«Sprachreisen sind ein unvergessliches Erlebnis»

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Der Schweizer Richard Gabriel ist Leiter der Sprachreiseagentur Yalea Languages mit Sitz in Santiago de Chile. Mit dem 35-Jährigen sprach der Cóndor über Vokabeln pauken, Online-Vermarktung und Schweizerdeutsch. Das Interview führte Arne Dettmann.

Cóndor: Richard, wie kamst du dazu, eine Agentur für Sprachreisen zu gründen?
Richard Gabriel: Die Idee dazu ist aus Reisen entstanden. Mein Bruder hat Spanisch in Guatemala gelernt, ich selbst in Ecuador. Und unser Freund und Geschäftspartner Martin studierte ein Austauschsemester an der Universidad Católica hier in Chile. Wir empfanden es als ein schönes Erlebnis, im Ausland eine Sprache zu erlernen. Allerdings waren wir vom Service der vermittelnden Agenturen nicht gerade begeistert. Zurück in unserer Heimat Schweiz dachten wir dann: Das können wir besser machen! Und so gründeten wir 2004 Yalea Languages.

Was bietet ihr an?
Wir vermitteln Sprachreisen für zehn Sprachen, darunter Englisch, Deutsch und Spanisch, aber auch zum Beispiel Chinesisch und Russisch. Yalea Languages arbeitet weltweit mit 200 Sprachschulen zusammen. Das Angebot umfasst die gesamte Bandbreite: von Anfängerkursen bis hin zu Sprachreisen für Geschäftsleute. Je nach Bedürfnissen und beruflichen Zielen wird das Angebot maßgeschneidert. Dazu zählen auch Freizeitangebote. In Chile beispielsweise kooperieren wir mit vier Sprachschulen. Eine in Santiago und eine in Viña del Mar; bei unserer Partnerschule in Pichilemu kann man nicht nur Spanisch lernen, sondern auch im Pazifik surfen. In Iquique wiederum gibt´s zudem Gleitschirmfliegen.
Außerdem bieten wir auf unserer Internetseite www.yalea.cl kostenlos das Online-Magazin «VeinteMundos» an, in dem Nachrichten auf Spanisch über die spanischsprachige Welt zu lesen sind. Dazu gibt es online Grammatikübungen, einen Vokabeltrainer und ein Wörterbuch. Das Gleiche machen wir auch auf Englisch mit «TeaTime-Mag». Unser Internet-Angebot wird gut angenommen: Wir haben rund eine Million Besucher pro Quartal.

Welche Länder sind bei den Kunden am meisten angesagt?
Sehr viele wollen nach Kanada, die USA, England, Neuseeland und Australien. Auch Südafrika, Irland und Schottland sind beliebte Ziele. Denn Englisch ist mit Abstand die Sprache, die am meisten gewählt wird. Chile ist zwar auch in der Nachfrage im Kommen, aber als Sprachziel für Spanisch nicht die Nummer eins. Das liegt wohl auch ein wenig an der nicht gerade leicht verständlichen Aussprache hier vor Ort. Bei Spanisch zieht es die Leute eher nach Spanien, Argentinien oder Costa Rica. Mexiko war früher sehr beliebt, hat aber aufgrund der Nachrichten über den Drogenkrieg an Attraktivität eingebüßt.
Unsere Kunden in Europa sind im Schnitt zwischen 16 und 35 Jahre alt, also Schüler, Studenten und junge Berufstätige, die eine Sprache erlernen wollen und sich Zeit nehmen, das jeweilige Land kennen zu lernen. In Chile betreuen wir derzeit viele Firmenkunden.

Und was ist mit Deutschland?
Wir vermitteln auch Deutschkurse in 6 Städten, darunter Frankfurt, Berlin und Hamburg. So hatten wir unter anderen bereits eine ganze chilenische Familie, die zum Sprachkursus nach Deutschland gegangen ist. Zudem bieten wir auch Kurse in Österreich an.

Und deine Heimat, die Schweiz?
Außer im französischen Teil des Landes leider nicht. Denn das Schwyzerdütsch ist ein Dialekt – oder man könnte fast sagen eine Sprache – welche sich schon sehr stark vom Hochdeutschen unterscheidet. Das würde nur verwirren.

Bitte ein Beispiel. Was heißt auf Schweizerdeutsch: Am Abend trinke ich gerne chilenischen Rotwein oder ein deutsches Bier?
Am Abig trink ich gärn chilenischä Rotwii oder äs dütsches Biär. Dieser Satz ist jetzt gar nicht so unterschiedlich. Allgemein würde ich jedoch sagen, dass es sich etwa wie Spanisch zu Portugiesisch verhält. Der Einfluss des Hochdeutschen ist bei vielen Wörtern interessant: In meiner Region sagen wir zum Beispiel «Stäge» für Treppe. Für Rolltreppe hingegen benützen wir nicht Rollstäge, was eigentlich logisch wäre, sondern ebenfalls Rollträpe. Stäge ist natürlich ein viel älteres Wort als Rolltreppe und wurde beim Aufkommen der neuen Technologie wohl verdrängt. Heute passiert das gleiche ja oft mit englischen Ausdrücken, welche wir im deutschen Sprachraum übernehmen. Schweizerdeutsch kennt keine offizielle Orthografie, da wir in der Schule oder geschäftlich in Deutsch schreiben. Zwischen Freunden wird jedoch trotzdem oft in Schweizerdeutsch geschrieben. Man schreibt dann einfach so, wie man es für richtig hält.

