließt er, das Studium abzubrechen und der Familientradition zu folgen. Er schreibt sich für die Fächerkombination Biologie und Englisch ein.

Für Bio hat er bereits im Medizinstudium viel gelernt und Sprachen interessieren ihn schon immer. Bereits als Schüler nahm Valer an einem viermonatigen Austausch in den USA teil. Halten wir bis hierhin fest: neben der interkulturellen Erfahrung zwischen Düsseldorf und Köln (die nicht unwesentlich ist) bewegt sich Valer auch früh sprachlich und fachlich-methodisch grenzübergreifend. Der medizinische Umweg zum Pädagogen erscheint nur bereichernd.

Sein Referendariat macht er in Mühlheim an der Ruhr, vorher verbringt er innerhalb des Studiums aber noch sechs Monate in London, eine wichtige Erfahrung, denn: «Wenn man London mit dem Fahrrad überlebt hat, weiss man, dass man sich als Fahrradfahrer die entsprechenden Wege suchen muss.» Das sagt er in Bezug auf seine Erfahrung als Fahrradfahrer im Vergleich zu Chile, wo viele Autofahrer einfach noch keine Erfahrung im Umgang mit Fahrrädern an der Seite haben.

Und hier wird ein wesentlicher und sehr sympathischer Charakterzug auffällig: Valer schaut genau hin und hört genau zu. Er bleibt gelassen, bildet sich eine Meinung und begründet sie. Nicht lakonisch, nicht frotzelnd oder zynisch, gelassen. Viele Neuchilenen, auch solche, die bereits seit 20 Jahren hier leben, würden sagen, dass die ignorante Fahrweise mancher Autofahrer in diesem Land lebensgefährlich ist, vor allem für alle anderen Verkehrsteilnehmer und besonders für Fahrradfahrer.

Nach Düsseldorf ans Goethe-Gymnasium, wo er zehn Jahre lang arbeitet, pendelt er täglich auch mit dem Fahrrad von Köln (wenn auch nur zu den jeweiligen Bahnhöfen) und arbeitet beispielsweise auch in der Theatergruppe. Auch hier zeigt sich, was man bestätigt bekommt, wenn man mit Schülern über den Lehrer Valer spricht: er kann zuhören und auf die Schüler eingehen, fördern und fordern, aber umsichtig, humorvoll und gelassen.

Kunst spielt schon seit der Schule eine große Rolle, vor allem Musik. Neben Klavier spielt Valer Cello und in Köln wartet vielleicht schon eine neue Herausforderung, eine Band auf ihn, die noch ein Saiteninstrument sucht. In Viña hat er sich schon nach einem Jahr dem Choro Jubilate angeschlossen. «So etwas tut unheimlich gut», sagt er, «über Musik kann man so viel kennen lernen» und das weit über die Musik und die Organisation des Chores hinaus, die sich wesentlich von Chören in Deutschland oder England, wo Valer auch gesungen hat, unterscheiden. «Hier macht man beispielsweise viel mehr Konzerte», aber die Aufnahme und die Atmosphäre sei sehr herzlich gewesen und eine ganz andere Welt als die Schule.

Aber wie kommt man plötzlich, nachdem man zehn Jahre in ruhigem Fahrwasser an einer Schule, von der die Rektorin sagte, dass sie Valer sehr ungern ins Ausland ziehen ließe, wie kommt man da darauf, ganz woanders hingehen zu wollen. «Ich hätte nicht früher gehen wollen», sagt Valer, aber durch die Beziehung und dem Wunsch von beiden, seiner Frau Isabel, die auch Lehrerin ist und ihm, «dass sich in diesem Leben nochmal etwas verändern kann und muss», kam es zur Bewerbung für eine Stelle an einer deutschen Auslandsschule.

Beide bewerben sich, eine «Weltregion», so nennt sich das im Bewerbungsverfahren, darf man ausschließen, beide sprechen schon ein wenig Spanisch und Valer erzählt, dass er schon viele Jahre vor der Bewerbung einmal einen alten Diercke-Atlas in Händen hielt und sich Chile und Valparaíso angeschaut hätte. So ein Zufall. Es sollte für beide «ein Land sein, wo man die Chance haben kann, an der Kultur teilzunehmen und sie kennenzulernen». Also nicht exklusiv in einer exklusiven Gesellschaft innerhalb eines Landes lebt.

Und dann «kam plötzlich alles auf einmal». Die Bewerbung war abgeschickt, Isabel wurde schwanger, dann kam eine E-Mail von der Deutschen Schule Valparaíso, vom damaligen Schulleiter Franz Wägele. «Wir haben einen Tag überlegt, aber das Gefühl war eindeutig.» Über die Entscheidung verlieren wir keine Zeile und als die kleine Sofia acht Monate alt war, kamen sie in Chile, in Viña an.

Gleich im ersten Jahr fahren sie in den Norden, nach San Pedro de Atacama, und dieser Besuch scheint viel hinterlassen zu haben. Natürlich ist die junge Familie fasziniert von diesem wunderschönen Land, von seinen Gegensätzen, gerade hier in Viña «von der Nähe zum Meer und gleichzeitig zu den Bergen». Valer nimmt sich mit seiner Familie jetzt erstmal eine kleine Auszeit und fährt mit seinem «Bully», der hier «Combi» und ganz offiziell «VW T2» heißt gen Norden Chiles und vielleicht ein bisschen nach Peru und Bolivien.

Die Distanz zu Deutschland habe auch die Familienbeziehungen gestärkt. Valers Eltern waren zweimal in Chile, seine beiden älteren Geschwister haben ihn ebenfalls besucht. Man rücke durch die Distanz in der Familie enger zusammen, meint er und: «Das Grüne im Süden tut einem unheimlich gut.» Von Chile bleibt naturgemäß viel, viel mehr als der Empfehlung, dass ein Aufenthalt hier bereichernd ist, in allen Belangen. Auch die Schule hat bei Valer Spuren hinterlassen, vor allem die «Herzlichkeit und die Nähe zwischen Lehrern und Schülern» und «ganz viel das Kollegium».

Man müsste noch viel mehr schreiben, über das Singen im russischen Chor in London vielleicht, als er dort ein Semester studierte, oder das Schwimmen mit «Fullmar» in der Bucht von Valparaíso. Aber das würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen. Wichtig bleibt zu sagen, dass Valer fehlen wird, an der Deutschen Schule, aber auch an vielen anderen Ecken in Viña.

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