«Theater kann wie Träumen sein»

Die chilenische Schauspielerin Alexandra von Hummel Zegers (40) liebt deutsches Theater. Ihre Idole sind Thomas Ostermeier und Frank Castorf. Der berühmte Ausspruch «Theater ist Krise» von Heiner Müller, einem der bedeutendsten deutschen Dramatiker der Nachkriegszeit, ist ihrer Ansicht nach eine treffende Beschreibung für den Theaterbetrieb in Chile.

4123_p16_1

Alexandra kommt gerade von Proben für das neue Stück «Los Millionarios» ihrer Theaterkompanie «La María», das kurz vor der Uraufführung steht und zum Programm von Santiago a Mil gehört. Wir treffen uns im Leerté, einem der neuen Cafés im alten Zentrum von Santiago, das sich an ein junges internationales Publikum wendet, Bücher zum Tauschen anbietet, eine Speisekarte für Veganer hat und mit Aufklebern Werbung für die Kampagne «Fleischfreie Montage» macht.
So kurz vor der Uraufführung am Theater der Universidad Católica hat Alexandra nicht viel Zeit. Nicht oft haben kleine private Theatergruppen die Gelegenheit, in einem Saal wie dem der Católica an der Plaza Ñuñoa aufzutreten – und dann auch noch im Programm des internationalen Theaterfestivals Santiago a Mil aufgenommen zu werden. «500 Zuschauer fasst der Saal wohl», überlegt Alexandra laut. Andererseits schätzt sie, dass Theaterstücke in einer Saison oftmals nicht mehr als tausend Zuschauer insgesamt erreichen. «Das ist eine Realität in Chile».
Eine Saison für ein Theaterstück in Chile dauert im Schnitt zwei Monate. In anderen Ländern sind es sechs Monate. «In Chile arbeitet man in anderen Jobs, um das, was man im Theater macht, zu subventionieren. Theater ist nicht rentabel», sagt Alexandra über den Beruf, den sie gewählt hat. Sie sagt das nicht bedauernd, sondern versucht so eine Realität zu vermitteln: «Wenn die Fischer wissen, dass es keinen Fisch gibt, fahren sie nicht raus. Obwohl wir im Theater oft vorher wissen, dass wir mit einem bestimmten Stück kein Geld verdienen werden, machen wir es trotzdem».
Nach der Schule hat sie an der Universidad Católica zwei Jahre lang Bauingenieurswesen studiert. Ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel, warf sie das Studium hin, um sich für Theater einzuschreiben. «Ohne vorher jemals auch nur an einem einzigen Theaterkurs in der Schule teilgenommen zu haben», erzählt sie. Noch immer ist sie selbst erstaunt über die Art, wie ihre Entscheidung zustande kam, die ihr Leben bestimmen sollte. «Das war ein großer Umbruch», erinnert sie sich. «Ich habe immer eine blühende Fantasie gehabt, mir Dinge vorgestellt. Theater kann wie Träumen sein. Kino ist dagegen viel näher an der Realität dran».
So entschied sie sich fürs Theater und studierte an der Universidad de Chile. Das sei nicht nur ein Wechsel des Berufes, sondern auch der sozialen Klasse gewesen. «Es kam zu einer Explosion in meinem Kopf», beschreibt sie das Erlebte. An ihre behütete Schulzeit in Las Condes auf der katholischen Mädchenschule Villa María, die von nordamerikanischen Nonnen geleitet wurde, erinnert sie sich nicht gerne. Da es keine deutsche Schule gewesen sei, sei ihr Nachname immer belächelt worden. «Es hat mir gar nicht gefallen, von Hummel zu sein», sagt sie.
Zu verdanken hat sie diesen Nachnamen ihrem Großvater väterlicherseits. Alles, was sie von ihm weiß, ist, dass er im Ersten Weltkrieg sein Haus verloren hatte und vor dem Zweiten Weltkrieg alleine nach Chile ausgewandert war und eigentlich Hossenfels von Hummel hieß, den Namen aber in Chile geändert hat. Auch mütterlicherseits ist sie mit derart klanghaften Namen beschert worden. Ihr Großvater war deutsch-jüdischer Abstammung und hieß Hochschild. Alexandra vermutet, dass er etwas mit Bergbau im Norden zu tun gehabt hat. Doch Genaues weiß sie nichts.