Euer Firmensitz ist in der Schweiz eingetragen, doch die Zentrale befindet sich hier in Santiago. Wie ist es dazu gekommen?
Ich stamme aus Goldau, nahe der Stadt Luzern. Dort fand auch die Firmengründung statt. Am Anfang haben wir nur Spanischsprachreisen angeboten. Dann kam Englisch hinzu, um unseren Marktanteil zu erhöhen. Doch schon bald stießen wir in der Schweiz auf größere Konkurrenten, was nicht gerade leicht war. Der Wettbewerb in Europa ist hart, wir brauchten einen langen Atem, um uns durchzusetzen. Und man muss viel Zeit und Marketing investieren, um sich einen Namen zu verschaffen.
Da unser Mitgründer Martin bereits Kontakte in Chile hatte, lag es nahe, hier auch zu expandieren. Dass wir jetzt unsere operative Firmenzentrale mit 25 Mitarbeitern hier in Santiago haben, liegt aber auch an anderen Faktoren: Chile gilt als Land mit nur wenig Korruption, viel Transparenz und attraktiven Rahmenbedingungen für Investitionen. Außerdem hatte uns das Land gut gefallen. Ich war bereits zuvor per Rucksack durch Chile gereist.

Was hast du studiert?
Nach der Matura habe ich Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre in Lausanne studiert, wo Französisch gesprochen wird. Ein Austauschsemester habe ich zudem in Stockholm verbracht.

Wie viele Sprachen sprichst du?
Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und – mit ein paar Abstrichen – Schwedisch. Und wenn man so will: auch Schweizerdeutsch. Dazu muss man sagen, dass die Schweiz ihre Bürger geradezu darauf trimmt, andere Sprachen zu erlernen. In einem Land mit vier Landessprachen ist es für den Zusammenhalt wichtig, dass möglichst viele Leute andere Landessprachen sprechen. Es ginge etwas verloren, wenn Schweizer aus verschiedenen Sprachregionen sich nur noch in Englisch unterhalten würden.

Welche Bedeutung haben Sprachen heutzutage?
Englisch sollte man sicher können. Auch für Chile, das sich international weiter öffnet und vernetzt, ist das ein Minimum. Ich erhoffe mir, dass Chile hier Terrain gutmacht. Es geht viel Potential verloren, wenn nur die wenigsten die Weltsprache Nummer Eins wirklich beherrschen, wie dies zurzeit der Fall ist
Weitere Sprachen sind natürlich von Vorteil. Mit Englisch kommt man zwar häufig überall weiter. Doch ins Herz einer Person gelangt man über dessen Muttersprache. Außerdem eröffnet eine Sprache die Möglichkeit, die Kultur des Landes kennen zu lernen. Und natürlich kann eine Fremdsprache auch berufliche Türen öffnen.

Bei Yalea Languages läuft vieles über das Internet. Doch kann das Digitale das mühsame Vokabeln pauken ersetzen?
Wer online eine Sprache erlernen will, braucht Disziplin, um sich nicht am Bildschirm durch andere Sachen ablenken zu lassen. Und wie bei allen Sachen, die man erlernt, macht es am Anfang nicht immer sofort Spaß. Der stellt sich etwas später ein.
Unser hauptsächliches Angebot im Internet sind jedoch die Sprachreisen – alles Weitere stellt eine Online-Begleitung dar und wird mit Sicherheit nicht die Reise ersetzen, die ja ein besonderes Erlebnis darstellt und vom interessanten Kontakt mit Menschen einer anderen Kultur lebt. Einmal über einen längeren Zeitraum jeden Tag 24 Stunden lang in eine neue Sprache und einen neuen Kulturkreis einzutauchen – von dieser tollen, ja unvergesslichen Erfahrung berichten uns begeistert viele Kunden.
Richtig ist, dass wir uns als Unternehmen stark über die neuen Technologien vermarkten. Die Sprachreisen kosten bei uns nicht mehr, als wenn man einen Kursus direkt bei einer Schule buchen würde, da wir als Agentur von unseren Kooperationspartnern einen Rabatt erhalten. Zudem können wir als größere Agentur die Qualität der Schulen besser verifizieren und eine Garantie für das Niveau abgeben. Es gibt in unserer Branche nicht nur anerkannte Qualitätssiegel, sondern auch regelmäßige Treffen zwischen Schulen und Agenturen. Wir sind außerdem immer direkt über das Handyprogramm WhatsApp erreichbar und Kunden können im Unterschied zur Direktbuchung in ihrer Muttersprache mit uns kommunizieren. Sei dies in Spanisch, Deutsch, Französisch oder Englisch

Richard, wir bedanken uns für das Gespräch.

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