«Hey, wir sind im Jahr 2017!»

Sven Petrich, Start-up-Gründer eines smarten Zeiterfassungssystems

Sven Petrich
Intelligente Lösungen statt Zettelwirtschaft: Der 33-jährige Sven Petrich bietet in Chile ein Zeiterfassungssystem an.

Der 33-jährige Jungunternehmer Sven Petrich hat seinen Lebensmittelpunkt nach Chile verlegt, um sein Start-up neben Australien und Deutschland auch hier abheben zu lassen. Seine Firma Hi Key Resources bietet ein intelligentes Zeiterfassungssystem an, das die Bergbau-, Bau- und Dienstleistungsindustrie ins digitale Zeitalter katapultieren soll.

Von Petra Wilken

Er hatte es bei seinem Job für einen deutschen Konzern in Sydney festgestellt: Im Bergbau wird für alle Arbeitsprozesse, die mit der Rohstoffgewinnung zu tun haben, Hightech verwendet. In der Administration hingegen geht es noch zu wie in der Steinzeit. «Blauer Zettel, weißer Zettel mit Durchpaus-Papier. So werden die Stunden registriert, dann tippt das jemand ab, und bis das aus dem Outback nach Sydney gekommen ist und ausgewertet wird, sind drei Wochen vergangen», berichtet Petrich.

Als er diesen Mangel erkannte, war das der Startschuss für sein Start-up. Er kündigte seinen gut bezahlten Job und machte sich selbstständig. «14 Monate hat es gedauert, bis alles fertig entwickelt war. Wir haben viel Zeit und Geld investiert und alles mit einem eigenen IT-Team inhouse entwickelt».

Im August 2016 waren sie mit dem Produkt Time2L (sprich Timetool, auf Deutsch Zeitwerkzeug) in Australien auf dem Markt und haben dort bereits eine Baufirma und ein Bergbauunternehmen von dem Nutzen des digitalen Systems zur Steuerung von Service-Projekten und der Erfassung von Stunden pro Projekt überzeugen können. In beiden Unternehmen erfassen die Mitarbeiter auf den Baustellen und in den Minen täglich ihre Stunden mit Time2L. Die Daten aller Mitarbeiter stehen nach Freigabe durch die Vorgesetzten in Echtzeit im zentralen System bereit. Damit gewinnt das Unternehmen einen besseren Überblick, welche Stunden auf welche Aufträge gebucht werden und gleichzeitig erfolgt die Abrechnung der Mitarbeiter zügiger und fehlerfreier.   

«Es ist richtig cool», strahlt Petrich. Weg von Exceltabellen und Zettelwirtschaft, hin zu Echtzeit und smarten Lösungen. «Hey, wir sind im Jahr 2017!» Der Firmenname Hi Key Resources ist der Fotografie entlehnt und soll verdeutlichen, worum es geht: um Transparenz und um beste Nutzung der Ressourcen – womit Personal und Ausrüstung gemeint sind. «Wir wollen zu einem Ressource Management 2.0 kommen, bei dem Mitarbeiter, Equipment und Planung einbezogen werden. Damit kannst du dann sehen, wo brauche ich den Bagger wann, wen brauche ich dafür, welche speziellen Kenntnisse muss der Fahrer haben», erklärt Petrich. Das Ganze funktioniert natürlich auf dem Smart- oder Iphone genauso wie im Browser.

Dass es in seiner Welt für fast alles englische Ausdrücke gibt, ist für ihn normal, spätestens seitdem er sich 2004 entschieden hat, International Business zu studieren. Viele seiner Schulkameraden im bayerischen Lauingen bei Augsburg entschieden sich für ein BWL-Studium. Aber er wollte raus aus Bayern und auf Englisch studieren. In Maastricht machte er seinen Bachelor und an der Erasmus-Universität in Rotterdam seinen Master.

Vier Tage nach Abgabe seiner Masterarbeit wurde er zu einem Assessment-Center einer Unternehmensberatung für Energieunternehmen in der Schweiz eingeladen. Das war an einem Freitag im September. Für den Montag darauf hatte er ein Ticket für eine halbjährige Weltreise in der Tasche. Er bestand das Auswahlverfahren, und als sie ihn fragten, wann er anfangen könnte, musste er das Vorhaben der Reise gestehen. «Passt es dann im April?» Das passte, und die Vertragsbedingungen wurden von Hong Kong aus verhandelt.

