Thomas Mittelstrass – neuer Leiter vom Insalco in Santiago de Chile

«Die berufliche Bildung sollte in Chile einen höheren Stellenwert haben»

Thomas Mittelstrass
Thomas Mittelstrass

 

Bereits fünf Jahre war Thomas Mittelstrass Lehrer sowie stellvertretender Leiter beim Berufsbildungszentrum (BBZ) der Deutschen Schule Villa Ballester in Buenos Aires. Nun will er als neuer Insalco-Rektor auch in Chile die duale Ausbildung weiter voran bringen.

 

Von Arne Dettmann

Seit vier Wochen lebt Thomas Mittelstrass in Chile. Aber vom richtigen Einleben kann noch keine Rede sein. Der Container mit den privaten Habseligkeiten aus Deutschland schippert über den Atlantik, Ankunft irgendwann. Die Familie ist als Zwischenlösung in einer vorläufigen Wohnung untergekommen, denn sie sucht ihr endgültiges Domizil, hoffentlich ein Haus mit Garten und dazu in der Nähe vom Insalco.

Und dort in der kaufmännischen Berufsschule (Instituto Superior Alemán de Comercio) wartete gleich zu Beginn natürlich eine Menge Arbeit auf den neuen Leiter. Einzig die drei Kinder Lenja (5), Luca (10) und Franka (13) hätten sich vom ersten Tag an sehr gut an der Deutschen Schule Santiago eingefunden und den Wechsel von Bayern nach Chile problemlos vollzogen. «Kinderleicht fiel ihnen das – wirklich fantastisch», muss der Vater stolz anerkennen.

 

Polizist, Bankkaufmann, Wirtschaftsgeograph, Lehrer

Aber auch Thomas Mittelstrass selbst dürfte das Rüstzeug haben, hier in Chile gut Fuß zu fassen. Der 48-Jährige stammt aus Weilheim in Oberbayern, machte eine Ausbildung zum Polizisten sowie Bankkaufmann, holte im Anschluss an einer Berufsoberschule das Abitur nach und studierte in München Wirtschaftsgeographie. Es folgte eine Promotion während seiner Arbeit beim Versicherungskonzern Münchner Rück, die er allerdings nicht abschloss. Denn ein Quereinstieg ins Lehramt ermöglichte ihm, sein Fachwissen in Geographie und Ökonomie an junge Menschen weiterzugeben. Der gesuchte Traumjob ward gefunden. «Es war die richtige Entscheidung. Vom ersten Tag an, als ich eine 10. Klasse unterrichtete, machte mir das einen riesigen Spaß. Und diese Freude hat bis heute angehalten.»

Sieben Jahre lang war Thomas Mittelstrass an einer Schule in der Nähe von München tätig, dann ging er 2010 nach Argentinien an die Deutsche Schule Buenos Aires. Neben dem Unterricht im Grundschulbereich widmete er sich der Studien- und Berufsberatung für ältere Schüler. Diese Arbeit mit jungen Erwachsenen wollte er vertiefen und wechselte somit schließlich zum Berufsbildungszentrum, an dem er Lehrer und stellvertretender Leiter wurde.

Nach fünf Jahren ging die Familie zurück nach Bayern. Doch in der Heimat hielt es sie nur drei Jahre. Als die Stelle am Insalco ausgeschrieben wurde und der vorherige Leiter Rudolf Schwinghammer ihn schließlich überzeugt hatte, packte die Familie erneut die Koffer. Chile ist übrigens keine Premiere für Thomas Mittelstrass: Mit einem Motorhome-Camping-Fahrzeug hat die Familie bereits die berühmte Carretera Austral erkundet und auch viel weiter nördlich die Atacama-Wüste kennen gelernt. «Chile ist ein faszinierendes Land und war in jedem Fall ebenfalls ein Grund, hierher zurückzukehren.»

 

Insalco bekannter machen, neue Kooperationen abschließen

Für seinen Posten als Rektor hat sich der 48-Jährige zunächst zwei Ziele gesetzt: Zum einen will er die Präsenz an der Deutschen Schule Santiago erhöhen. Sprich: Vor allem im chilenischen Bildungsgang soll das Insalco als Alternative zu einem Hochschulstudium bekannter gemacht werden. «Die berufliche Bildung hat in Chile leider nicht den gleich hohen Stellenwert wie in Deutschland. Das sollte sich ändern. Denn nicht jeder Schulabgänger ist sofort für ein Studium der Medizin, Architektur oder Jura geeignet.»

Eine zweijährige Ausbildung am Insalco biete eine gute Startposition für die Karriere, in der man anschließend immer noch ein Studium absolvieren könne. Die Berufsschule unterhalte derzeit mit den Universitäten Usach und Mayor Abkommen, in deren Rahmen der Insalco-Abschluss anerkannt und somit mehrere Semester für ein Studium erlassen werden. Und das ist sein zweites Ziel: Möglichst mit anderen Fachhochschulen in Deutschland ebenfalls solche Verträge abzuschließen.

Von der dualen Ausbildung nach deutschem Vorbild ist Thomas Mittelstrass zutiefst überzeugt. Dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlich so erfolgreich und die Jugendarbeitslosigkeit so gering gewesen sei, gehe auf dieses Partnerschaftsprinzip zurück. Eine Berufsschule bringt den Auszubildenden die Fachtheorie bei, während das entsprechende Unternehmen, bei dem der Azubi angestellt ist, die Praxis vermittelt. «Das ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Und insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen leben davon, weil sie mit diesem System ihren eigenen Nachwuchs perfekt ausbilden können.»

 

Win-Win-Situation für alle Beteiligten

Derzeit bietet das Insalco eine Ausbildung zum Schifffahrts- sowie Groß- und Außenhandelskaufmann an, außerdem werden Kaufleute für Spedition- und Logistikdienstleistungen ausgebildet. Thomas Mittelstrass kann sich vorstellen, dass in Zukunft ein Ausbildungsberuf im Bereich E-Commerce hinzukommt. Am BBZ in Buenos Aires werden zusätzlich auch noch Industrie-Kaufmann und eine Ausbildung im Büro-Management angeboten. Dort in Argentinien besuchen 60 Azubis das BBZ, während es in Chile am Insalco 40 sind. «Wir müssen hier in Chile also noch mehr Schüler und Unternehmen davon überzeugen, dass bei diesem Modell alle Beteiligten eigentlich nur gewinnen können.»

Eine Hemmschwelle für einen Einstieg bei Insalco sei der Unterricht, der zu 75 Prozent auf Deutsch stattfinde. «Das ist schon eine Herausforderung: Fachtheorie lernen – und dann noch auf Deutsch.» Doch Thomas Mittelstrass habe nach seinen Besuchen an der Deutschen Schule Santiago den Eindruck, dass das Deutschniveau sehr gut sei. Der Übergang auf ein spezielles Wirtschaftsdeutsch sollte kein wesentliches Problem darstellen. Und überhaupt: «Mit Englisch sind wir am Insalco praktisch dreisprachig. Mit dieser Sprachvielfalt haben Insalco-Absolventen tolle Chancen beruflich aufzusteigen.»

Apropos Aufsteigen: Die Schweizer Berghütte Lagunillas im Cajón del Maipo hat der eingefleischte Skifahrer bereits besucht. Doch Skitouren konnte er noch nicht unternehmen. Denn seine gesamte Ausrüstung befindet sich noch im besagten Container in Richtung Chile. Somit hat sich Sohn Luca auch in puncto Sport schneller in Chile integriert als der Vater. Denn der 10-Jährige spielt bereits eifrig Fußball im Club Manquehue.

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