«Träume kann man nicht bremsen»

Sein Vater, ein gebürtiger Deutscher, kam 1929 nach Chile. Dessen Gebiet waren die Mercedes-Benz-Kraftwagen. Der Geschäftsmann verkaufte sie nicht nur, sondern übernahm auch ihre Wartung. Ricardo Lessmann trägt dieses Erbgut in seinem Inneren, daran ist nicht zu zweifeln.

 

Mitte der 1980er Jahre hatte er für Automotores Gildemeister die Vertretung des koreanischen Automobilherstellers Hyundai übernommen. Fünf Jahre später übernahm er die Leitung des Unternehmens, was ein bemerkenswert schnelles Wachstum zur Folge hatte. Heute gehört Minvest – wie sich die Holding jetzt nennt – zu den führenden Kraftfahrzeugimporteuren des Landes.

Diese erfreuliche Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Ricardo Lessmann besuchte die Deutsche Schule Santiago, «wo mich verschiedene Lehrer geprägt haben». Es war eine Zeit, in der die Pädagogen über lange Perioden an der gleichen Stelle lehrten und daher in einigen Fällen mehrere Schülergenerationen unterrichteten: «Herr Haberkorn war als Schulleiter eine außerordentliche Persönlichkeit, genauso hinterließ Frau Martinolli in Mathematik tiefe Spuren und ebenso Herr Petzold in Werken».

Als der Zeitpunkt näher rückte, an dem Ricardo sich für einen Beruf entscheiden sollte, sprach sein Vater den Wunsch aus, er möge doch nach Deutschland gehen und sich als Mechaniker ausbilden lassen. Der Schulabgänger hatte sich jedoch für Wirtschaftsingenieurwesen entschieden. «Mein Vater wollte, dass ich mit seinem Geschäft weitermachen sollte und ich wollte eben etwas anderes machen», erklärt er die Diskrepanz.

«Ich war am Handel interessiert, wollte ein Universitätsstudium absolvieren und keine technische Laufbahn in Deutschland». Dabei kam ihm die Schulpsychologin zu Hilfe: Sie eröffnete dem Vater unmissverständlich, dass in Anbetracht der Fähigkeiten seines Sohnes eine akademischen Ausbildung der richtige Weg sei, «und nicht wie er sich meine Zukunft vorstellte».

Lessmann konnte seinen Willen durchsetzen und studierte die erwünschte Laufbahn an der Universidad Católica: «Die Fakultät hatte damals in Los Dominicos ihren Sitz, es war ein wunderschöner Stadtteil, der noch wenig bebaut war».

Während seiner Ausbildung liebäugelte er in zunehmendem Maße mit einer juristischen Laufbahn, aber daraus sollte nichts werden. Als der Vater im Jahr 1974 verstarb, war an ein weiteres Studium nicht mehr zu denken. Der junge Geschäftsmann übernahm den Familienbetrieb «und lernte alsbald einiges über Automobile». Viel mehr lernte er jedoch von diesem Metier fünf Jahre später, als er begann, für ein großes Unternehmen zu arbeiten, welches mit Kraftfahrzeugen so renommierter Marken wie Ford, Mazda und Pegaso handelte.

 

Die Koreaner kommen

1980 lud Enrique Rudloff ihn ein, in die Firma Gildemeister einzusteigen. Hier kam er auf die Idee, Fahrzeuge des koreanischen Herstellers Hyundai zu importieren. Der Vorschlag wurde angenommen und durchgeführt. «Das war 1986», erinnert sich Lessmann, «und 1990 entschied die Leitung, den Pkw-Handel nunmehr zu beenden».

So machte Lessmann alleine weiter. Er hatte Vertrauen auf die ostasiatische Marke. Nachdem er in den 1980ern die ersten Hyundai-Autos kennengelernt hatte – «es war ein Modell namens Pony, das recht gut war und von dem hier viele als Taxen herumfuhren» – glaubte er, dass die Koreaner sich als gute Geschäftspartner erweisen würden: «Sie sind fleißig und ordentlich und dazu waren ihre Autos nicht teuer».

Die Rechnung ging auf. Ricardo Lessmann konnte auf der Basis der einstigen Kraftfahrzeug-Abteilung von Gildemeister einen Betrieb aufbauen, der kontinuierlich wuchs. Vor einigen Monaten konnte Minvest ein neunstöckiges Gebäude an der Straße Las Condes – in der Nähe der Klinik gleichen Namens – einweihen.