Weitere Stationen per Couchsurfing (Netzwerk für Unterkünfte; Amerk. d. Red.) und Airbnb (Buchung und Vermietung von privaten Unterkünften): Südafrika, Singapur, Malaysia, Australien, Neuseeland, Samoa, Hawaii, die USA und die Karibik. «Ich kann es nur jedem empfehlen, der die Chance hat, eine solche Reise zu machen. Und besser alleine, denn so lernt man die locals und die jeweilige Kultur kennen. Du öffnest deinen Horizont», meint Petrich. Vielleicht haben diese Erfahrungen auch dazu beigetragen, die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer zu stärken: Der junge Unternehmer hat neben all seinen anderen Aktivitäten auch noch eine eigene Hilfsorganisation gegründet.

Begonnen hat das soziale Engagement, als er 25 war und beruflich mit einem Kollegen in Kontakt kam, der ein Projekt des Vereins Wort und Tat in Moldawien leitete. «Es war krass, dort die Einzelschicksale von Leuten kennenzulernen. Im Winter ist es 35 Grad unter null kalt, und selbst ein Arzt kann es sich nicht leisten zu heizen. Das hat mich persönlich voll getroffen», erzählt er. «Meine Mutter hatte gute Kontakte zu Schulen bei uns zuhause und ich zu Krankenhäusern. Wir haben 200 Schulbänke und 400 Stühle, 48 Krankenbetten, zehn Dialyse-Geräte und ein Röntgengerät dorthin geschafft. Allein für den Transport des letzteren brauchten wir einen 40-Tonner».

Im Jahr 2012 gründete er den Verein Jayma Kunan, was auf Quechua so viel wie «Helft gemeinsam» bedeutet und mit dem er in Armenvierteln in Lima mehrere Projekte umgesetzt hat. Dass es jetzt Lima wurde, hatte ganz private Gründe: Er hatte seine jetzige Verlobte kennengelernt, eine Peruanerin. «Genau gesagt haben wir uns wiedergetroffen, denn wir hatten uns schon bei einem Austauschsemester an der Hochschule St. Gallen kennengelernt. Nach fünf Jahren habe ich eine vierwöchige Rundreise in Südamerika gemacht und Marcela arbeitete gerade in Santiago. Ich habe sie gefragt, ob sie mitkommen würde».

Petrich war damals gerade in München bei einer Firma für Elektromobilität in Österreich und Skandinavien zuständig. «Wir einigten uns darauf, dass sich jeder ein Jahr lang nach dem anderen richten würde, was den Wohnort betrifft. Ich war zuerst dran und bin alle sechs bis acht Wochen von München nach Santiago geflogen. Ich war hier immer zu europäischen Geschäftszeiten erreichbar und habe online gearbeitet». Als Marcela nach Mexiko City versetzt wurde, wurde es langsam kritisch. «Ich habe super wenig Schlaf bekommen und es ging mir gesundheitlich nicht mehr gut».

Zum Glück bekamen beide Jobangebote in Australien. Auch von dort aus setzten sie die solidarische Arbeit in Lima fort. Für einen Sportplatz brauchten sie 20.000 australische Dollar. Das Geld beschafften sie durch eine Ironman-Wette in den sozialen Netzwerken und jede Menge Hartnäckigkeit.

Für den Ironman zu trainieren ist für Sven Petrich normal. Er geht in jeder Mittagspause ins Schwimmbad und fährt täglich 45 Minuten Rad. Auch in Chile hat er ein Triathlon-Team gefunden, das für nationale und internationale Marathon-Wettbewerbe trainiert. Mit ihnen geht es jedes Wochenende mit dem Fahrrad Richtung Farellones hoch.

Wann arbeitet er dann noch, frage ich ihn erschöpft vom puren Zuhören. «Mein Tag beginnt jeden Morgen um 5.30 Uhr, auch am Wochenende». – Ich habe keine weiteren Fragen.

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