Träumen auf Deutsch

Ein «Sprudelwasser» bestellt Sebastian Gevert im Café des Sportclubs Manquehue in Santiago. «Das habe ich mir in Deutschland angewöhnt, da trinken ja alle Wasser mit Kohlensäure», sagt er grinsend. Der Kapitän der chilenischen Volleyball Nationalmannschaft ist zur Zeit in Chile, um sich mit seinem Team auf die anstehenden Südamerikameisterschaften «Sudamericano» vorzubereiten.

«Ich komme gerade vom Krafttraining», erzählt der muskulöse Sportler, als er sich in ein Sofa auf der Terrasse setzt und seinen Durst endlich mit Wasser löschen kann. Den Club Manquehue kennt er sehr gut, hier hat seine Karriere als Volleyballspieler begonnen. «Ich habe mit fünf Jahren angefangen zu spielen.»

Der in Mexiko geborene Deutsch-Chilene absolvierte seine Schullaufbahn an der Deutschen Schule in Santiago. Nach dem Abitur kam er mit seinem ersten Profivertrag zum Verein Portol Palma Mallorca. Zwei Jahre später gewann er mit dem SC Espinho die portugiesische Meisterschaft.

Jetzt wohnt er seit einem Jahr in Düren in Nordrhein-Westfalen, wo er einen Zweijahresvertrag beim Volleyballclub evivo Düren unterschrieben hat. In der Stadt, die zwischen Köln und Aachen liegt, hat er sich gut eingelebt: «Ich habe eine große Wohnung und lade nach dem Spiel gerne Mannschaftskollegen auf ein Bier ein.» Er wundert sich: «Es ist verrückt, ich träume sogar auf Deutsch.»

 

Eine Volleyballfamilie

Auf die Frage, welche Unterschiede es zwischen Chile und Deutschland gibt, antwortet er amüsiert: «In Deutschland wird viel Wert auf Recycling gelegt, daran musste ich mich gewöhnen.» Besonders gefällt ihm, «dass man in Düren ohne Probleme überall hin mit dem Fahrrad fahren kann». In der 93.000-Einwohnerstadt ist Volleyball der beliebteste Sport. Gevert ist dort mittlerweile bekannt und wird manchmal im Supermarkt angesprochen. Die Popularität des Mannschaftssports zeigt sich auch in den gefüllten Besucherrängen: «Bei jedem Heimspiel sind fast 2.500 Zuschauer in unserer Halle, die richtig Stimmung machen.»

Völliges Neuland war die Bundesrepublik für den 24-Jährigen nicht. «Wir haben viele deutsche Traditionen in unserer Familie. Während meiner Schulzeit habe ich für zwei Monate in Bonn gelebt.» Geverts Großeltern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile. Sein Opa etablierte den Volleyballsport innerhalb des Manquehues. «Wir sind eine Volleyballer-Familie», erzählt der Enkel strahlend. Sein Vater Ricardo und sein Onkel Axel spielten in den 80er-Jahren in München in der ersten Volleyball-Bundesliga. Und Geverts beide älteren Brüder waren chilenische Nationalspieler.

Auch im Leben des sympathischen Sportlers steht Volleyball an erster Stelle: «Es ist mein Job Punkte zu machen.» Die Saison mit Düren verlief gut, die Mannschaft belegte den sechsten Platz der ersten Bundesliga. Der 2,04 Meter große Diagonalspieler punktete in der Hauptrunde 281-mal und kam damit auf Platz sechs der Liste der Top-Scorer. Mit dieser Leistung gehört er zu dem insgesamt zehn «wertvollsten Spielern» der Bundesliga.

 

Die Zahl 13

Jetzt kommen auf die Nationalmannschaft wichtige Aufgabe in Chile zu: Anfang August finden hier die Südamerikameisterschaften statt. Danach steht die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 an: «Das wird sehr schwer, Favorit für den Qualifikationsplatz ist Argentinien, die haben eine sehr gute Mannschaft», erzählt Sebastian Gevert. Zielsetzung für sein Team ist deswegen der zweite Platz.

Wenn er für die Nationalmannschaft auf das 18 mal neun Meter große Spielfeld läuft, ist bei Sebastian Gevert klar und deutlich eine weiße «13» auf dem schwarzen Trikot der Nationalmannschaft zu sehen. Das war nicht immer so. «Angefangen habe ich mir der Rückennummer 1.» Doch die war zu Beginn seiner Karriere bei der Nationalmannschaft schon von einem älteren Spieler besetzt. Alternativ wählte er die 13, mit der er prompt sein erstes Turnier gewann: «Seitdem spiele ich nur noch mit der 13.» Und nicht nur bei der Trikotnummer ist Gevert abergläubisch: «Ich ziehe immer zuerst den rechten Schuh an und betrete das Spielfeld immer zuerst mit dem rechten Fuß», verrät der Linkshänder.

 

Kölsch und Weizenbier

Was er tut, wenn er nicht gerade in der Sporthalle steht? «Ich liege gerne auf dem Sofa und schaue Filme. Ich habe sehr wenig Freizeit in Deutschland. Wir trainieren jeden Tag sechs Stunden. Und am Wochenende sind die Spiele, für die wir in alle Teile Deutschlands fahren.» Dennoch schafft er es einmal im Monat in Dürens einziger Disko das disziplinierte Leben eines Leistungssportlers kurzzeitig hintenan zu stellen. «In Deutschland wird viel Bier getrunken. Kölsch schmeckt sehr gut, aber ich mag vor allem Weizenbier.»

Wenn er in Santiago ist, genießt er es, mehr Zeit zu haben. Natürlich trainiert er auch hier jeden Tag, schafft es aber trotzdem, Freunde zu treffen und die Familie zu sehen.

Im anstehenden Wintersemester will Sebastian Gevert das Studium Sportmanagement an der renommierten Sporthochschule Köln beginnen. Die Doppelbelastung nimmt der notorische Frühaufsteher gerne in Kauf. «Ich muss etwas für die Zeit nach meiner Profikarriere aufbauen.»

Seine näheren Zukunftspläne sind jedoch eng mit dem Volleyball verknüpft. «Wenn alles gut läuft, kann ich noch mehr als zehn Jahre Volleyball spielen. Danach möchte ich versuchen als Trainer in Europa zu arbeiten.» Langfristig plant er aber wieder nach Chile zurück zu kommen. Sebastian Gevert: «Aber man weiß ja nie…».

 

Von Helena Haack

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