Damit war die bisher letzte Etappe im Ausbau der jungen Firma beendet. Vorher hatten Lessmann und seine Mitarbeiter eine Niederlassung in Pudahuel eingerichtet. Auf einem riesigen Gelände von 240.000 Quadratmetern befinden sich ein Ausstellungsraum, Wartungswerkstätten und ein Ersatzteildepot.

Den kommenden Jahren sieht Ricardo Lessmann mit Optimismus entgegen. Überraschend antwortet er den Unkenrufen in Beziehung auf eine Übersättigung des Marktes: «Ganz im Gegenteil: Chile ist rückständig. Wir haben weder eine Übersättigung noch ein Chaos, wenn wir Santiago etwa mit Bombay in Indien, Kairo in Ägypten, Seoul in Korea, Peking oder anderen Großstädten in China vergleichen. Dort gibt es Staus!»

Den Vergleich veranschaulicht er mit Ziffern: «Wir haben für 5,5 Einwohner ein Auto. In Europa sind es drei zu eins, in den USA 1,2 zu eins. Wir sind noch sehr weit davon entfernt. Wir müssten noch viermal so viel Autos haben, um den europäischen Standard zu erreichen. Außerdem ist der eigene Wagen der Traum eines jeden, er bedeutet ihm Unabhängigkeit. Das ist nicht zu ändern – Träume kann man nicht bremsen».

 

«Keine Zeit!»

Ricardo Lessmann weiß es aus eigener Erfahrung. Auch heute träumt er noch, trotz der Erfolge, die er bisher verbuchen konnte. «Wir müssten noch ein bisschen wachsen», meint er, «unser Aufschwung im Ausland ist im Gange: Wir sind in Peru, in Uruguay und in Mittelamerika präsent. In Brasilien fangen wir gerade an, dort ist es ein bisschen schwieriger». Da er beim Thema Zukunft angelangt ist, grübelt er: «Ich denke, noch etwa neun Jahre zu arbeiten. Mit 70 sollte man sich zurückziehen und in Pension gehen».

Nach seiner Freizeitgestaltung befragt, antwortet er auf der Stelle: «Keine Zeit! Aber wenn ich auf Geschäftsreisen unterwegs bin, richte ich es so ein, dass ich einiges kennenlernen kann. Übers Wochenende fahre ich gerne nach Santo Domingo, wo ich ein bequemes Haus habe. Dort arbeite ich viel, treffe mich aber auch mit Freunden, um gemeinsam zu essen und Gedanken auszutauschen. Nun, mit der Quantität E-Mails, die jeden Tag eintreffen, hat man nicht einmal Zeit, in ein Buch zu schauen».

Auf Lessmanns Bildschirm erscheinen täglich zwischen 150 und 180 Meldungen dieser Art, verrät er. Wie bearbeitet man so eine Anzahl? «Mit aller Ruhe», meint er belustigt. Und mit stählernen Nerven, möchte man hinzufügen. Lessmann ist nämlich außerdem Vorstandsmitglied verschiedener Einrichtungen. Von der Chilenisch-Koreanischen Handelskammer ist er der Vorsitzende, außerdem Mitglied der Corporación de Desarrollo Social de Pudahuel und Vizepräsident des Auxilio Maltés.

Um ein derartiges Pensum erfolgreich zu absolvieren, ist eine geordnete Planung vonnöten. Sie allein macht jedoch nicht den Erfolg aus: «Der hängt  hauptsächlich von einer guten Durchführung ab», hat er feststellen können.

So ein praller Terminkalender hat aber auch seine beglückenden Augenblicke: «Wir halten in Quilicura die Schule Padre Arrupe für sozial gefährdete Kinder», erzählt er, «sie hat 1.100 Schüler, die nach jesuitischem Vorbild unterrichtet werden, was jungen Menschen in diesem gesellschaftlichen Umfeld sehr zugute kommt, weil der Jesuitenorden sich auf diesem Gebiet gut auskennt. Wir verwalten die Subventionen, die der Staat uns zur Verfügung stellt, und wenn etwas fehlt, dann steuern wir es bei.»

Er kann sich beim Schildern ein Schmunzeln nicht erwehren: «Wenn die Verwaltung ihre Sache gut macht, fehlt wenig, und wenn wir nicht gut verwalten, dann fehlt halt mehr».

 

Walter Krumbach

 

 

Texto foto: Ricardo Lessmann: «Wir müssten viermal so viel Autos haben, um den europäischen Standard zu erreichen»

 

Foto: Walter Krumbach

 

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