Die deutschen Wurzeln sind in ihrer Familie in Vergessenheit geraten. Ihr Vater starb, als sie nur sieben Jahre alt war. Er war Betriebswirt und arbeitete für die große US-amerikanische Bank Wells Fargo in New York, San Francisco und Sao Paulo. In San Francisco wurde Alexandra geboren, lebte dann als Kind in São Paulo und kam mit vier Jahren nach Santiago. Während ihrer Kindheit erinnert sie sich nur an wenige Dinge, die mit Deutschland zu tun hatten: das Weihnachtsfest, und ihr Großvater erzählte ihr von Erdbeeren und Himbeeren. Ihre Mutter spricht noch ein wenig Deutsch. Sie selbst hat die Sprache jedoch nie gelernt.
«Ich trage so eine Nostalgie in mir», sagt Alexandra. «Ich würde gerne zu diesen Wurzeln zurückgelangen». Einen Schritt in diese Richtung hat sie bereits getan: Ihr Sohn Gabriel (7) geht in die erste Klasse der Schweizer Schule. «Mir haben die Kindergartenräume so gut gefallen. Sie sind wie kleine Häuser, sie haben sogar eine Küche eingebaut». Sie ist davon angetan, dass ihr Sohn in einem interkulturellen Umfeld aufwächst und dass die Schüler an der Schweizer Schule zum kritischen Denken angeregt werden.
Der Vater ihres Sohnes ist gleichzeitig ihr Partner in der Theaterkompanie. Alexis Moreno ist der Autor vieler Stücke von «La María». Alexandra und er sind der Kern der Gruppe, die in 15 Jahren Dutzende von Stücken auf die Bühne gebracht hat und auch schon auf Tournee in Frankreich und in Japan war. Die anderen Schauspieler, mit denen sie regelmäßig zusammenarbeiten, sind Elvis Fuentes, Rodrigo Soto, Manuel Peña und Tamara Acosta. Zudem gehören die Grafikdesigner Rodrigo Ruiz und Ricardo Romero mit dazu.
Alexandra spielt und ist gleichzeitig Regisseurin, Organisatorin und vieles mehr. Nebenbei gibt sie Schauspielunterricht an Universitäten, im Moment an der Universidad Mayor. Sie hat aber auch schon als Dozentin an der Universidad de Chile, der Católica und für Arcis gearbeitet. «Selbst Hector Noguera hält bezahlte Vorträge, um sein Theater in Peñalolén zu finanzieren. Auch Alfredo Castro», nennt sie chilenische Kinostars. «Es ist für alle gleich», sagt sie und meint damit so etwas wie «egal ob groß oder klein».
Für Alexandra ist das aber auch in Ordnung so. Da ist sie ganz bei Heiner Müller, der mit seinem Ausspruch «Theater ist Krise» auch meinte, dass Theater nicht anders sein kann. Es ist eben keine Handelsware, sondern gleichzeitig Luxusgut und notwendig für die kulturelle Bildung eines Volkes. Wäre es eine Handelsware, würde viel vom künstlerischen Ausdruck verloren gehen. Dennoch würde sich Alexandra für Chile ein ähnliches Subventionssystem wie in Deutschland wünschen, bei dem die Theaterkompanien nicht alljährlich Projekt für Projekt um dieselben öffentlichen Ausschreibungen konkurrieren müssen, sondern dass es längerfristige Finanzierungen gäbe.
Mit «Los Millionarios» fasst «La María» ein brandheißes Eisen an. Es geht um einen Mapuche, der wegen eines gewalttätigen Überfalls vor Gericht steht. Das Stück ist an die Ereignisse um die Familie Luchsinger angelehnt. Es ist noch vom 21. bis 24. Januar im Theater der Universidad Católica zu sehen.

Petra Wilken

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*